Trauma-Verarbeitung

Liebes Tagebuch

20.06.2016

Kummer, Ängste und Wünsche – Themen, die oft geheim sind. Ein Tagebuch ist für viele Menschen nicht nur ein Fundus an Erinnerungen vergangener Tage: Das Schreiben hilft auch in schwierigen Zeiten. Es ist eine Möglichkeit, Frust und Schmerz rauszulassen und Gedanken zu ordnen.

Viele Opfer von häuslicher Gewalt haben nicht den Mut, sich jemandem anzuvertrauen. Sie schreiben oft Tagebuch, um das Erlebte zu verarbeiten. Auch bei Liebeskummer, Prüfungsangst, Trennung und Krankheit hilft das Aufschreiben. |Bild: Elena Menstell

Sie hält es ganz fest in den Händen. Mit jedem ihrer Finger umklammert sie das dunkelgrüne Buch. Einige Minuten vergehen, bis
Julia K.* den Blick von ihrem Tagebuch wendet und aufschaut. Eine Träne fließt ihr über die Wange. Sie atmet tief durch und beginnt mit zittriger Stimme, über die schlimmste Zeit ihres Lebens zu sprechen. Vor eineinhalb Jahren verfasste die damals 36-Jährige ihren ersten Tagebucheintrag. „Zu dieser Zeit wurde mein Ehemann alkoholabhängig. Als er seinen Job verloren hat, ging alles bergab. Während ich unser Geld verdient habe, trieb er sich in Kneipen herum." Der Alkohol habe einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Damals konnte sie sich aus Scham nicht überwinden, jemandem von ihrer Situation zu erzählen und entschied sich, ihre Gedanken aufzuschreiben.


„Die Streitereien wurden schlimmer. Im Februar letzten Jahres hat er mich im Suff
das erste Mal geschlagen. Ich war sein Sündenbock."


So wie Julia K. geht es auch anderen Menschen. Viele haben nicht den Mut, mit einer vertrauten Person zu sprechen und schreiben ihre Sorgen in ein Tagebuch. „Sobald ich mir Zeit nehme, tief in mich gehe und das Erlebte zu Papier bringe, entsteht eine weitere Sichtweise und ich bekomme ein wenig Distanz hinein", meint die Psychotherapeutin Gabriele Wurster. Beim Schreiben reflektiere die Betroffene, was ihr Kummer bereitet und wie sie sich fühlt. Außerdem werde sich die Person darüber klar, warum etwas geschieht und wie sie selbst eine Lösung finden kann. Das Aufschreiben könne so bei der Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen helfen.

Gefahren

„Im Prinzip sind die Tagebuchschreiberin und die Beschriebene zwei verschiedene Personen. Ich kann natürlich viel Schreiben, auch über Dinge, die ich im Leben gar nicht umsetze. Insofern birgt Tagebuch schreiben die Gefahr, dass ich mir alles im Tagebuch festhalte, aber nicht in mein Leben integriere. Wenn die Konsequenz fehlt, muss ich vermutlich mit einem Menschen sprechen oder therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen", meint Wurster.

Warum ist Tagebuchschreiben hilfreich?
Wir entlasten uns, in dem wir den Frust ungehemmt aufschreiben: Beim Schreiben sortieren wir lose Fragmente von Eindrücken, Gefühlen und Gedanken und fügen sie zu einer schlüssigen Geschichte zusammen. Lose Fäden werden dabei so verschnürt, dass sie den Geist nicht mehr so stark beschäftigen.


Er würde mich doch nie schlagen, wenn er nicht betrunken wäre.
Er liebt mich doch, oder?

Auch solche Sätze schrieb Julia K. in ihr Tagebuch. Die Stuttgarterin wollte ihre schwierige Situation nicht wahr haben und versuchte, die Taten ihres Mannes zu verharmlosen. „Manchmal begleiten diese Tagebücher wirklich wichtige Lebensphasen. Selten dreht sich der Autor nur im Kreis. Wenn man einige Seiten zurückblättert und diese liest, ist eigentlich immer eine Linie erkennbar. Da sieht man, wie sich die Sichtweise auf manche Dinge verändert", erklärt Wurster. Somit könne eine Veränderung eingeleitet werden. Auch Julia K. vertraute sich nach einigen Monaten – in denen sie jeden Tag einen Eintrag verfasste – ihrer älteren Schwester an.

Erinnerungen

Das Faszinierende an Tagebucheinträgen ist in vergangene Zeiten einzutauchen. „Manchmal ist das aktuelle Schreiben der wichtigste Prozess und nicht das spätere Lesen des Eintrags. Ob ich mich damit nochmal konfrontieren will und zurückblicke, das ist jedem selbst überlassen", meint die Psychotherapeutin Gabriele Wurster. Allerdings können Tagebücher rückblickend auch Mut machen. Der Autor wird sich bewusst, welche Krisen er im Laufe seines Lebens schon gemeistert hat. Oft ist man erstaunt, wie groß ein Problem damals schien und wie klein es sich heute anfühlt.

„Ich bin noch nicht bereit, meine Tagebücher zu lesen. Die Aufschriebe versetzen mich in die Situationen zurück, als mein Mann handgreiflich wurde. Ich war so verzweifelt und wollte nicht mehr leben."

Julia K. lebt heute im Haus ihrer Eltern und ist froh, die schlimme Zeit überstanden zu haben. Es sei ihr trotz allem nicht leicht gefallen, sich von ihrem Mann zu lösen. Eine Therapie habe ihr die Augen geöffnet und dabei geholfen, die Scheidung einzureichen. Sie versuche, nach vorne zu blicken und ihr Leben wieder zu ordnen. „Ich wollte nach diesem harten Lebensabschnitt über schöne Dinge schreiben – das mache ich übrigens bis heute."

Wie schreibe ich am besten Tagebuch?
Die Art und Weise, wie man schreibt, sei sehr unterschiedlich. „Fließt es aus mir raus oder konstruiere ich meine Sätze; hangle ich mich an den Fakten entlang oder sind auch schon Gefühle dabei? Beim Tagebuch schreiben gibt es kein Richtig oder Falsch", so Wurster. Heutzutage gibt es auch viele Tagebuch-Apps, die genauso effektiv sind. Es sei einfach Geschmackssache, ob man in ein Buch schreibt oder in das Smartphone tippt.

Bewusster leben

Auch die positiven Dinge des Alltags schriftlich festzuhalten, fördert das Wohlbefinden. Es gibt verschiedene Formen der Tagebücher. „Das Positiv-Tagebuch kann für Menschen, die eher eine depressive Färbung haben, über einen bestimmten Zeitraum sehr sinnvoll sein", meint die Psychotherapeutin. Die Betroffenen erinnern sich an positive Ereignisse, Gefühle, Beobachtungen oder Wahrnehmungen und schreiben diese Tag für Tag auf.

„Wir schreiben oft Tagebuch, weil wir diesen inneren Drang haben. Sobald ein Konflikt geklärt ist, ist das Aufschreiben nicht mehr notwendig. Wie ein Medikament, das man irgendwann nicht mehr braucht", erklärt Wurster. Für Menschen, die ein Leben lang Tagebuch schreiben, sei es eine Form der Selbstreflexion. „Manche meditieren und andere schreiben Tagebuch. Sich bewusst Zeit nehmen um den Tag zu reflektieren und so über die eigenen Gefühle und Gedanken klar werden – das ist sehr gesund."


Straßenumfrage: Stuttgarter Passanten erzählen, warum sie Tagebuch schreiben.

Pubertät

Viele Teenager schreiben Tagebuch, vor allem junge Mädchen. „Das hat viel mit dem Schamgefühl zu tun. Es erfordert mehr Mut, mit einer vertrauten Person zu sprechen. Da die Gedanken einen oft quälen, schreiben junge Menschen sie auf. Der Effekt: Ich habe es aufgeschrieben und bin es los; ich entlaste mich also. Es heißt ja auch: Ich schreibe es mir von der Seele", erklärt die Psychotherapeutin. Das Tagebuch eines Jugendlichen und eines Erwachsenen unterscheide sich in der Reife und natürlich den Inhalten. Allerdings seien die Urprobleme – wie beispielsweise Schuld und Scham – die gleichen. Ein weltberühmtes Beispiel ist das Tagebuch der Anne Frank. Auch die untergetauchte Jüdin schrieb seit ihrem dreizehnten Geburtstag Tagebuch und berührte mit ihren Aufschrieben Millionen von Menschen. „Für dieses Mädchen, aber auch für viele andere Menschen, war das Schreiben sicherlich lebensnotwenig."


*Name von der Redaktion geändert

Total votes: 94
 

Über den Autor

Elena Menstell

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016