Heimwegtelefon

Nach Hause mit einem Fremden am Ohr

12.06.2017

Alleine, angetrunken und ängstlich: So fühlen sich viele auf der Strecke vom Nachtbus bis zur Haustür. Das Heimwegtelefon hat es sich zur Aufgabe gemacht, jedem diesen Weg sicherer und unterhaltsamer zu gestalten. Sicherheit garantieren kann die Hotline aber nur bedingt.

Nachtschwärmer kreuzen auf ihrem Heimweg oft düstere Gassen und verlassene Feldwege. Dann können sie das Heimwegtelefon anrufen.|Foto: Eileen Breuer

Das Handydisplay zeigt ein Uhr morgens an, noch wenige Minuten Fußweg, von der Bushaltestelle bis nach Hause, liegen vor Hilal Obuz. Die Straßen sind menschenleer, Laternen flackern. Die Anwohner haben ihre Rollläden schon heruntergelassen, Hilal ist verängstigt. Ihr folgt ein Mann auf Schritt und Tritt. Der Verfolger ruft ihr hinterher, sie solle stehen bleiben. Hilal trotzt ihm, indem sie weiter ihren Heimweg beschreitet. Sie ist dem Mann zuvor schon öfter im Bus begegnet. Normalerweise steigt er ein paar Stationen vor der 26-jährigen aus. Hilal wundert sich, als er seine Haltestelle versäumt. Sie läuft kreuz und quer durch die Wohngegend. „Damit er nicht mitbekommt, wo ich wohne", sagt sie. Mehrmals dreht sie sich um, hält nach dem Verfolger Ausschau. Als sie merkt, dass er nicht mehr an ihren Fersen klebt, rennt sie los. Sie sprintet, bis sie an der Haustür ankommt. An diesem Abend ist Hilal nichts passiert.

Wie und wann kann man das Heimwegtelefon erreichen?
Wer sich nachts unsicher fühlt oder sich während des Heimwegs unterhalten möchte, kann von Sonntag bis Donnerstag zwischen 20 und 24 Uhr sowie Freitag und Samstag zwischen 20 und vier Uhr deutschlandweit die Nummer 030 12 07 41 82 wählen. Auf der Homepage des Heimwegtelefons findet man weitere Informationen dazu, wie man Helfer werden oder spenden kann.

Der Opferrolle entfliehen

„Ich hatte richtig Schiss. Ich habe mich unsicher und bedroht gefühlt, weil ich eben auch alleine unterwegs war", sagt die Studentin aus Netphen bei Siegen. Inzwischen nutzt Hilal regelmäßig den Service des Heimwegtelefons, wenn sie in der Dunkelheit zu ihrer Wohnung läuft. Auf diesen wurde sie durch Facebook aufmerksam.
„Bei uns kann man in jeder Situation anrufen, egal ob man gerade in der Stadt unterwegs ist oder auf dem Land, ob man vom Feiern kommt, vom Kino oder gerade von der Arbeit nach Hause geht", sagt Frances Berger. Sie ist die Gründerin und Geschäftsführerin der Hotline, die in Berlin sitzt. Das Heimwegtelefon möchte Personen, die sich nachts unwohl fühlen, Sicherheit bieten. „Zum einen ist es so, dass man ein bisschen abgelenkt ist von der Umwelt. Man geht nicht so ängstlich durch die Gegend", sagt Frances. Dadurch verfalle man nicht in eine Opferrolle. Andererseits weiß der Helfer am anderen Ende der Leitung, wo man sich befindet. 95 Prozent der Hotlinenutzer sind Frauen. Eine von ihnen ist die 21-jährige Berlinerin Jule. „Ich fühle mich durch das Heimwegtelefon sicherer. Ich denke, es ist auch ein Placebo-Effekt dabei: dass ich mich einfach viel wohler fühle, wenn ich nicht alleine durch das dunkle, einsame Berlin laufe", sagt sie.

Die Gründerin Frances Berger erzählt von ihren Erfahrungen. | Quelle: Eileen Breuer, Foto: Frances Berger

Bei Bedrohung die Polizei rufen

Janina Liedermann sieht einen Nutzen im Heimwegtelefon. Sie ist beim Landeskriminalamt für die Prävention von Verbrechen zuständig. „Wenn dadurch das Sicherheitsgefühl des Nutzers erhöht wird, können solche Angebote hilfreich sein", sagt sie. Darauf dürfe man sich jedoch keinesfalls verlassen und durch die Scheinsicherheit die eigene Aufmerksamkeit reduzieren. „Erfahrungsgemäß suchen sich Angreifer ihre Opfer gezielt aus", sagt die Mitarbeiterin des Landeskriminalamts. Eine Hotline wie das Heimwegtelefon dürfe nicht als Schutz vor Gefahren gesehen werden. „Ein Angreifer wird sich dadurch auch nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen", fährt sie fort.
Wenn man das Gefühl hat, verfolgt zu werden, hat man jederzeit die Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen. Auch die Initiatorin des Heimwegtelefons, Frances Berger, rät dazu, in Notsituationen die Polizei zu rufen. „Es ist nur oft tatsächlich so, dass man einfach ein schlechtes Gefühl hat. Es muss nicht mal jemand hinter mir laufen", sagt die Gründerin der Hotline. Dann bietet es sich an, die Nummer des Heimwegtelefons zu wählen. Die Mitarbeiter könnten im Notfall immer noch die Polizei alarmieren. Solch ein Fall sei aber, seit der Gründung des Heimwegtelefons 2014, noch nicht eingetreten.

Zwischen 50 und 60 Helfer betreiben das Heimwegtelefon ehrenamtlich. Sie loggen sich zu Hause an ihrem Computer ein und nehmen dann die Anrufe entgegen. |Foto: Eileen Breuer

Drei Stunden ehrenamtlicher Einsatz am Tag

Frances Berger investiert täglich drei Stunden Zeit in das Heimwegtelefon. Das macht sie neben ihrer Vollzeitstelle als Unternehmensberaterin ehrenamtlich. „Wir konnten jeden Tag etwa zehn bis zwanzig Leuten einen guten Heimweg bescheren. Das Gefühl ist unglaublich", sagt die zweifache Mutter. Sie widerspricht der Aussage, dass mittlerweile jeder nur noch auf sich selbst fixiert sei. „Es gibt superviele Leute, die einfach helfen und für andere da sein möchten", sagt sie.
Eine, die vom Einsatz der Ehrenamtlichen profitiert, ist Hilal. Seitdem sie auf dem Heimweg vom Mädelsabend verfolgt wurde, greift sie auf dem Heimweg oft zum Telefon. Dadurch fühlt sie sich sicherer: „Ich weiß, dass jemand auf der anderen Seite ist, der weiß, wo ich bin und wo ich hin muss und der im Notfall auch die Polizei rufen kann."

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Über den Autor

Eileen Breuer

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17