Sharing Economy

Meins war gestern – Konsum 2.0

18.01.2016

Tauschen statt kaufen, teilen statt besitzen – so lautet das Motto der Sharing Economy, die immer mehr Anklang findet. In der Theorie sollen Umwelt und Ressourcen geschützt und der Alltag erleichtert werden. Doch wie sieht das in der Praxis aus?

Teilen ist brandaktuell, wird heiß diskutiert. Eigentlich ist es aber schon uralt. Schaut man sich bewusst in der eigenen Umwelt um, kann man das Grundprinzip des Ko-Konsums in vielen Bereichen wiederfinden. Egal ob Unibibliothek, die eigene Wohngemeinschaft, der Waschsalon an der Ecke oder die haufenweise angesammelten Mehrwegflaschen in der Küche – alles basiert auf dem Grundgedanken der Sharing Economy. Im Laufe der Zeit wurde dieser weiterentwickelt und durch die zunehmende Digitalisierung begünstigt. Social-Media-Plattformen wie Facebook machen das Teilen möglich und erst recht einfach. Besonders unter jungen Leuten ist das Teilen von Dingen, Dienstleistungen und Fähigkeiten beliebt. Die Digital Natives haben die Vorteile einer Generation des Teilens erkannt und beleben sie neu.

Als die Branche zu boomen begann, waren vor allem Tauschringe und Mitfahrzentralen populär. Heute ist das Angebot für Tausch- und Teilbereite weit gefächert. Neben Kleidung (kleiderkreisel.de), Essen (foodsharing.de) und Büroräume (sharedesk.net) kann man mittlerweile sogar Tiere teilen. Verrückt oder heutzutage ganz normal? Für Reinhard Loske, Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke, ist die Antwort klar: „Angebote wie DogSharing sind albern." Dennoch: Auf ebay ist „Dogsharing" ein häufig gesuchter Begriff. Um sich angemessen um das Tier kümmern zu können, kann man sich die Betreuung des Vierbeiners mit anderen teilen. Die Plattform gassi-gassi.de bietet Hundebesitzern die Möglichkeit, den passenden Hundesitter zu finden.

„Auf einmal hat alles einen Preis"

Obwohl der Markt dicht besiedelt ist, finden erfolgreiche Vorreiter wie BlaBlaCar immer mehr Nachahmer, die auch vom Erfolg des Teilens profitieren wollen. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – versuchen Neueinsteiger oft Nischen zu besetzen und hoffen, einen Nerv der Generation Y zu treffen. „Dabei wird oft die Gefahr übersehen, dass uns wirtschaftliches Denken bereits in vielen Bereichen unseres Lebens einschränkt. Auf einmal hat alles einen Preis. Es gibt keine Nachbarn und Freunde mehr, nur noch Kunden und Dienstleister", sagt Michael Conzelmann, Marketing und PR-Chef von leihbar.net. LEIHBAR ist ein Berliner Start-Up, das Alltagsgegenstände vermietet. Man hat die Möglichkeit, Utensilien für einen bestimmten Zeitraum auszuleihen. Die Idee kam Conzelmann und seinem Team Anfang 2013.

Michael Conzelmann im Gespräch über LEIHBAR

Michael Conzelmann erklärt, wie das Ausleihen von Gegenständen, wie z.B. Bohrer, Beamer oder Staubsauger, funktioniert. Foto: Michael Conzelmann

Solidarität statt Gewinnmaximierung?

Wir alle haben schon mal gedacht, dass das übrig gebliebene Essen zu schade zum Wegwerfen ist. Doch sicherlich die Wenigsten haben sich dazu entschieden, es zur Abholung anzubieten. Mit den Fairteilern an öffentlichen Plätzen wollen die Macher von Foodsharing der Wegwerfgesellschaft von heute entgegentreten. Jeder, der etwas in den Schrank legt, darf sich im Gegenzug auch etwas anderes mitnehmen. Foodsharing ist eine der wenigen Plattformen, die auf ehrenamtlichem Engagement basiert. Nicht alle Sharing-Dienstleister wirtschaften im Auftrag der guten Sache. Es geht auch um Profit. Für Michael Conzelmann sind Sharing-Economies wie Airbnb und Uber eine Übertragung von wirtschaftlichen Prinzipien auf einen privaten Bereich. „Diese Leute betreiben letztendlich Kapitalismus. Sie bieten eine Plattform, auf der Menschen gegenseitig in Austausch treten können, verlangen jedoch für alles eine Gebühr. Früher hat man sich an die Straße gestellt und den Daumen rausgehalten und es hat einen jemand mitgenommen. Das war ein Freundschaftsdienst. Heute wird diesem Freundschafts- bzw. Nachbarschaftsdienst auf einmal ein Preis gegeben. Dadurch entsteht eine Monetarisierung des Privatlebens", so Michael Conzelmann. Am Ende ist eben auch das Teilen ein Geschäft.

Ökologischer Mehrwert – Mehr Schein als Sein?

Laut der Studie „Deutschland teilt" der Leuphana-Universität Lüneburg hat bereits jeder Zweite Erfahrungen mit alternativen Konsumformen gesammelt. Immer mehr Nutzer legen nicht nur Wert auf Qualität und Preis, sondern haben vor allem die Umwelt im Blick. Über 80 Prozent der Befragten sprachen sich für Nachhaltigkeit aus. Der Vorteil vom Teilen ist, dass weniger neue Produkte produziert werden müssen, da die Nachfrage sinkt. Das würde bedeuten, dass Ressourcen weniger verbraucht und gleichzeitig Natur und Umwelt geschützt werden. Eva Greischel, studentische Mitarbeiterin am Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) sieht das kritisch: „Das Nachhaltigkeitspotential der Sharing Economy ist noch umstritten. Auch wenn viele der Initiativen behaupten, dass ihre Aktivitäten einen sozialen und ökologischen Mehrwert haben, wird dieser nur in wenigen Fällen gemessen. Im Allgemeinen bedarf es noch mehr Forschung." Doch ob sich diese Ansprüche auf lange Sicht geltend machen lassen, wird sich zeigen.

Von Visionen und Rohstoffen

Michael Conzelmann, PR- und Marketingleiter des Berliner Start-Ups, über die Idee von geschlossenen Rohstoffkreisläufen. Foto: Michael Conzelmann

Loch ja, Bohrer nein

Wie oft brauchen wir den Raclette-Grill oder den Akkuschrauber eigentlich? Teuer angeschafft, aber viel zu selten genutzt, damit sich die Investition lohnen würde. Eigentlich wollen wir ja auch nur das Loch in der Wand – nicht gleich den ganzen Bohrer. Bei den meisten Konsumenten steht der persönliche Nutzen an erster Stelle. Sie nehmen die Angebote wahr, um Geld, Platz und Zeit zu sparen. Auch der zwischenmenschliche Austausch gewinnt immer mehr an Bedeutung. Für Reinhard Loske, Professor an der Universität Witten/Herdecke, ist die Sharing Economy nicht nur ein Trend von kurzer Dauer: „Die Bedeutung wird weiter zunehmen, die Landschaft sich jedoch weiter ausdifferenzieren. Der Kapitalismus wird sich in Zukunft die Bühne mit kooperativen Wirtschaftsformen teilen müssen." Auch herkömmliche Geschäftsmodelle werden sich Problemen stellen müssen, denn die Konkurrenz auf dem Markt für Hotelketten, Taxiunternehmen und im Einzelhandel ist groß – und wächst stetig. Das erfordert Anpassung. „Meiner Einschätzung nach werden beide Wirtschaftsformen nebeneinander bestehen und ihr Angebot ergänzen, um optimale Leistungen für ihre Kunden zu schaffen", so Eva Greischel vom CSCP. Konsumforscher sind sich einig: Der neuartige Konsum ist kein Nischenphänomen mit kurzer Lebensdauer.

Wir alle teilen. Und du?

Quelle: Carolin Piegsa & Sophie Fuchs via thinglink.com

Fairteiler Universität Stuttgart

Der Fairteiler der Universität Stuttgart steht auf dem Campusgelände neben dem Gebäude Pfaffenwaldring 5b. Weitere Informationen gibt es hier.

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Über die Autoren

Carolin Piegsa

Crossmedia-Redaktion (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Sophie Fuchs

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015