Vorleseprojekt

Mit den Ohren lesen

03.07.2017

Sie erwecken Figuren zum Leben, leihen ihnen ihre Stimme und lassen Kinderaugen strahlen: Vorlesepaten. Ausgebildet von Leseohren e.V. bringen sie Flüchtlingskindern durch das Projekt „Lese-Heimat“ die deutsche Sprache näher. Doch hinter dem Ehrenamt verbirgt sich noch mehr.

Ausgelassene Stimmung bei den Leseohren in der Kinderbibliothek Stuttgart: Beim Warm-Up werden nicht nur die Augen und Ohren, sondern auch die Lachmuskeln der Kinder beansprucht.|Foto: Julia Mähl

Kinder singen im Chor – manche lauter, andere leiser. Im Stimmengewirr sind unterschiedliche Akzente zu hören. Doch für den Moment zählt nicht, wer schon länger in Deutschland lebt, wer sich zu Hause fühlt oder Heimweh hat. Für solche Gedanken ist in der Stuttgarter Kinderbibliothek gerade keine Zeit: Die Flüchtlingskinder klatschen, lachen und singen. Mit dem Klischee, dass in einer Bibliothek nur gelesen und geflüstert werden darf, räumt der Leseohren e.V. auf. „Über Musik können die Kinder den Klang der deutschen Sprache wunderbar annehmen", erklärt Bettina Kaiser, Geschäftsführerin des Vereins. Ziel der Leseohren ist es, Kinder zu erreichen, die möglicherweise in ihrem Umfeld sonst sehr wenig Kontakt zu Büchern herstellen können. Mit seiner ehrenamtlichen Arbeit will der Verein das Bildungsniveau und die Chancengleichheit steigern – bei Kindern jeglicher Herkunft.

Leseohren groß massieren

Die „Lese-Heimat" ist ein Kooperationsprojekt der Stadtbibliothek, der Stiftung „Kinder fördern – Zukunft stiften" und Leseohren e.V. Jeden zweiten Freitag holen ehrenamtliche Vorlesepaten Kinder aus einer Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft mit dem Bus ab, um gemeinsam in die Stadtbibliothek zu fahren. Im zweiten Stock warten dort Regina Rechsteiner und weitere Paten auf die gemischte Truppe, die aus drei bis 14-Jährigen besteht. Mit Kinderbüchern im Arm begrüßt die 31-Jährige die aufgeregte Menge.
Als Erstes geht es an die Ohren. Sie werden „groß gemacht": In einem Pulk aus rund 20 Kindern sitzen alle zusammen und massieren mit beiden Händen ihre Leseohren, um sich auf das aufmerksame Zuhören vorzubereiten. Danach teilen sich die Kinder auf und setzen sich mit ihrem selbst ausgesuchten Vorlesepaten in eine Leseinsel, in der ungestört vorgelesen wird.

In der gelben Leseinsel hat es sich Vorlesepatin Regina Rechsteiner mit ihren Schützlingen gemütlich gemacht. Schuhe müssen übrigens draußen bleiben.|Foto: Julia Mähl

Lukas Heymann, Pressesprecher bei Stiftung Lesen, weiß, dass der Verein einen wichtigen Beitrag leistet: „Kinder lernen eine ganze Menge durch das Vorlesen. Sie können sich besser auf Texte konzentrieren und auch die sprachlichen Fähigkeiten werden angeregt."

Umfrage im Kindergarten „Die kleinen Feuerdrachen e.V.": Warum lesen Eltern und Großeltern ihren Kindern täglich vor?|Quelle: Merle Flachsbarth

Kinder würden es sehr schätzen, wenn ihnen ehrenamtlich vorgelesen werde, berichtet Heymann und bezieht sich damit auf eine Studie von Stiftung Lesen aus dem Jahr 2016. Trotzdem fehle jedem dritten Kind dabei die körperliche Nähe, genauer gesagt: das Kuscheln. Diesen Aspekt sollten die Vorlesepaten berücksichtigen, wenn sie als „Fremder" eine Rolle übernehmen, die sonst von Eltern ausgefüllt wird.
„Wir bauen im Laufe der Zeit eine immer enger werdende Beziehung zu den Kindern auf", meint Regina Rechsteiner und lächelt. Das mag an der kleinen Anzahl an Kindern liegen, denen sie vorliest: Immer so viele, wie auf einen Schoß passen.

Erfahrt mehr über den Lesetrend der letzten zehn Jahre durch Kommentare von Lese-Experte Lukas Heymann.|Infografik: Merle Flachsbarth & Julia Mähl

Lesen im Dialog

Normalerweise arbeitet die Stuttgarterin freitagnachmittags in der Unternehmenskommunikation, doch seit Dezember 2015 versuche sich Regina Rechsteiner „die Zeit freizuschaufeln" und alle zwei Wochen bei der „Lese-Heimat" dabei zu sein.
Sie habe schon länger überlegt, sich in irgendeiner Weise für Flüchtlinge zu engagieren und auch bei den Leseohren mitzumachen. Dann stieß sie auf die „Lese-Heimat" und war begeistert, da das Projekt beide ihrer Interessen verband.
Für eine Leserunde bringt Regina Rechsteiner verschiedenen Lesestoff mit – Farbbücher, Wimmelbücher und auch Geschichtsbücher. Je nachdem wie gut die Deutschkenntnisse ihrer Kinder sind, sucht sie mit ihnen eines davon aus. „Es ist oft kein reines Durchlesen, wie man es sich vorstellt, sondern eher ein Gespräch mithilfe des Buches", erklärt sie.

Individuelle Lesebetreuung

In der heutigen Leserunde kümmert sie sich um Layal und Ghazal. Während das eine Mädchen schon fließend Deutsch spricht und stolz von einem Schulaufsatz erzählt, ist das zweite Mädchen jünger, eher zurückhaltend und noch unsicher. Um ihr den Einstieg zu erleichtern, bittet die Vorlesepatin die beiden, ihre Namen aufzuschreiben und unterhält sich mit ihnen darüber.
Danach dürfen sie sich für ein Buch entscheiden – die Wahl fällt auf eines über Farben. Das gefällt sowohl Layal als auch Ghazal.
Den Umgang mit Kindern in schwierigen Lesesituationen und wie man sie bei Bedarf aus der Reserve lockt, lernen die Paten auf diversen Workshops und Fortbildungen, welche die Leseohren anbieten. Die Themenschwerpunkte werden vom Verein gewählt, die Schulung an sich wird von einem externen Experten durchgeführt. Vorallem beim Projekt „Lese-Heimat" seien Workshops erforderlich, um die Vorlesepaten auf die geflüchteten Kinder vorzubereiten. Um besser auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können, werden die Paten in den Workshops über ihre Lebensumstände informiert.

Für Regina Rechsteiner ist Lesen und Vorlesen ein wichtiger Bestandteil des Lebens: „Da steckt ganz viel drin für die Persönlichkeit. Es gibt einem die Möglichkeit zu wachsen." Das Vorlesen sei ihrer Meinung nach ein Weg, jungen Flüchtlingen Nähe, Geborgenheit, aber auch Bildung zu vermitteln.

Studien der Stiftung Lesen beweisen, dass Kindern, denen vorgelesen wird, durchschnittlich bessere Schulnoten haben. Die Experten Pucciarelli und Heymann kommentieren die Studienergebnisse in den Sprechblasen.|Infografik: Merle Flachsbarth & Julia Mähl

Laut Sprachwissenschaftlerin Dr. Nina Pucciarelli nähmen Eltern als erste Instanz eine bedeutende Rolle und Vorbildfunktion für ihre Kinder ein: Wo viel gelesen werde, sei es wahrscheinlich, dass auch die Kinder später gerne und viel lesen.

Umfrage mit Eltern im Kindergarten „Die kleinen Feuerdrachen e.V.": Wurde ihnen früher genauso vorgelesen wie ihren Kindern?|Quelle: Merle Flachsbarth

Doch nicht nur die Eltern, auch die Freunde seien gerade bei Kindern ab sechs Jahren ein entscheidender Faktor, ob gelesen werde oder nicht. Sollte beides nicht der Fall sein, könne man durch andere Einflüsse wie den Kindergarten oder die Schule dafür sorgen, dass die Kinder Freude am Lesen fänden.

Was sagt ein Kind zum Vorlesen? Flori (6), der frisch aus dem Kindergarten Feuerdrachen in die Schule gekommen ist, verrät es uns.|Quelle: Merle Flachsbarth

Schließlich neigt sich der Vorlesenachmittag dem Ende zu. Noch einmal versammeln sich alle Kinder für eine gemeinsame Verabschiedungsrunde, bei der gesungen und sich bewegt wird. Dann ist es auch schon Zeit zu gehen. Die Kinder packen schnell ihre Sachen zusammen und laufen gemeinsam zum Bus. Hand in Hand verlassen sie die Kinderbibliothek – ihr aufgeregtes Plappern ist noch den ganzen Weg bis nach unten zu hören.

Eine Führung durch die Kinderbibliothek: Freitagnachmittags geht es hier etwas anders zu als sonst.|Fotos: Julia Mähl

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Über die Autoren

Merle Flachsbarth

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17

Julia Mähl

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017