Gegen das Vergessen

Menschen machen sich für die Erinnerung stark

05.06.2017

Stolpersteine – fast jeder kennt sie oder hat schon einmal von ihnen gehört. Normalerweise stolpert man nicht wirklich über sie, aber sie sollen Menschen im Alltag zum gedanklichen Stolpern bringen. Mit ihrer Arbeit engagieren sich die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen seit 2001 für das Erinnern und gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus.

Zwei Stolpersteine für Regina und Otto Abendstern in Stuttgart-Mitte |Foto: Daniel Bürkle

„Die Arbeit mit den Stolpersteinen ist noch lange nicht abgeschlossen, es gibt noch unzählige Opfer, die keinen Stolperstein haben", sagt Gerhard Hiller, Mitglied der Initiative Stuttgart-Ost. Tatsächlich ist mit den knapp über 900 Stolpersteinen in Stuttgart noch lange nicht an jedes Opfer erinnert. Aber muss man sich nach über 70 Jahren noch an die Opfer des NS-Regimes erinnern? Geraten die Opfer womöglich in Vergessenheit?

Passanten in der Stuttgarter Innenstadt wurden gefragt, ob sie für oder gegen das Vergessen der Opfer des NS-Regimes sind. |Video: Maram Imam

Deshalb gehen die Stolperstein-Initiativen seit über 16 Jahren ihrer Erinnerungsarbeit nach. Denn immer wieder melden sich Angehörige, ehemalige Bekannte und Nachbarn der Opfer bei den Stolperstein-Initiativen und weisen diese auf deren Schicksal hin. Dann beginnen Mitglieder wie Jennifer Lauxmann von der Initiative Stuttgart-Mitte mit der Recherche der Biografien der Ermordeten. Dafür werden zahlreiche Archive aufgesucht. Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart sowie in Stadtteilarchiven wird in Deportationslisten, sogenannten Judenlisten und alten Adressbüchern nach Informationen gesucht. Im Staatsarchiv Ludwigsburg finden sich in den Wiedergutmachungsakten der BRD weitere Hintergründe zum Leben der Opfer.

Ebenso liefern Publikationen wie das Gedenkbuch des Bundesarchives oder Listen der Gedenkstätte „Yad Vashem" tiefergehende Informationen zum Hergang der Deportation. Diese Informationen werden dann an den Bildhauer Gunter Demnig weitergeleitet. Der Künstler ist Erfinder und Initiator der Stolpersteine. Jennifer Lauxmann verfasst nach der Recherchearbeit dann einen Flyertext. Auch auf der Homepage der Stolperstein-Initiativen sind Informationen in einem Namens- und Straßenverzeichnis hinterlegt. Auf dem Stolperstein finden sich am Ende dann der Name, die Geburts- und Sterbedaten sowie die Todesursache und der Todesort der Ermordeten.

Jennifer Lauxmann erzählt von ihrem Einsatz für die Stolperstein-Initiative. |Quelle: Daniel Bürkle

„Ein Stolperstein findet seinen Platz"

Für die Verlegung eines Stolpersteins ist auch die Vorbereitung des Verlegungsortes wichtig. Gerhard Hiller und Walter Geisse aus der Initiative Stuttgart-Ost sind im Stadtmessungsamt Stuttgart. Mithilfe alter Bebauungspläne erfahren sie Näheres zum genauen Standort des zu verlegenden Stolpersteins. Tatsächlich kann es sein, dass das ursprüngliche Haus des Opfers bereits zerstört oder abgerissen wurde. Auch die ursprünglichen Straßennamen haben sich manchmal verändert oder wurden umbenannt. Deshalb informieren sie sich umfassend, schauen sich die aktuellen Lagepläne an, und dann folgt eine Vor-Ort-Begehung. Hier wird die genaue Position des Stolpersteines mit Kreide markiert. Nun kann ein städtischer Bautrupp das Loch ausheben. Die Ehrenamtlichen verteilen auch Info-Flyer in den Briefkästen der Anwohner, mit denen sie informieren und zur Stolpersteinverlegung einladen. Damit ist die Arbeit der Ehrenamtlichen beendet.

Walter Geisse erzählt von seinem Einsatz für die Stolpersteine und ob diese von den Menschen beachtet werden. |Quelle: Daniel Bürkle

Bildstrecke zu den Vorbereitungen, der Stolperstein-Zeremonie und den Stolpersteinen.

|Fotos: Daniel Bürkle und Maram Imam

Das Motto der Initiative: „Gegen das Vergessen: Stolpersteine für Stuttgart."

Mit dem Stolperstein erhalten die Opfer einen Namen zurück und werden in unserer Gegenwart wieder präsent. Um den Ort, an dem man lebt, zu verstehen, ist es auch wichtig, seine Geschichte zu kennen – darin sind sich alle Ehrenamtlichen der Initiative einig. Die Opfer stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Nicht nur jüdische Bürger sind unter den Opfern des NS-Regimes. Auch Behinderte, psychisch Erkrankte, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, sogenannte Asoziale und politisch Verfolgte sind Opfer der Verfolgungen im Dritten Reich geworden.

Julius Vohl ist ein politisches Opfer, er war KPD-Mitglied und lebte zuletzt in der Schönbuchstraße in Stuttgart-Rohr. Harald Habich und Dr. Karl-Horst Marquart von der Stolpersteininitiative Stuttgart-Vaihingen haben seine Stolpersteinverlegung organisiert. Zu seiner Stolpersteinlegung an diesem frühlingshaften Freitagvormittag im April kommen seine Enkel, eine amerikanische Schulklasse der Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen, Anwohner, Neugierige sowie die Mitglieder der örtlichen Stolperstein-Initiative. Insgesamt versammeln sich mehr als 50 Menschen zur Stolpersteinlegung.

Harald Habich erzählt über den Zweck der Stolpersteine. |Quelle: Daniel Bürkle

Ähnliches geschieht auch in Stuttgart-Ost, bei der Stolperzeremonie für die Euthanasie-Opfer Berta Aberle und Wilhelm Oschmann in der Stöckachstraße. Hier halten Mitglieder eine Andacht ab. Musiker und Mitglieder der Initiativen begleiten die Stolpersteinzeremonien. Die Melodien sind melancholisch, manchmal traurig. Währenddessen baut Gunter Demnig innerhalb von wenigen Minuten routiniert den Stolperstein in das vorgesehene Loch im Asphalt ein. Danach verschwindet er zügig und fährt schon zur nächsten Stolpersteinzeremonie. Gerhard Götze, Mitglied der Initiative S-Ost, verfolgt die Stolpersteinzeremonie für die zwei Euthanasie-Opfer andächtig. Während seine Kollegen über das Schicksal von Wilhelm Oschmann erzählen, teilt er Blätter mit Fotografien der Vergasungsbusse aus, mit denen im Rahmen der „Aktion T4" Behinderte ermordet wurden. Bei der Stolpersteinverlegung von Berta Aberle und Wilhelm Oschmann kommen Mitglieder der Initiative, eine Handvoll Interessierter aber keine Angehörigen der beiden. Gerhard Götze und seine Mitstreiter berichten, dass das Leid und die Verdrängung der Geschehnisse oft dazu führen, dass Angehörige lieber nicht durch den Stolperstein an das Familienmitglied erinnert werden wollen. Die Ehrenamtlichen hält dies aber nicht von ihrem Engagement ab.

Gerhard Götze erzählt über seinen Einsatz für die Stolpersteine und ob diese von den Menschen beachtet werden. |Quelle: Daniel Bürkle

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Über die Autoren

Maram Imam

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015

Daniel Bürkle

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