Kunsttherapie

Mit Kunst zu neuen Perspektiven

12.12.2016

Zwischen Alltag und Burnout. Was tun, wenn alles zu viel wird und uns Stress und Kritik über den Kopf zu wachsen scheinen? Kunsttherapeutin Juliane Spitta versucht durch ihre Arbeit zu neuen Perspektiven zu verhelfen und so Licht ins Dunkle zu bringen.

Fernab von jeglicher Bewertung bringen Patienten, Gefühle und Gedanken aufs Blatt. |Quelle: Anna-Maria Ihle

„Wir bekommen eine Korsage umgebunden. Eine Korsage, die uns in die Schranken weisen soll. Diese gilt es aufzubrechen", erzählt Frau Spitta in ihrer Galerie im Stuttgarter Lehenviertel. Es ist kalt draußen. Der Winter hält Einzug und lässt nun auch die letzten Blätter von den Bäumen fallen. Sie sitzt am Ende des gläsernen Tischs, der im Vorraum des Ateliers steht. Bunte Leinwände hängen an den Wänden und machen deutlich: Hier arbeiten Menschen kreativ.

Kunst eingrenzen: unmöglich

Kunsttherapie sei ein ergänzender Teil zur psychotherapeutischen Behandlung und helfe Menschen, sich durch Malerei auszudrücken. Konkrete, in Stein gemeißelte Fakten gäbe es da aber nicht. Kunst sei nicht konkretisierbar und gehe unmittelbar einher mit Kreativität. Juliane Spitta, die sich hauptberuflich als Heilpraktikerin im Bereich der Psychotherapie spezialisiert hat, beginnt über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ihr Fazit – es gibt keine genaue Eingrenzung von Kunsttherapie.

Spitta erklärt die Bedeutung von Kreativität in der Therapie.

„Eine Therapeutin kennt die Lösung auf die Problematik im Inneren eines Menschen nicht", erzählt Juliane Spitta. Sie würde betrachten und schlussfolgern und versuche, den Patienten nicht in eine bestimmte Richtung zu manövrieren. Sie gibt den Betroffenen sozusagen ein kreatives Spielfeld, in dem diese sich ausleben können. Aus dem Gespräch sowie aus der Bildwahrnehmung des jeweiligen Patienten erkennt sie, wo das Problem liegt und kann so eine gezielte Hilfestellung anbieten.

Therapie gegen Trauer und Stress

In Spittas Praxis kommen viele Menschen aufgrund eines Trauerfalls in der Familie oder im Freundeskreis. Eltern wenden sich aufgrund einer Totgeburt oft an sie. Sie berichtet: „Stellen Sie sich vor, die Menschen befinden sich in einem emotionalen Karussell. Dieses gilt es spielerisch durch die Therapie zu verlassen."

Die Therapeutin erzählt, wie wichtig das Spiel für den Menschen ist.

Aber auch junge Menschen gehören zu ihren Klienten. Studenten, die unter einem großen Leistungsdruck stehen und von der Informationsüberflutung oft überfordert sind. Die Problematik scheint jedoch, egal ob jung oder alt, bei allen Patienten gleich zu sein. Allgemein gilt, dass die Betroffenen ihre Gedanken durch das Malen durchleben. Gedanken, die in Bewegung kommen und helfen, das Erlebte besser zu verarbeiten.

Simple Materialien formen Ergebnisse

„Welche Materialien bei der Therapie verwendet werden, ist ganz unterschiedlich", erzählt Spitta. Sie steht von dem gläsernen Tisch im Eingangsbereich der Galerie auf und geht durch einen schmalen Flur in den hinteren Teil ihres Ateliers. Materialien wie Papier und Ölmalkreide liegen auf der Werkbank. Sie setzt sich ans Fenster und schaut hinaus auf den kahlen Innenhof des Innenstadthäuserblocks. „Genau diese Materialien verwende ich auch in meiner Therapie", spricht sie weiter. Es wird hierbei nie nach Stil oder Kunstwerk gemalt. Der Mensch soll seiner Kreativität freien Lauf lassen. Aufgrund dessen wirkt Kunst für jeden Einzelnen auch unterschiedlich und lässt Raum für Fantasie. Kunst bewegt in den Betroffenen verborgene Dinge, die durch Worte nicht auszudrücken sind.

Die Problematik im Bild ist für die Patienten allerdings oft nicht ersichtlich. Hier setzt die Therapeutin an und deutet das Gemalte. Meist reicht sie ihnen ergänzende Farben, die spielerisch helfen, innere Blockaden zu lösen. „Denn der Mensch ist nur da wirklich Mensch, wo er spielt", zitiert sie Friedrich Schiller.

Spitta meint: „Es gilt, durch das Spiel zurück zu sich zu kommen."

Doch wie kann der individuelle Erfolg bei einer solchen Therapie gemessen werden? „Bewusstseinsprozesse führen zu Erfolgen", erklärt Spitta. Durch das Gemälde des Patienten kann sie sehen, woran gearbeitet werden muss. Die Auswahl der Farben und Formen verraten ihr meist mehr als tausend Worte. Sie lotet die persönliche Gefühlslage des Patienten durch das Gemalte aus. In einem nachfolgenden Gespräch wird dann nach neuen Perspektiven gesucht. „Die Patienten sollen aus ihrem Alltagsdenken ausbrechen, weg kommen vom negativen Denken, hin zu kreativen, neuen Perspektiven."

Werke aus der Therapie sowie von verschiedenen Malevents | Quelle: Juliane Spitta

Hilfe durch Kunst in der Praxis

Spitta bietet allerdings nicht nur Kunsttherapie an. Sie veranstaltet auch sogenannte Malnächte, die unter verschiedenen Farbmotti stehen. Diese Events seien ein Fest der Sinne. Kunst und gutes Essen würden zur Anregung des Gemüts beitragen. Ihre Funktion ist im Gegensatz zur Therapie hier allerdings die einer Beobachterin.

„Durch eine Malnacht übersteht eine Teilnehmerin ihre Leukämie", erzählt die Therapeutin.

Aus der Sicht einer Beobachterin ist manchmal nur eine einfache kunsttherapeutische Intervention nötig um den Betroffenen zu helfen. „Man muss nicht immer therapieren", erzählt sie. Manchmal reiche es, auf der Bildebene zu bleiben und sich nicht in Deutungen zu verlieren. „Kunst kann mehr bewirken, als viele denken", sagt Spitta. Sie lehnt sich an die Werkbank ihrer kleinen Malwerkstatt. Es riecht nach Farbe. Leinwände und jegliche Tuben und Tiegel liegen auf der Arbeitsfläche und verleihen dem kleinen Raum ein gewisses Gefühl von Vertrautheit.

Kunst sei wichtig für den Menschen. Sie gebe ihm eine gewisse Freiheit, die er mit niemandem teilen muss. Betroffene könnten sich in ihre eigene Welt zurückziehen und so Probleme mit sich selbst klären, ohne dabei auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Kunst führt uns sozusagen zurück zum Kind sein. Zurück zu den Wurzeln, die manchmal etwas in Vergessenheit zu geraten scheinen.

Kunsttherapiestudium ganz in der Nähe
Wie wird man eigentlich Kunsttherapeut? Spitta erzählt, sie hat im niedersächsischen Ottersberg studiert. Aber auch in der Region Stuttgart ist es möglich die Therapie durch Kunst zu erlernen. An der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen gibt es hierzu jeweils einen Bachelor- und einen Master-Studiengang. Studenten kommen in Kontakt mit Themen wie Bildsprache, Pädagogik, Psychotherapie und erhalten eine vertiefte künstlerische Ausbildung.

Übersicht Studienmöglichkeiten Kunsttherapie in Deutschland


Quelle: wikipedia.org | Anna-Maria Ihle


Checkliste Studium Kunsttherapie

Quelle: hfwu.de | hks-ottersberg.de | sfu-berlin.de | Anna-Maria Ihle

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Über den Autor

Anna-Maria Ihle

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016