Iraker in Deutschland

Moslem zu sein, heißt offen zu sein

22.06.2015

Mohammed lebt seit sieben Jahren in Deutschland. Er arbeitet als Deutschlehrer für Einwanderer. Nach seinem Germanistikstudium im Irak ist der 31-jährige wegen seines Masters nach Deutschland gekommen. Für Vorurteile, wie das Verbot der Heirat zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, hat Mohammed kein Verständnis.

Mohammed als Deutschlehrer für Einwanderer im Klassenzimmer (Foto: Mohammed)

Diya: Mohammed, wie schwer war es für dich nach Deutschland zu kommen?

Mohammed: Nach meinem Bachelorstudium wollte ich noch einen Master machen und das war auch kein Problem, weil ich ein Stipendium von dem akademischen Austauschdienst bekommen habe. Ich war ein fleißiger Student und hatte ganz gute Noten, sodass sie mich innerhalb von sechs Monaten aufgenommen haben.

Diya: Was sind die größten Unterschiede zwischen deinem heutigen Leben in Deutschland und deinem damaligen im Irak?

Mohammed: Ich komme aus einer Kultur, die ganz anders als die deutsche Kultur ist. Die Sitten, die Gewohnheiten, die Mentalität, das Familiensystem, die Arbeit, das ist wirklich ganz anders. Am Anfang war das für mich ein Schock. Ich wusste schon, dass es schwierig sein wird, weil ich weit weg von der Familie leben werde und meine Familie bedeutet für mich ganz viel, besonders Vater und Mutter.

Diya: Wieso war es für dich ein Schock?

Mohammed: Als ich meine Eltern nicht mehr sehen konnte, entstand so eine große Lücke in meinem Herzen. Für die Deutschen ist es ja eine ganz normale Sache, dass der Sohn oder die Tochter mit 18 Jahren weg zieht. Bei uns ist es anders. Die Leute heiraten bei uns und sie bleiben auch bei der Familie. Wir sind von der Familie ganz abhängig, während man hier ja versucht selbstständig zu sein und ein eigenes Leben zu führen.

Diya: Du hast dich mittlerweile in Deutschland eingelebt und eine deutsche Frau geheiratet. Es gibt Muslime, die das aus religiösen Gründen nicht tun würden, wie ist das für dich?

Mohammed: Ja. Was ist die Motivation, dass man einfach eine fremde Frau heiratet? Was mich motiviert hat, eine deutsche Frau zu heiraten ist meine Religion. Sie gibt mir diese Möglichkeit, Offen gegenüber anderen Kulturen und Religionen zu sein.

Diya: Wenn wir schon beim Thema Religion sind. Wie würdest du das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Terror erklären?

Mohammed: Ich sehe da ehrlich gesagt keine Verbindung. Wenn wir in den Koran reinschauen würden, dann werden wir wirklich ein vollkommen anderes Bild finden. Ein Moslem darf weder mit seiner Zunge noch mit seiner Hand noch mit seiner Tat anderen Menschen wehtun. Das ist genau das Gegenteil von Terror und deshalb frage ich mich immer wieder, wie man das als Verbindung sehen kann. Kein Mensch darf im Namen seiner Religion töten.

Diya: Wie du schon sagst, kein Mensch darf anderen wehtun bzw. sie ungerecht behandeln, wie ging der Diktator Saddam Hussein mit seinem Volk um?

Mohammed: (zögern) Wir waren wie Gefangene in einem großen Gefängnis und dieses Gefängnis hieß Irak. Es gab fast keine Rechte für die Menschen dort und auch Dinge wie Satellitenempfang oder der Besitz eines Handys waren verboten. Wir durften unsere Meinung nicht äußern. Diejenigen, die ihre Meinung laut gesagt haben, wurden einfach massakriert oder ins Gefängnis gebracht.

Diya: Was sind deine Erinnerungen, wenn du an deine Kindheit denkst?

Mohammed: Ich erinnere mich an gute und schlechte Sachen natürlich. Ich erinnere mich an meine super Familie, an meine lieben Verwandten, an die besten Freunde, die für mich wirklich der Spiegel meiner Seele waren.

Diya: Was war das Schlechte?

Mohammed: Das Schlechte ist die Politik, die alles kaputt gemacht hat.

Diya: Kannst du dich an eine bestimmte Situation erinnern, in der du in Gefahr warst?

Mohammed: Einmal waren wir auf der Straße, die Polizisten waren hinter uns her. Manche gute Polizisten haben uns gewarnt. Sie meinten, wenn wir nicht wegrennen würden, kann es sein, dass wir getötet werden.

Diya: Wie ist die die momentane Situation im Irak?

Mohammed: Die jetzige Regierung ist immer noch schwach, sie hat immer noch keine absolut unabhängige Entscheidungsmacht, weil die Amerikaner immer noch das Sagen haben. Bei den letzten Wahlen zum Beispiel wurde eine Person als Verteidigungsminister gewählt und dann haben die Amerikaner NEIN gesagt. Ich frage mich und frage alle Menschen, was haben die Amerikaner bei uns zu suchen? Warum dürfen die sich immer in die Angelegenheit anderer Menschen einmischen? Warum dürfen sie ganz schlimme Sachen auf dieser Welt machen und keiner darf sie verurteilen?

Diya: Die Amerikaner haben aber auch den Irak von Saddams Diktatur befreit. Siehst du da nicht die positive Seite?

Mohammed: Ich denke, dass Saddam Hussein in Amerika und Großbritannien ausgebildet und dann zu uns geschickt wurde. Sie haben ihn zu uns gebracht und nach Ende seiner Rollen haben sie ihn abgeschafft.

Diya: Welche Rollen meinst du?

Mohammed: Seine Rolle war es, mit seinen Kriegen den Irak zu zerstören. Unser Land wurde zerstört. Unser Land leidet immer noch unter den Schulden, die Saddam Hussein durch seine verrückten Kriege verursacht hat. Er hat ein Nachbarland einfach erobert und über eine Millionen Menschen getötet. Wer hat davon etwas profitiert? Nur die, die ihre Waffen an uns verkauft haben, wer hat profitiert? Die Leute im Irak wollten so etwas überhaupt nicht. Das ist weder demokratisch noch menschlich noch islamisch. Kein Gesetz auf dieser Erde erlaubt jemandem andere Menschen zu töten.

Diya: Gibt es etwas aus dieser Zeit, das dich ganz besonders geprägt hat?

Mohammed: Also z.B. während meiner Ausbildung als Friseur. Damals war ich 17 und habe gesehen, wie Kinder ausgebildet werden, Monster zu sein. Ich wurde als Praktikant zu einem militärischen Lager hingeschickt, weil das ein Teil meiner Ausbildung war. Dort sollte ich die Haare von den kleinen Soldaten schneiden. Sie waren nicht mal 10 Jahre alt.

Diya: 10 Jahre alt?

Mohammed: Ja. Sie sollten dort angeblich lernen, wie sie gegen die Feinde kämpfen können. Das war für mich eine Katastrophe. Die Kinder müssen im ersten Jahr eine ganz gute Leistung erbringen und was haben sie bekommen? Es gab kein sauberes Wasser, kein richtiges Essen, und von den Offizieren wurden sie schlecht behandelt. Das war unglaublich dramatisch. Wenn ich sehe wie Saddam Hussein in diesen 35 Jahren regiert hat, dann fühle ich mich sehr schlecht. Er hat nur versucht den Menschen, die im Irak leben alles zu nehmen und dies vermutlich auch erreicht.

Diya: Lass uns kurz über den Krieg von 2003 sprechen. Wie war es vor und während dem Krieg?

Mohammed: Also vor dem Krieg waren viele Iraker optimistisch. Sie meinten ja unserem Land wird es besser gehen und wir dachten Amerika wird uns wirklich von dieser Diktatur befreien und nicht zur Besatzung kommen. Aber eigentlich war das Gegenteil der Fall. Während dem Krieg gab es keine Arbeit und die Schulen bzw. Universitäten waren für drei Monate geschlossen.

Diya: Hattest du Angst? Angst vor dem Tod?

Mohammed: Also Bagdad war das Zentrum für alle Ministerien und es war schon sehr gefährlich. Man hörte Bomben fallen und auch direkt vor mir sind einige Raketen gefallen.

Diya: Wie hast du reagiert?

Mohammed: Ich war in diesem Moment mit meinen Freunden unterwegs und vor meinen Augen wurde ein Haus zerstört. Ich bin einfach weggerannt. Ich wusste nicht was ich tue. Aber ich hatte wirklich große Angst. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Nicht nur Raketen habe ich gesehen. Das Haus vor uns wurde zerstört und bei einem anderen Haus wurden vier Menschen ermordet und das passierte innerhalb von Minuten. Ich bin einfach weggerannt.

Diya: Kannst du diese Momente vergessen?

Mohammed: So etwas kann ich nicht vergessen. Aber so einen schlimmen Einfluss haben diese Momente aber auch nicht. Ich werde das auf keinen Fall vergessen können, aber diese Momente werden mein Leben auch nicht bestimmen. Wer einen starken Glauben hat, kann mit der Zeit alles überwinden.

Diya: Wie konntest du in so einer Situation trotzdem weiterstudieren?

Mohammed: Ich habe gelernt und gelernt. Ich habe wirklich jede Minute genutzt. Im Bus und währen der Arbeit. Ich war nicht reich und meine Familie war auch nicht reich. Ich musste arbeiten und gleichzeitig studieren und das war wirklich hart.

Diya: Hart war es auch als du nach Deutschland zum weiterstudieren gekommen bist. Wie war für dich dieser Wechsel?

Mohammed: Für mich gab es andere Probleme. Sprachkenntnisse waren OK, nicht super aber ausreichend für das Studium. An der Uni gab es wirklich ein ganz anderes System. Ich hatte aber andere Herausforderungen. Angefangen von der neuen Kultur, mit der Wohnungssuche, alleine zu sein, keine Familie und keine Freunde.

Diya: Was war für dich am aller Schwierigsten?

Mohammed: Ich habe mich einfach alleine gefühlt. Das war das schlimmste für mich. Für mich war alles neu und ich hatte das Gefühl, dass ich nicht dazu gehöre und ich wollte einfach wieder weg, aber mir war auch klar, dass ich weiterkämpfen musste, um mein Ziel zu erreichen.

Diya: Hast du Heimweh?

Mohammed: Heimweh? Ich weiß es nicht, ich glaube dieses Wort bedeutet mir nicht mehr so viel. Meine Familie liebe ich und vermisse sie sehr. Ich bin aber jetzt auch hier zuhause. Meine Aufgabe ist aber jetzt bei meiner Frau und meinen Kindern zu bleiben. Das kann hier in Deutschland sein. Das kann aber auch ein anderes Land sein. Mich begrenzt nicht das Land, sondern das, was ich brauche. Ich habe hier meine Wurzeln und Deutschland ist für mich meine zweite Heimat.

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Über den Autor

Sanaa Hamdani

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