Muslimisches Model

Nackte Haut statt „Kopftuchklamotten“

13.05.2015

Burcu Taymaz spiegelt den Charakter der Stadt Istanbul wieder. Die Türkin ist modern, weltoffen und vielseitig. Sie ist in Deutschland geboren und arbeitet international als muslimisches Model. Eigentlich schreibt der Koran Kopftuch und Verschleierung vor, doch Burcu hat sich gegen die Grenzen ihrer Religion entschieden.

Auf die Frage ob sie jemals ein Kopftuch tragen würde, antwortet Burcu ohne zu überlegen: „Nein, definitiv nicht!" Burcu glaubt zwar an Allah, aber in ihrer Familie spielt Religion keine so große Rolle. Wichtiger ist ihr Ehrlichkeit und deshalb lässt sich die 24-Jährige nur ungern in islamische Normen zwängen: „Ich musste einmal mit Kopftuchklamotten shooten, das war interessant, aber unpassend. Ich kann viele Gebete nicht und wir trinken auch mal einen Wein zum Abendessen."

Ihre Haare versteckt Burcu nicht unter einem Kopftuch. Foto: Lena Appel

So typisch untürkisch sind Burcu und ihr Familie aber nicht immer. Obwohl ihre Mutter in Deutschland geboren wurde und ihr Vater schon seit seinem dritten Lebensjahr in Stuttgart wohnt, redet die Familie fünfzig Prozent türkisch zu Hause. Zusammen feiern sie türkische Festtage und reisen jedes Jahr in die türkische Heimat. Auf den Esstisch kommt auch kein „domuz eti", was auf deutsch Schweinefleisch bedeutet. Es wird zudem gerne traditionell und deftig gegessen, doch an diesem Punkt ist die Familie irgendwie doch schon wieder anders.

Mehr über Burcu

Ihre Modelagentur

Ihre Lieblingsstadt

Ihr Lieblingscafé

Waage zwischen Döner und Schokolade

„Wir lieben das türkische Essen, aber wir versuchen uns dennoch gesund zu ernähren. Die typischen türkischen Speisen wie Döner und Börek gibt es bei uns eher selten." Eine kleine Schwäche hat das 1,78 Meter große Model allerdings schon: „ Wenn ich Lust auf Schokolade habe, dann esse ich das", verrät Burcu und genehmigt sich grinsend ein Erdbeer-Schokostückchen: „Ich habe jetzt Lust auf was Süßes."

Auf nackte Haut folgt nackte Wahrheit

Dennoch hat das Model Maße von 85/59/90 cm, was ihr unter anderem die Teilnahme und den dritten Platz bei der Top Model of The World Wahl 2013 bescherten. Sie ist für die Türkei angetreten, weil Deutschland sie gar nicht erst als Bewerberin nominierte: „Meine Familie war um so mehr stolz! Sie haben jeden Tag türkische Magazine mit mir als Titelbild gekauft."

Dass Burcu die Magazine im Bikini zierte, juckte aus ihrer Familie niemanden. Doch Burcu weiß, dass sie mit den Aufnahmen provoziert: „Ich hänge das nicht an die große Glocke, Klassenkameraden und Freunde sollten das damals nicht sehen." Sie hatte Angst, dass das falsch rüberkommt, denn gerade in Deutschland hat die Muslimin immer wieder mit Vorurteilen oder abwertenden Kommentaren zu kämpfen. Oftmals sind es junge Deutschtürken, die Burcu als „leicht zu haben" abstempeln. „Dabei sehe ich deutscher aus, als die meisten Deutschen selbst", beschwert sie sich.

Burcu's Freiheit als Model (Foto: Ralf Michalak Photography)

Lieber Lisa als Özgu

Damit hat sie auch nicht ganz unrecht, denn sogar ihre Modelagentur Brodybookings schickte sie als „deutsches Mädchen" nach Istanbul: „Ich durfte nicht sagen, dass ich Türkin bin. Musste sagen, dass ich Deutsche bin – nicht türkisch reden." Denn in Istanbul sind internationale Models bei den Fotografen deutlich gefragter als türkische Mädchen. Sie gelten als offene und unkomplizierte Raritäten. Mit einem Augenzwinkern erzählt Burcus Model-Booker Emrah Demiri, dass oftmals sogar die Namen der Mädchen geändert werden, um ihre Attraktivität zu steigern: „Türkische Kunden buchen eben lieber eine Lisa als eine Özgu. Einheimische Mädchen haben sie ja im Überfluss." Das gleiche Spiel gibt es auch hier in Deutschland. So verbucht Brodybookings schon mal einen Iraner als Inder, dreht etwas am Alter der Models oder schummelt mit den Maßen. Hauptsache ist, dass die Kunden zufrieden sind und schließlich „sehen sie ja so aus, warum also nicht?"

Den Stuttgarter Modelmarkt bestimmen wegen ihrer Außergewöhnlichkeit vor allem internationale Models wie Asiaten oder Inder. Aber auch ganz normale Persönlichkeiten, die ihre Gesichter schon einmal für eine Maultaschenwerbung hergeben, locken die Kunden. Ein Mix aus Exotik und Durchschnittlichkeit ist also derzeit der Marktführer unter den Models.

Burcu für H&M (Foto: Lina WHO? Photography)

Hartes Modelpflaster im Ländle

Ihr orientalisches Aussehen war auch einer der Gründe, warum Burcu bei Brodybookings unter Vertrag genommen wurde, erzählt Model-Booker Emrah Demiri. Er sieht in der türkischen Schönheit mit ihrem südländischen Einfluss und ihrer offenen, natürlichen Art großes Potenzial. Ihr Start mit 18 bei Brodybookings war dennoch hart. Von Kunden durfte sie sich anhören, dass sie zu dünn, zu türkisch, zu mädchenhaft oder zu schüchtern sei.

Kritik und der Ehrgeiz, diese umzusetzen, haben ihren Kindheitstraum vom Modeln allerdings doch noch wahr werden lassen: „Ohne viele Fotos in meiner Mappe habe ich mit S.Oliver meinen ersten großen Fisch an Land gezogen." Zahlreiche Web-Auftritte und kommerzielle Jobs bei Auftraggebern wie C&A oder H&M folgten. Stuttgart ist aber keine Fashionmetropole wie Paris oder Mailand und Burcu auch kein vielbezahlter Victoria’s Secret Engel. Das Modeln ist deshalb nur ihr zweites Standbein.

Alltag mit Abwechslung

Zurzeit posiert die 24-Jährige circa ein bis zweimal im Monat vor der Kamera. Mehr Zeit hat Burcu auch gar nicht, denn sie arbeitet Vollzeit als Reiseverkehrskauffrau, frühstückt am Wochenende leidenschaftlich gern mit ihrer Familie und unternimmt so oft wie möglich etwas mit ihren deutschen oder türkischen Freunden.

Ist sie deshalb im Stress? No way, denn dafür liebt die Muslima die deutsche Ordnung und Ruhe zu sehr, die sie in der Türkei oftmals vermisst. „Ich fühle mich als Deutsche", erzählt Burcu. Und dennoch: Im Alltag wird sie ab und zu schonungslos an ihre ausländische Herkunft erinnert. Zum Beispiel, wenn sie in ihren E-Mails mal wieder mit „Hallo, Herr Burcu" angesprochen wird.

„Und Action, bitte!"

Für die Muslima gibt es vor der Kamera keine Zurückhaltung.

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Über den Autor

Lena Appel

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015