Flüchtlingsdrama in Bildern

Mit anderen Augen

04.05.2015

Er war im Gefängnis, wurde gefoltert und fast totgeprügelt. Nach einer monatelangen Flucht lebt der syrische Fotograf und Flüchtling Mohammed Kanah nun schon seit September 2014 in der Sporthalle in Esslingen-Zell. Seit dem 12. Februar kann man seine Ausstellung im Esslinger Landratsamt besuchen.

Mohammed Kanah ist 29 Jahre alt und kommt aus Daraa in Syrien. Seine Familie hatte dort bis 2011 ein großes Fotostudio, mit 13 Jahren begann er seine Ausbildung, lernte alles von seinem Vater. Jetzt ist das Studio zerbombt und Mohammed geflohen. Während des Bürgerkriegs stellte er staatsfeindliche Bilder ins Internet – mit fürchterlichen Folgen. Er kam ins Gefängnis, wurde dort 14 Monate lang gefoltert.

Für tot gehalten

Mohammed wurde so stark verprügelt, dass man ihn für tot erklärte. Auf dem Weg ins Leichenschauhaus stellte man fest, dass sich seine Hand noch bewegte und er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Erst hier konnte sein Vater ihn befreien und in den Libanon bringen. Dort arbeitete er so lange bis er genug Geld für die weitere Flucht hatte. Über den Landweg nach Algerien und dann nach Libyen. Von da geht es in die Türkei, über den Seeweg weiter, bis nach Italien.

Alles dokumentiert

Während Mohammed von seiner Flucht erzählt, zeigt er Bilder, erzählt, wer das ist und wo er gerade war. Für einen kurzen Moment wirken sie fast wie Urlaubsfotos, eine Reise durch verschiedene Länder. Mit seiner Handykamera hatte er jeden Schritt dokumentiert und aufgenommen. Auch ein Video hat er gedreht. 500 Menschen, die sich dicht an dicht in einem winzigen Boot auf offener See drängen. Einige lachen in die Kamera. 6000 Dollar hat ihn die Überfahrt von der Türkei nach Italien gekostet. Unter Deck seien viele gestorben, die nur 600 Dollar bezahlt haben. Es waren zehnmal mehr Menschen auf dem Boot als zugelassen.

Ankunft in Deutschland

Nach seiner Ankunft in Deutschland ging es für ihn nach Karlsruhe, wo er sich als Flüchtling meldete und dann zugeteilt wurde. Zwei Tage verbrachte Mohammed auf der Straße, bis er einen Termin bekam und wusste, wo er hinkommt.

Im Landkreis Esslingen wird der Pressesprecher auf ihn aufmerksam und mit Bemühungen des Kreismedienzentrums kann ihm eine Kamera ausgeliehen werden. Er darf an den Computern die Bilder bearbeiten, hat wieder etwas zu tun, denn das Leben eines Flüchtlings in Deutschland besteht aus Warten. Warten auf Dokumente, warten auf eine Zulassung zum Sprachkurs, warten auf Unterstützung. Mohammed kann nur wenig Deutsch, er will es unbedingt lernen, doch er muss warten. Auf die Frage hin, was er den ganzen Tag hier macht, sagt er wieder nur „Warten" und lacht.

Von Null anfangen

Viele der Flüchtlinge sitzen den ganzen Tag in der Sporthalle herum, können nichts machen. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie die Sprache nicht sprechen und die Bürokratie dazu führt, dass sie lange auf die Möglichkeit von Deutsch-Unterricht warten müssen. Mohammed will sich hier ein Leben aufbauen. Er vermisst sein Studio in Syrien, die Möglichkeit zu arbeiten und etwas zu tun. Die Fotografie ist sein Leben. Nun macht er hier Bilder mit seinem Handy und schneidet kurze Filme von den Dingen, die er hier erlebt.

Mohammed zeigt einen Film mit Bildern von Syrien vor 2011. Schöne Landschaft, friedlich. Dann Bilder nach 2011: Das Land ist kaum wiederzuerkennen. Alles zerbombt. Mehr als 220.000 Tote, vier Millionen Flüchtlinge, eine gesunkene Lebenserwartung von 76 auf 56 Jahre. Das Mohammed sein altes Leben vermisst, merkt man ihm an. Er muss hier von Null anfangen, hat kein eigenes Studio, nicht einmal eine richtige Kamera. Wenn Mohammed von seiner momentanen Lebenssituation erzählt wirkt er unglücklich. Laut sei es, andauernd hört jemand Musik, andere Flüchtlinge rauchen. Bei diesem Geruch könne er nicht schlafen.

Ausstellung in Esslingen

Im Esslinger Landratsamt ist seit dem 12. Februar die Ausstellung mit dem Namen „mit anderen Augen – ein Flüchtling entdeckt sein neues Lebensumfeld" zu sehen.

Mohammeds Bilder zeigen die Burg in Esslingen, viele Menschen, auch vom Mittelaltermarkt. Es ist interessant, welche Motive ihm ins Auge gefallen sind. Die Kanonen auf der Esslinger Burg, ein bettelnder Gartenzwerg, Personen in altertümlichen Outfits. Viele der Bilder sind farblich verändert. Viel grau hat er eingefügt. Vielleicht, weil er die Welt hier ein wenig grau sieht?

Wenn er von den Bildern erzählt, merkt man, dass er sehr froh und dankbar ist, diese Möglichkeit bekommen zu haben. Er ist stolz, dass sein Talent honoriert wird und die Menschen hier sich so um ihn bemühen. Für seine Zukunft erhofft er sich wieder arbeiten zu können, vielleicht hier oder vielleicht in Amerika. Sein großer Traum: Hollywood.

Mohammeds Ausstellung im Landratsamt: Menschen vom Mittelaltermarkt. (Foto: Valerie Beck)

Esslingen aus Mohammed Kanahs Perspektive: Viel Grau. (Foto: Valerie Beck)

Bilder der Ausstellung

Mit anderen Augen: Mohammeds Sicht auf Esslingen

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Über den Autor

Valerie Beck

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015