Theater im öffentlichen Raum

Lokstoff für Flüchtlinge

11.05.2015

Dass Theater nicht nur etwas für ältere Menschen ist, will das Team von „Lokstoff! – Theater im öffentlichen Raum“ mit ihrem Konzept beweisen. Dabei ist es ihnen wichtig aktuelle Themen aufzugreifen. Schon im dritten Jahr wird das Stück Revolutionskinder aufgeführt. Ein Stück, in dem die meisten Schauspieler keineswegs Profis sind sondern Jugendliche und Flüchtlinge.

„Das Volk fordert Dialog! Das Volk fordert Respekt", schallt es einem während der Theaterproben der Revolutionskinder entgegen. Ungefähr 40 Jugendliche stehen sich mit erhobenen Fäusten in zwei Gruppen gegenüber und gehen bei jeder Parole einen Schritt näher aufeinander zu. Man spürt die Spannung in der Luft.

„Durch die Flüchtlinge wird das Stück für die anderen Jugendlichen zur Realität"

Das Stück „Revolutionskinder" wird in der Stuttgarter Stadtbibliothek aufgeführt und dreht sich um Revolution und Freiheit. Neben dem festen Ensemble spielen dabei auch Jugendliche und junge Flüchtlinge mit. Dabei prallen nicht nur Kulturen aufeinander, sondern auch teilweise traumatische Erlebnisse und außergewöhnliche Geschichten. „Bevor die Flüchtlinge zu uns kommen, müssen sie natürlich erst einmal Vertrauen kriegen. Wenn sie dann aber spüren, dass sie bei uns willkommen sind, wird das Angebot sehr geschätzt und ernst genommen", sagt Kathrin Hildebrand, Gründerin von „Lokstoff!". Einige warten sogar jede Woche auf die Proben, da es eine willkommene Abwechslung für die Flüchtlinge ist. Der 20-jährige David bemerkt: „Ich habe sehr viel Zeit und Langeweile. Wenn ich aber jeden Sonntag hier her komme, habe ich viel Spaß. Ich konnte hier viele deutsche Jugendliche kennen lernen und dadurch habe ich sehr schnell Freunde gefunden." David musste vor neun Monaten aus dem Irak nach Deutschland flüchten, da er in seinem Heimatland aufgrund seines christlichen Glaubens von der ISIS verfolgt wurde.

David kommt, wie alle anderen Flüchtlinge, die bei „Revolutionskinder" mitspielen, durch den kulturellen Sprachkurs „Kultur macht Sprache" zum Theater. „Lokstoff!" hat im Januar 2015 diesen Kurs ins Leben gerufen. Damit soll Flüchtlingen, die nicht mehr unter die deutsche Schulpflicht fallen, die Chance gegeben werden, richtig Deutsch zu lernen. Doch nicht nur die Flüchtlinge finden das Theater-Angebot hilfreich. Die deutschen Jugendlichen werden durch die Flüchtlinge näher an die Thematik des Stücks herangeführt, denn sie kennen den Wunsch nach Freiheit kaum. „Wenn jetzt Jugendliche dabei sind, die ihre bewegenden Geschichten erzählen, die sie selbst erlebt haben, wird das Stück auf einmal zur Realität für die anderen Jugendlichen und sie setzen sich ganz anders damit auseinander", erzählt Kathrin Hildebrand.

Bei den Proben herrscht keineswegs ein strenger Ton, auch wenn das jugendliche Ensemble nach Kathrin Hildebrand „ein Flohhaufen ist, der es mit der Pünktlichkeit nicht immer allzu genau nimmt". Vielmehr spürt man eine freundschaftliche, fast schon familiäre und ausgelassene, Stimmung. Da das Theater das Stück ohne Unterstützung nicht realisieren könnte, wird es durch das Projekt „jep – Kultur macht stark" gefördert. „jep" setzt sich besonders für bildungsbenachteiligte Jugendliche ein.

Der Inhalt wird von allen mitgestaltet

Neben der Hauptgeschichte des Stücks, die sich um das von der Politik unterdrückte Liebespaar Pyramus und Thisbe dreht, werden auch die Biografien von einigen Jugendlichen in das Stück mit eingebracht. Sie dürfen ihre eigenen Texte und Geschichten in das Stück einfließen lassen und bekommen dabei Unterstützung vom Ensemble des Theaters. So kann jeder Schauspieler seinen Teil zum Stück beitragen. Auch Regisseur Wilhelm Schneck steckt in den Pausen immer wieder die Köpfe mit ein paar Jugendlichen zusammen und erklärt, was sie noch besser machen können und wie man als Schauspieler noch überzeugender rüberkommt. Vor allem die Flüchtlinge, die manchmal noch mit der deutschen Sprache zu kämpfen haben, bekommen Tipps von den Profis. Zum Beispiel wie man die Aussprache einzelner Wörter verbessert.

„Deutschland muss eine Willkommenskultur entwickeln"

Integration hat bei „Revolutionskinder" höchste Priorität. Sogar eine blinde Schauspielerin spielt beim Stück mit. Das erfordert zwar teilweise andere Herangehensweise, wird aber von allen bedingungslos angenommen. Was Integration wirklich ausmacht, das sieht hier jeder ein bisschen anders. David findet, dass es hier in Deutschland super ist und er selbst hätte keine Verbesserungsvorschläge. Er kann sich hier frei bewegen, was ihm sehr wichtig ist. Sein Ziel ist es jetzt, die deutsche Sprache perfekt zu lernen und eine Arbeit als Automechaniker zu finden. Kathrin Hildebrand ist beim Thema Integration in Deutschland eher skeptisch. Sie findet zwar, dass die Grundstimmung der deutschen Gesellschaft gegenüber Flüchtlingen eher positiv ist, allerdings gebe es an vielen Stellen noch Verbesserungsbedarf. „Vor dem Staat sind die Flüchtlinge oft nur eine Nummer, die Persönlichkeit wird kaum wahrgenommen. Aus diesen Nummern müssen Menschen werden und man sollte mehr auf die Individuen achten. Deutschland muss eine Willkommenskultur entwickeln!" Außerdem wünscht sie sich, dass die Hilfe weiter vorne an den Landesgrenzen beginnt und den Flüchtlingen schon auf dem Weg hier her jemand zur Seite steht. Sie kreidet an, dass die Menschen hier zwar legal leben dürfen, sie aber illegal aus ihrem Land fliehen müssen. Wenn der Staat schon vorher Hilfe leisten würde, würde es ihrer Meinung nach so etwas wie das „Massengrab Mittelmeer" gar nicht geben.

Durch Revolutionskinder will das Theater den Flüchtlingen eine Stimme geben und darauf aufmerksam machen, was es heißt unterdrückt zu werden, sich nicht frei bewegen zu können und fliehen zu müssen.

Einblick in die Proben der „Revolutionskinder"

Quelle: Marcia Scharf

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Über den Autor

Marcia Scharf

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015