Stadtgestaltung

Mehr als nur ein Lückenfüller

07.06.2017

Baulücken, Zeitlücken, soziale Lücken, Bewusstseinslücken, rechtliche Lücken, Wissenslücken – Lücken gibt es viele in Stuttgart. Doch es gibt auch die Initiative Stadtlücken. Unter dem Motto „Mehr Recht auf Stadt“ setzt sich die Gruppe für ein stärkeres Bewusstsein für den öffentlichen Raum ein.

Die Initiative Stadtlücken steht für eine neue Form des Einsatzes. | Foto: Katrin Stahl und Cordula Egeler

Es ist Mittwoch, 19 Uhr, ein kleines Café im Stuttgarter Osten. Auch an diesem Abend ist der Tisch im Nebenraum reserviert: „Stadtlücken, 10 Personen". Lücken gibt es in dieser Runde keine, man muss eng zusammenrücken, den Kreis erweitern, denn immer wieder schauen neue Gesichter zur Tür herein. Was sie alle miteinander verbindet? Der gemeinsame Wunsch, das Bewusstsein für die Stadt zu stärken und den öffentlichen Raum als demokratischen Raum für alle verständlich zu machen.

Wie jede Woche trifft sich die Gruppe in entspannter Atmosphäre. |Foto: Katrin Stahl und Cordula Egeler

Mehr Recht auf Stadt

Stadtlücken – das ist eine Initiative, die für eine neue Form des Engagements steht. Ihr Motto: „Für mehr Recht auf Stadt!". Auf ihrer Webseite bezeichnet Stadtlücken sich selbst als „Netzwerk zum gemeinsamen Entwickeln von Anwendungen für Lücken in der Stadt Stuttgart". Ob Baulücke, soziale Lücke oder Wissenslücke – die einzelnen Definitionen sind nicht immer so klar voneinander abzutrennen. Manchmal kommt es auch zur Verschmelzung mehrerer Lücken an einem Ort. Ein Paradebeispiel dafür ist der Österreichische Platz unter der Paulinenbrücke.

                               „Wo ist eigentlich der Österreichische Platz?" – diese Frage stellte Stadtlücken vergangenen Herbst den Stuttgartern.|Foto: Stadtlücken

Hier engagierte sich Stadtlücken im vergangenen Herbst mit der Aktion „Wo ist eigentlich der Österreichische Platz?". Zwei Wochen lang gastierte die Gruppe mit einem aus Brettern gebauten Souvenirshop, verkaufte selbst hergestellte Fanartikel zum Österreichischen Platz, organisierte Konzerte und Lichtinstallationen. Besucher und Passanten waren eingeladen, mitzumachen und sich einzubringen. Stadtlücken belebte den, für viele Menschen unattraktiv wirkenden, Platz und damit auch die Diskussion um ungenutzte Lücken in Stuttgart.

Die Mitglieder von Stadtlücken antworten auf die Frage, was für sie eine soziale Lücke ist. |Quelle: Katrin Stahl und Cordula Egeler

Manchmal sind die Lücken auch nicht nur an einem einzigen Ort, sondern überall in Stuttgart zu finden: Öffentliche Parkplätze, Sackgassen, leer stehende Gebäude. Auch Gehsteige werden oftmals nicht als nutzbarer Raum wertgeschätzt und deshalb von der Stadt und ihren Bewohnern vernachlässigt.

Mitmachen erwünscht!
Einmal im Monat organisiert Stadtlücken im Theater Rampe die öffentliche Veranstaltung „Wem gehört die Stadt?". Eingeladen sind alle, die sich für ein lebenswerteres Stuttgart interessieren. Mehr Informationen findet Ihr hier.

Das Netzwerk wird größer

Entstanden ist die Idee der Initiative im Rahmen einer Masterarbeit zweier Architekturstudenten aus Stuttgart. Obwohl Hanna und Sebastian Stadtlücken initiiert haben, sehen sie sich nicht als Kopf der Gruppe. „Wir sind ein Team und überzeugt von der Verantwortung des Einzelnen,", so Sebastian, „deswegen funktioniert es auch so gut." Diese Idee des Kollektivs spiegele sich auch im Programm von Stadtlücken wider, denn auch in einer Stadt müsse jeder seinen Teil beitragen: Nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren. Seit der Gründung im Frühjahr 2016 ist die Zahl der aktiven Mitglieder auf elf gestiegen. Offiziell. Denn immer mehr Interessierte zieht es zu den Treffen, Projekten und Aktionen, welche alle ehrenamtlich organisiert werden. Die Gruppe, bestehend aus Architekten, Stadtplanern und Kreativen, ist seit Oktober als gemeinnütziger Verein eingetragen und gerät zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das Netzwerk wird größer: „Wir müssen uns nun auch verstärkt mit der Struktur und der Kommunikation untereinander beschäftigen", erzählt Hanna.

Zurück im Café: Spanische Musik läuft im Hintergrund, das Stimmengewirr nimmt zu, eine neue Runde Getränke wird bestellt. Auf dem Tisch verstreut liegen Flyer und vollgeschriebene Notizbücher. Bei Stadtlücken merkt man jedem Einzelnen die Überzeugung von und die Begeisterung für die Sache an. Nach und nach werden die Tagesordnungspunkte besprochen, immer wieder unterbrochen von Vorschlägen und Diskussionen. Ein Thema: St. Maria in der Tübinger Straße. Die katholische Kirche im Stuttgarter Süden wird zurzeit renoviert, die Gemeinde ist auf der Suche nach neuen Nutzungsmöglichkeiten – und hat Stadtlücken als Kooperationspartner angefragt. Die Gruppe ist bereits eifrig dabei, Ideen zu sammeln. Soll der Kirchenraum neben dem Gottesdienst als Café genutzt werden, als Ort für Konzerte oder andere Kulturveranstaltungen? Jede Gedankenspielerei ist willkommen.

Entdecke Stuttgarts Stadtlücken! Viele Projekte sind noch in Planung.|Quelle: Stadtlücken, Grafik: Katrin Stahl und Cordula Egeler

Neue Definitionen für die Stadt finden

Stadtlücken initiiert eigene Aktionen, versteht sich aber zudem als Ansprechpartner und Vernetzer für andere Gruppen, die sich für einen bewussten Umgang mit der Stadt engagieren. Das sei anfangs auch die Grundidee gewesen. „Wir haben geschaut, was es so an Initiativen in Stuttgart gibt – und das ist eine Menge", so Hanna. „Obwohl alle die gleichen Fragen bewegten, hat jeder allein für sich gearbeitet. Unser Ziel war und ist es, die Zusammenarbeit untereinander zu stärken, uns zu vernetzen und damit auch eine lautere Stimme in der Öffentlichkeit zu erhalten." Neue Definitionen für das Phänomen Stadt finden, das sieht die Initiative als ihre Aufgabe. Denn Stadt, da sind sich alle einig, ist etwas, das immer weiter wächst. Einig sind sich auch alle darin, dass Stuttgart „gar nicht so schlecht" sei: Eine Stadt mit Qualität und Potenzial, in der man als Gestalter und Architekt noch eine Menge bewegen könne. Und da wird man wohl auch in Zukunft noch einiges von Stadtlücken hören.

Was könnte in Stuttgart besser werden? Die Mitglieder von Stadtlücken reflektieren. |Quelle: Katrin Stahl und Cordula Egeler

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Über die Autoren

Cordula Egeler

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17

Katrin Stahl

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17