Slow Fashion – Modekonsum neu gedacht

Nicht alles, was glänzt, ist neu

02.02.2015

Individuelle Stücke statt Massenware. Langlebigkeit vor Trendsucht und Öko-Labels statt Billigwaren. Nachhaltiger Modekonsum hat mittlerweile viele Facetten. Aber kann Slow Fashion zur Massenware werden oder sind nachhaltige Konzepte wie Mädchenflohmarkt, Kleiderei oder Kleiderkreisel nur Tropfen auf dem heißen Stein?

Slow Fashion – Modekonsum neu gedacht (Quelle: Eigene Darstellung)

Ein Jahr lang dasselbe Kleid tragen. Den Kleiderschrank auf nur sechs Kleidungsstücke reduzieren. 365 Tage nicht mehr shoppen gehen und ausschließlich Kleidung tragen, die andere Menschen aussortiert und weggeworfen haben. Projekte wie «Das kleine Blaue», «The Six Items Challenge 2015» oder «The 365 Challenge» sind nur wenige von vielen Beispielen, bei denen sich Menschen dem Selbstversuch einer „Klamotten-Diät" unterzogen haben.

Extrembeispiele wie diese wollen Aufmerksamkeit erregen. Aufmerksamkeit dafür, dass wir nicht immer dem neuesten Modetrend hinterherhetzen müssen. Schnell gekauft, zweimal getragen und dann gleich ab in die Tonne. Warum eigentlich? Denn im Prinzip sind 100 Prozent der Textilien recyclebar. „They can be restyled, reconstructed and repaired in a multitude of creative and cost-saving ways", schreibt die Mode-Aktivistin Christina Dean auf ihrem Blog «Redress». Immer mehr Menschen widmen sich einem Problem, das längst nicht mehr nur Frauen betrifft: Unser Kleiderschrank ist überfüllt, aber völlig ”unterbeschäftigt". Nur wenige Teile tragen wir überhaupt regelmäßig. Und obwohl wir so viel Kleidung besitzen, finden wir trotzdem nie das passende Teil zum Anziehen. Also auf in den Laden und kaufen. Kaufen. Kaufen. Schließlich wollen wir uns wohlfühlen in unserer Haut. Und Trotzdem zeigen die oben genannten Beispiele, dass sich die Modebranche im Wandel befindet. Dabei wird vor allem ein Konzept viel diskutiert: Slow Fashion. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem «Buzzword»?

Schluss mit der Jagd nach dem neuesten Modetrend

In vielen Bereichen hat sich die Idee, zu Teilen, bereits durchgesetzt. Also warum sollte sich der Sharing-Gedanke nicht auch in der Modebranche durchsetzen? Slow Fashion versucht diesen Gedanken zu etablieren. Der Begriff «Slow Fashion» wurde 2008 von Kate Fletcher, einer Professorin im Bereich Nachhaltigkeit, Mode und Design am «Centre for Sustainable Fashion» in London geprägt. Angefangen bei der sozialen, umweltverträglichen und ressourcenschonenden Produktion von Kleidung bis hin zum nachhaltigen Modekonsum. Dabei betrifft Slow Fashion alle Beteiligten im Lebenszyklus eines Modestücks. So reiche es nicht aus, nur bei der Produktion auf nachhaltige und umweltschonende Materialien zu setzen, betonte die Mode-Aktivistin Christina Dean in einem Interview mit dem Frauenmagazin «Brigitte». Darüber hinaus müsse sich das Verhalten der Designer verändern, indem sie mehr zeitlose und multifunktionale Kleidung entwerfen. Genauso müsse sich aber auch das Konsumentenverhalten von einer quantitativen hin zu einer qualitativen Kaufentscheidung verändern.

Im ersten Moment scheinen sich die Begriffe „Slow" und „Fashion" nicht vereinen zu lassen. Denn das Einzige, was in der Modebranche konstant ist, ist der Wandel. Die Slow-Fashion-Bewegung jedoch hat Fast Fashion und damit den enormen Kosten für Kleidung, von jährlich mittlerweile 80 Mrd. Euro in Deutschland, den Kampf angesagt. „Es ist inzwischen salonfähig, darüber zu diskutieren, wie wir vom Maßlosen und Überflüssigen wegkommen", sagt Kirsten Brodde, die sich als aktives Mitglied von Greenpeace mit dem Thema „Grüne Mode" auseinandersetzt. Ist in der Modebranche also von Slow Fashion die Rede, ist damit die Idee gemeint, die Branche bewusst zu entschleunigen. Das Mantra der britischen Modeschöpferin Vivienne Westwood bring es auf den Punkt: Kauft weniger und bewusster und sorgt dafür, dass die Sachen halten.

Nachhaltiger Modekonsum statt Wergwerfmentalität

Das Bewusstsein für nachhaltigen Modekonsum und damit die Einsicht, dass etwas passieren muss, ist in den letzten Jahren gewachsen, bestätigte auch Brodde im Interview. Bei der Suche auf Google nach dem Begriff Slow Fashion erhält man so bereits 47.100.000 Ergebnisse. Trotzdem weist Maria Spilka, die Gründerin von mädchenflohmarkt.de darauf hin, dass aktuell noch eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach billiger Kleidung und dem Wissen über die zum Teil enorm schlechten Produktionsbedingen bestehe.

Aber welche Möglichkeiten hat jeder einzelne von uns, den Trend Slow Fashion zu leben und damit unseren Modekonsum dauerhaft zu verändern? Ob Kleiderei, Mädchenflohmarkt oder Kleiderkreisel. Sie alle zeigen, dass es eine Gegenbewegung zum Discount-Modell gibt. Diese Konzepte setzen beim Konsumverhalten jedes Einzelnen an. „Mein Wunsch ist es, dass wir mit Mädchenflohmarkt das Denken der Frauen grundsätzlich verändern", sagt die Gründerin der Onlineplattform. „So, dass sie schon im Moment der ersten Kaufentscheidung darüber nachdenken für wie viel Geld sie die Sachen weiterverkaufen könnten." Dass die Masse aufhören wird, Discounter-Mode zu konsumieren, glaubt sie jedoch nicht. Für sie soll Mädchenflohmarkt eine Ergänzung zum klassischen Modekonsum sein. Dabei scheint das Konzept vor allem deshalb aufzugehen, weil sie durch das Hintertürchen kommen. „Eigentlich haben wir nie in erster Linie über Nachhaltigkeit gesprochen, sondern vielmehr über Trends und Modestyles. Viele merken erst auf den zweiten Blick, dass es sich bei den Produkten um Second Hand handelt. Meistens eben dann, wenn es ans Bezahlen geht." Aber wie funktionieren nun eigentlich nachhaltige Konsumalternativen?

Slow Fashion – Nachhaltiger Modekonsum

Im Video werden zwei Alternativen für nachhaltigen Modekonsum vorgestellt.

Aber Mädchenflohmarkt ist längst nicht mehr allein. Hier eine Übersicht, über ausgewählte nachhaltige Konsumalternativen in Deutschland.

Nachhaltige Alternativen zum Modekonsum (Quelle: Eigene Darstellung)

Langsam. Aber sicher.

Slow Fashion betrifft auch die Herstellung von Kleidung. Dabei versuchen Modeproduzenten, die den Trend Slow Fashion unterstützen, aus unterschiedlichsten natürlichen, recycelbaren, so wie qualitativen und langlebigen Materialien Mode herzustellen. Und das möglichst fair und ökologisch. Deshalb konzentrieren sie sich darauf, regionale und lokale Materialien zu verwenden. In einigen Fällen wird die Kleidung sogar mit traditioneller Handwerkstechnik hergestellt, um die Langlebigkeit der Stücke zu garantieren und so am Ende die Rohstoffproduktion und Weiterverarbeitung zu entschleunigen. Das Team von FREITAG, das mit der Idee bekannt wurde aus alten LKW-Planen Taschen herzustellen, hat sogar mittlerweile Kleidung entwickelt, die vollständig kompostierbar ist. Slow Fashion will also das Bewusstsein schärfen. Nicht nur für den Ursprung eines Produkts und die bei der Herstellung verwendeten Rohstoffe, sondern auch dafür, unter welchen Umständen und mit welcher Qualität Mode produziert wird.

Eine Alternative gekommen, um zu bleiben?

Wenn es um Mode geht, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Wir alle sollten kreativer mit unserem Wunsch nach Veränderung und damit, mit unserem eigenen Modekonsum, umgehen. „Sich anders anziehen und verändern zu wollen, heißt ja nicht, immer gleich alles neu zu kaufen. Kleidung kann man ebenso gut tauschen, teilen oder leasen – ohne Abstriche an seinen modischen Anspruch oder die Lebensqualität machen zu müssen", sagt Brodde. Ferner betont Spilka, dass ihr Kleiderschrank mittlerweile zu 2/3 aus Second Hand besteht. „Ich sehe es gar nicht mehr ein, die Originalpreise zu bezahlen." Dass Mädchenflohmarkt wegen Überlastung zusammenbrach, kurz nachdem die Website online ging, zeigt einmal mehr, dass ein Nerv getroffen wurde. Je mehr nun das Bewusstsein der Menschen für die Bedeutung des Trends Slow Fashion gestärkt wird, desto mehr geraten auch die Big Player der Modebranche unter Druck. Mittlerweile erkennen sie den Zugzwang unter dem sie stehen und beginnen, auf den Trend zu reagieren. So bietet H&M beispielsweise an, ausrangierte Kleidung im Laden abzugeben, anstatt diese einfach wegzuwerfen. Dabei wird Kleidung, die noch getragen werden kann, an Second Hand Läden verkauft. Kleidung, die jedoch nicht mehr getragen werden kann, wird umfunktioniert oder in Form von Textilfasern weiterverwendet. So beschreibt jedenfalls H&M die Initiative auf ihrer Website. Trotz allem haben die Global Player nach wie vor noch häufig mit Authentizitätsproblemen zu kämpfen.

«Kleider machen Leute» ist nach wie vor aktuell. Aber nicht nur neue Kleider machen Leute. Second Hand ist längst nicht mehr altbacken und muffig. Es bleibt abzuwarten, ob oben genannte Alternativen zum nachhaltigen Modekonsum künftig den großen Modeanbietern Konkurrenz machen können. „Es wird in Zukunft so ein Mix sein, aber natürlich konkurrieren wir um die Käufer", sagt Spilka. Und trotzdem: Am Ende liegt es in unserer Hand, wie wir mit unserem Konsum die Modebranche verändern.

Mehr zum Thema nachhaltiger Modekonsum ....

Auf maedchenflohmarkt.de/magazin gibt es alles rund um Stylingtipps und Fashion Trends.

Auf gruenemode.de spricht Kirsten Brodde über Grüne Mode.

Auf beyondfashion.de findet man viele Anregungen zum nachhaltigen Modekonsum.

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Über die Autoren

Sophie Haferkorn

Electronic Media Master, Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: WS 14/15

Katrin Stanula

Electronic Media Master - Schwerpunkt Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: WS14/15