Kosmetik

Make-up: Zwischen Selbstliebe und Unsicherheit

26.01.2017

Die einen tun es täglich, die anderen nur gelegentlich und wieder andere verzichten ganz darauf. Die Rede ist von Make-up. Was aber, wenn man ohne Concealer, Rouge und Co. nicht mehr aus dem Haus gehen kann, weil es zu einem Schutzschild vor Unsicherheit und Ängsten geworden ist?

Jede zweite Frau in Deutschland zeigt sich laut einer Studie des Marktforschungsinstitut Infratest nie ungeschminkt vor ihrer Familie und ihrem Partner |Foto: Munira Bekit

Als ich Sarah H.* an einem Montagmorgen in ihrer WG in Würzburg besuche, erwartet mich eine bildschöne junge Frau mit auffällig geschminkten Augen und knallroten Lippen. Sie lächelt kaum und wirkt sehr selbstbewusst.

Sarah führt mich an ihren Lieblingsplatz in der Wohnung: Ein Schminktisch in ihrem Zimmer mit unzähligen Kosmetikprodukten, alles perfekt organisiert. Die Wände sowie Bettwäsche und Kissen sind in Rosatönen gehalten. An den Wänden hängen Fotos von der hübschen Studentin mit ihrer Familie, Freunden und ihrem Freund. Sarah schminkt sich seit sie 14 Jahre alt ist. Anfangs nur gelegentlich, mittlerweile jeden Tag. Das geht nicht nur ins Geld, sondern kostet sie auch täglich eineinhalb bis zwei Stunden ihrer Zeit. Ihren Freunden gegenüber würde sie das allerdings nicht zugeben. Am liebsten ist es ihr, wenn die Menschen in ihrem Umfeld denken, dass sie nicht viel Zeit und Kosmetikprodukte braucht, um perfekt auszusehen.

„Ohne Make-up fühle ich mich hässlich"

Die junge Studentin ist beliebt, hat viele Freunde und ist in einer Beziehung. Das war nicht immer so. „Früher, als ich noch 20 Kilo schwerer war und mit Akne zu kämpfen hatte, wurde ich von meinen Mitschülern wegen meines Aussehens gemobbt", erinnert sich die 23-jährige zurück. Nachdem sie mit 18 Jahren abnahm und ihr Hautbild sich verbesserte, veränderte sich alles. Neue Klamotten, Idealgewicht, das richtige Make-up und neu gewonnenes Selbstbewusstsein haben sie beliebt gemacht. Sarah sagt von sich selbst, dass sie nicht ohne Make-up leben könnte und sich ohne Make-up hässlich findet. Sie schminkt sich auch, wenn sie nicht aus dem Haus geht. „Ungeschminkt fühle ich mich nicht wohl und außerdem kommt mein Freund manchmal unangekündigt vorbei und der soll mich nicht ungeschminkt sehen" erzählt die 23-jährige während sie mit ihrer goldenen Armbanduhr spielt und ich merke, dass es ihr unangenehm ist darüber zu sprechen.

Umso länger ich mich mit Sarah unterhalte, desto aufgeschlossener wird sie. Die Fassade der perfekt geschminkten, selbstsicheren und unnahbaren jungen Frau bröckelt langsam. Wenn sie lacht, zeigen sich ihre Grübchen und im Laufe des Gespräches lerne ich eine intelligente Frau kennen, die eigentlich nur von der Gesellschaft akzeptiert werden will.

Komplimente pushen das Selbstwertgefühl – eine Beleidigung im Internet ist wie ein Schlag ins Gesicht

Als Jugendliche hat Sarah Klavier gespielt und im Chor gesungen. Heute verbringt sie den größten Teil ihrer Freizeit auf Instagram. Sie folgt Models, Bloggern und Freunden und lädt selbst regelmäßig Bilder von sich hoch. „Es macht Spaß Bilder hochzuladen und viele Likes und Komplimente dafür zu bekommen." Mit gesenktem Blick fügt die Studentin hinzu: „Genauso krass ist es aber auch andersrum. Einmal hat eine Freundin ein Bild von uns gepostet auf dem ich ungeschminkt und etwas unvorteilhaft aussah. Da waren Kommentare wie „Wer ist denn die Hässliche neben dir" noch die weniger gemeinen Kommentare. Das verletzt einen dann schon." Früher wurde Sarah gemobbt, weil sie ein paar Kilos mehr drauf und mit Unreinheiten im Gesicht zu kämpfen hatte. Heute, ist sie sich sicher, gibt es mindestens genauso viele Leute, die sie als oberflächlich, arrogant und dumm bezeichnen. Nur würden sie ihr das heute nicht mehr ins Gesicht sagen. „Die Leute werden nie aufhören, Schwächere nieder zu machen um sich selbst besser zu fühlen. Das habe ich inzwischen verstanden. Vielleicht bin ich irgendwann selbstbewusst genug, um ungeschminkt aus dem Haus zu gehen und Bilder zu posten, ohne darüber nachzudenken, was andere wohl über mich sagen."

Warum vergleichen wir uns mit Models aus Magazinen?

Dass Frauen sich mit Models vergleichen führt die psychologische Beraterin Gabriele Letsche auf die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen nach Aufmerksamkeit und Bewunderung zurück. „Jeder von uns besitzt Stärken, aber auch Schwächen. Viele Menschen fokussieren eher ihre Schwächen als ihre Stärken. Auf der Suche nach Gründen für den empfundenen Aufmerksamkeits-, Bewunderungs- oder Erfolgsmangel im Leben, denken zahlreiche Frauen, es läge an ihren Makeln und Schwächen, ihrer äußeren Unvollkommenheit. Die Models auf Magazinen oder Plakaten suggerieren Erfolg, Beliebtheit, Aufmerksamkeit und Bewunderung." Dass die Models nichts mit der Realität zu tun haben, blenden wir dabei aus.

„Die Folgen einer negativen Haltung zu sich selbst reichen von Neid, Essstörungen, Schlafstörungen, sexuelle Störungen, Angst keinen Partner zu finden oder Angst den Partner zu verlieren, über schwere Depressionen bis hin zur Sucht nach Eingriffen der plastischen Chirurgie."

Außerdem sind Frauen einem größeren Druck ausgesetzt dem Schönheitsideal zu entsprechen als Männer. Der Grund hierfür liegt, so Letsche, in der Sozialpsychologie. Während Männer primär über Leistungserfolge definiert werden, wird die Frau dagegen primär über den Schönheitsaspekt definiert.

Welchen Einfluss haben die Medien auf das Schönheitsideal von Jugendlichen?

Letsche sieht die Medien in erster Linie als Informationsquelle. Vielmehr läge der Grund dafür, dass sich schon junge Frauen nicht mehr ungeschminkt zeigen wollen, in fehlendem Selbstwertgefühl. „Aus meiner Praxis kann ich sagen, dass Frauen mit einem gesunden Selbstwertgefühl auch einen realistischen Umgang mit ihrem Äußeren pflegen. Für diese Frauen ist ein makelloses Äußeres keine existenzielle Notwendigkeit. Allerdings kann die Schönheit und Makellosigkeit, wie sie in den Medien publiziert wird, die negative Haltung, die man zu sich selbst hat, verstärken."

*Name wurden von der Redaktion geändert.

Umfrage: Wie wichtig ist Frauen Make-up und Co. und was Männer davon halten |Audio: Munira Bekit

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Über den Autor

Munira Bekit

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016