Nachhaltiges Lesen

Meine - Deine - Unsere Bücher!

04.02.2015

Bücherfreunde und Leseratten sind vertraut mit Büchern, die einmal gelesen ihr Dasein im Regal fristen. In Kisten verpacken oder sogar wegwerfen tut der Seele weh, kommt also meistens nicht in Frage. Aber wie wäre es, sie stattdessen mit anderen Bücherfreunden im öffentlichen Bücherschrank zu teilen oder über BookCrossing auf Reisen zu schicken? Das schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch Ressourcen.

Ein einsames Buch auf einer Parkbank in Stuttgart. Viele Menschen gehen vorbei, ohne es groß zu beachten. Doch dann schnappt es sich jemand, der zielstrebig draufzusteuert und nimmt es mit nach Hause. Es wurde absichtlich dort liegen gelassen, damit sich ein anderer daran erfreuen kann. Und das nicht nur zufällig, man nennt das BookCrossing.

„Wenn du deine Bücher liebst, lass sie frei!" - The New York Times

BookCrossing ist ein globaler Trend, bei dem Bücher neues Leben geschenkt wird, indem sie an andere Leser weitergegeben werden. Die Idee stammt von dem amerikanischen Bücherfreund Ron Hornbaker, der 2001 bookcrossing.com ins Leben rief. Weltweit beteiligen sich mittlerweile über eine Million BookCrosser, auch schon über 70 000 in Deutschland. Über die Webseite kann man die Reise seines Buches sogar problemlos mitverfolgen. Dazu werden sie gekennzeichnet und im Anschluss „freigelassen", wie BookCrosser es nennen. Und das ist erstaunlich simpel. Ich möchte Hemmersmoor von Stefan Kiesbye freizulassen, dazu brauche ich zunächst eine BC ID, eine BookCrossing Identifikationsnummer. Diese dient im Prinzip als eine Art Reisepass für mein Buch. Um eine Nummer zu bekommen, muss man sich registrieren bzw. einloggen und schon kann es losgehen. Ein paar Klicks später habe ich mein Buch registriert und eine ID erhalten. Diese drucke ich auf einem vorgefertigten Etikett aus und klebe sie in mein Buch. Für kreative Köpfe gibt es auch die Möglichkeit die Etiketten selbst zu gestalten, oder eine persönliche Widmung im Buch anzubringen.

Bücher als Flaschenpost

Bevor ich nun aber meine erste Erfahrung mit dem Freilassen mache, unterhalte ich mich mit Hannah. Sie ist 27 und seit etwa zwei Jahren BookCrosserin. „Eine Freundin hat mir davon erzählt und eine Einladung geschickt. Ich fand das ziemlich cool, hab’ das dann aber zuerst nicht weiterverfolgt.", sagt sie. An die Gründe kann sie sich nicht so recht erinnern. Vielleicht lagen ihr ihre Bücher doch zu sehr am Herzen. Die Entscheidung es doch zu versuchen hat sie dann spontan getroffen, als sie ein Buch doppelt hatte. Aber wo lasse ich mein Buch denn nun frei? Buchhandlungen sind keine gute Idee, auch in Bibliotheken sollte man vorher fragen. Ebenso rät die Internetseite davon ab, Bücher an Flughäfen oder im Flugzeug liegen zu lassen, wegen der möglichen Sicherheitsrisiken. Ansonsten bieten sich natürlich öffentliche Plätze, Kneipen, Parkbänke, Cafés oder die Universität an. „Auf das Wetter solltest du auch achten. Bücher und Regen vertragen sich nicht so gut.", lacht Hannah. So weit, so gut. Mit diesen Ratschlägen im Gedächtnis laufe ich durch Stuttgart und suche nach einem geeigneten Ort. Es regnet oder schneit fast die ganze Zeit, deswegen entscheide ich mich spontan dazu, es mit zur Hochschule zu nehmen, um es dort freizulassen. Alles Weitere liegt nicht mehr in meiner Hand. Jetzt liegt es am Finder, mir über die Eingabe der BC ID auf bookcrossing.com mitzuteilen, was aus meinem Buch wurde. Wer weiß, vielleicht reist es ja irgendwann weit über die Stadtgrenzen von Stuttgart hinaus?

Ein weiterer Aspekt des BookCrossing ist die große Community. Sie ermöglicht es, mit Menschen aus aller Welt in Kontakt zu treten und sich über Bücher und vieles mehr auszutauschen. Hier habe ich auch Hannah kennengelernt und kontaktiert. Regelmäßige Treffen, sowohl national, als auch international, gehören ebenfalls dazu. So habe ich beispielsweise auch von den Treffen der Stuttgarter BookCrosser erfahren - und eines davon besucht.

Das BookCrosser Treffen im Schlesinger

Das Treffen fand am 13. Januar 2015 statt.

Wegzehrung für Bücherwürmer

Eine andere Möglichkeit seinen Bücherschätzen ein neues Zuhause zu geben, sind öffentliche Bücherschränke. Dabei handelt es sich um Regale oder Schränke, die frei zugänglich an öffentlichen Orten stehen. Genauso, wie BookCrossing, sind diese Gemeinschaftsmöbel völlig umsonst und laden dazu ein, Bücher zu tauschen. Sie dienen als Ort der Begegnung (wenn auch vielleicht nur indirekt) für Bücherfreunde, aber auch mit Literatur allgemein. Benutzerregeln gibt es nur eine Hand voll. Kein Ausleihformular ist nötig, jeder kann ganz anonym so viele Bücher mitnehmen und abgeben wie er will. Es ist aber ratsam genauso viele Bücher einzustellen, wie man mit nach Hause nimmt. Sonst würde das Tauschsystem auch auf Dauer nicht funktionieren. „Meinen" Bücherschrank, eine zweckentfremdete Telefonzelle, habe ich in Untertürkheim gefunden. Hier wird der Nutzer beispielsweise dazu angehalten, nicht das letzte Buch mitzunehmen, ohne ein Neues zurückzulassen. Auch wird darum gebeten, die Bücher nicht zweireihig zu platzieren. Das funktioniert hier aber noch nicht so gut, wie ich schnell feststellte. Die gelbe Bücherzelle in der Widdersteinstraße gibt es erst seit Dezember 2014. Entstanden ist die Idee hierzu am „Runden Tisch", klärt mich Marlene Blumenstock, Mitinitiatorin der Bücherzelle auf. Dieser findet in unregelmäßigen Abständen im Kulturtreff Untertürkheim statt. Neben der Beschaffung einer Telefonzelle, war es nötig, eine Genehmigung einzuholen und Unterstützung zu beantragen. Ebenso musste ein Standort bestimmt werden. Die Wahl fiel auf das Ende der Fußgängerzone, in der Hoffnung, diese zusätzlich zu beleben.

Das Gemeinschaftswohnzimmer in Untertürkheim

Den Platz am oberen Ende kann man mit einem Wohnzimmer vergleichen: Bänke als Sofa, Bepflanzung und eine Straßenlaterne als Beleuchtung, dazu die Bücherzelle. Er soll zum Schmökern einladen und die Bürger hierher locken. Zudem ist die Telefonzelle ein Blickfang, der den Ortskern bunter gestaltet. Freiwillig kümmern sich einige Bürger aus Untertürkheim um das Bücherregal indem sie z.B. aussortieren. Probleme gab es bisher kaum, so Blumenstock. Nur einmal standen in der Bücherzelle einige Umzugskartons mit alten Reiseprospekten, kriegsverherrlichenden Büchern und anderem unerwünschten Altpapier. Trotzdem würde man auf den Plan B, die Zelle nachts abzusperren, gerne verzichten. Allgemein ist aber offensichtlich, dass die Bücherzelle sehr gut angenommen und genutzt wird. Das improvisierte Regal aus Weinkisten in der Telefonzelle ist schon sehr voll. Auch ich lasse eines meiner Bücher hier zurück. Dafür nehme mir „Die Känguru Chroniken" von Marc-Uwe Kling mit, das wollte ich schon immer mal lesen.

Mein freigelassenes Buch an der HdM. Wer hat’s gefunden? (Bild: Mirjam Schwarz)

Für mich war es nicht leicht, Bücher herzugeben, obwohl ich keine große emotionale Bindung zu ihnen habe. Bücher einfach irgendwo abzulegen erschien mir irgendwie seltsam. Aber gleichzeitig kann es auch unglaublich spannend sein. Hat das Buch schon jemand aus dem Regal genommen? Hat jemand mein BookCrossing-Buch eingefangen und mir eine Nachricht geschickt? Was aus meinem Buch geworden ist weiß ich leider noch nicht. Falls du es gefunden hast, sag mir doch bitte noch Bescheid! Egal, für welche Variante man sich letztendlich entscheidet, das Tauschen von Büchern ist eine Erleichterung für das Bücherregal und macht Anderen eine Freude. Und spannender als wegwerfen ist es allemal.

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Über den Autor

Mirjam Schwarz

Print and Publishing (Master)
Eingeschrieben seit: SoSe 2014