Leidenschaft

Nur der Kopf schaut raus

03.02.2017

Wasserball war die erste olympische Mannschaftssportart und schaffte es trotzdem in Deutschland nie in den Mittelpunkt. Warum steckt uns diese Sportart nicht an mit ihrem Fieber?

Wasserball – die Leidenschaft von Valentin Finkes, die ihn bis in die Bundesliga geleitet hat. | Bild: Dominic Berner

Seine Hand packt den Edelstahlgriff der gläsernen Drehtür. Stehende feuchte Wärme und der beißende Geruch von Chlor empfangen ihn im Inneren des gigantischen Zelts. Von außen sieht das Gewölbe wie ein riesiges Iglu aus. Weiß und rund; anmutig und fremd.

Valentin Finkes überrascht der Anblick dieses Ortes schon lange nicht mehr, denn er ist Wasserballer beim SSV Esslingen und vier Mal pro Woche in der Traglufthalle des Inselbades Untertürkheim. „Wir trainieren im Winter immer hier. In Esslingen gibt es keine Halle, die ein 50 Meter langes Becken hat", erklärt er ruhig und deutet auf das langgezogene Schwimmbecken, das Herzstück des Iglus. Finkes steuert auf den grauen Beton der Tribüne zu, während einige Schwimmer zu seiner Rechten von Startblöcken springen und die spiegelglatte Wasseroberfläche aufrauen – normaler Betrieb. Bei einem Fußballspiel wäre ein komplettes Stadtviertel abgesperrt worden, in der Wasserball-Bundesliga gibt es nicht mal ein eigenes Becken zum Trainieren. „Nachher kommen noch die Cannstatter. Die spielen in der zweiten Liga. Wir teilen uns die Halle", sagt er und setzt sich.

Finkes ist 21 Jahre alt und war als Kapitän der U-19-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Georgien dabei. Sein Ziel: auch im Herren-Nationalkader Tore werfen. Nationalmannschaft Wasserball – Gedanken schießen durch den Kopf: Berühmte Wasserballer? Wen gibt es denn da? Nichts! Wieso? Fußballspieler kennt jeder! Die Wassersportart steckt in einem Loch aus dem sie alleine nur schwer wieder herausklettern kann. Sponsoren fehlen. Ohne das Geld der Sponsoren sind die Möglichkeiten begrenzt, aufwendige Trainingskonzepte praktisch nicht umsetzbar. „Das liegt daran, dass der Sport nur schwer vermarktet werden kann", sagt Finkes. Sportarten, die in den Medien nicht auftauchen, sind eben keine guten Werbemittel.

Einschwimmen

Am anderen Ende der Halle rattert die Drehtür. Nach und nach trudeln die restlichen Esslinger ein. Zum Schluss betritt Trainer Bernd Berger mit großen Schritten die Schwimmhalle. Im Schlepptau hat er Co-Trainer Heiko Nossek, Nationalspieler, der seine Brötchen auch schon in der italienischen Profiliga verdiente. Fertig umgezogen stehen die Spieler am Beckenrand. Das Gelächter über raue Sportlerscherze verstummt. Es platscht, Wasser spritzt bis zur Tribüne. Der Trainer sitzt am Rand und mustert die Spieler beim Einschwimmen. „Der da drüben ist zum Beispiel Lehrer", sein Zeigefinger zielt auf den Schwimmer auf der zweiten Bahn. „Er ist Physiotherapeut, die zwei da sind Schüler und der Rest sind Studenten." Vom Sport allein kann hier niemand leben. „In Ländern wie Ungarn oder Italien verdient man nicht schlecht. Da wird man schon deutlich mehr als der Bevölkerungsdurchschnitt bekommen", vermutet Berger. Für Finkes ist es nicht nur der Wasserball, der wenig Aufmerksamkeit bekommt: „Im Olympiastützpunkt habe ich Ruderer kennengelernt, die auch wirklich kämpfen müssen. So geht es eigentlich allen Randsportarten."

Krafttraining in der Wasserball Bundesliga: Über Wasser bleiben und dazu eine stählerne Gewichtsscheibe über den Kopf halten. | Bild: Dominic Berner

Zehn Kilogramm – bloß nicht untergehen

Kurzes Verschnaufen. Berger nutzt die Pause, um die nächste Übung anzusagen. Am Kopf des Pools, direkt hinter den Startblöcken, baut er ein kleines Tischchen auf. Handstoppuhr, Stift und Papier liegen bereit. Der Trainer setzt sich und lässt den ersten Kandidaten antreten. „Die Zehn-Kilo-Scheibe so lange über den Kopf halten wie möglich. Und nicht untergehen!" Berger deutet auf die stählerne Gewichtsscheibe zu seinen Füßen. Während Normalsterbliche wohl nach spätestens fünf Sekunden den Grund des Beckens erreicht hätten, strampeln sich die Bundesliga-Spieler teilweise länger als 40 Sekunden über Wasser. Stabilität ist die Quintessenz in dieser Sportart. „Bei uns spielt sich alles in einem anderen Medium ab", sagt Finkes, „Kicken und Laufen kann im Prinzip jeder; Schwimmen ist schon etwas komplizierter." Wer hat sich denn schon mal nachmittags zum Wasserball getroffen? Wohl die wenigsten. Dadurch fällt es einem Außenstehenden schwer, sich für diese Sportart zu begeistern.

Zwei Kontrahenten Auge in Auge – SSV Esslingen spielt im Training gegen den SV Cannstatt.| Bild: Dominic Berner

Trainingsderby

Während die letzten Spieler die Gewichtsscheibe halten müssen, baut der Rest des Teams das 50-Meter-Becken zu einem Spielfeld um. Schwimmende Tore werden in das Wasser gezogen und Seile gespannt, auf denen bunte Kunststoffglieder aufgefädelt sind. Sie markieren die Feldgrenzen. Die Esslinger ziehen blaue Wasserballkappen auf, Gegner SV Cannstatt die weißen. Beide Mannschaften kraulen energisch auf die Mitte des Spielfelds zu, wo der Ball eingeworfen wird. „Im Wasserball ist eben das Problem, dass du nicht viel siehst", erklärt Finkes. „Man sieht im Grunde nur den Kopf, der über Wasser ist. Ich denke, die Sportart ist nicht sehr zuschauerfreundlich." Die Heimspiele des SSV bezeugen das. Während im Fußball, Handball oder auch beim Tennis ganze Stadien mit Tausenden gefüllt werden, sitzen beim Wasserball 300 Zuschauer auf der Tribüne. „Ich mache mir manchmal darüber Gedanken. Es ist einfach schade, dass dieser Sport nicht so anerkannt oder populär ist. Ich würde mich freuen, wenn mehr Zuschauer da wären und der Wasserball weitere Wellen schlagen würde", sagt Finkes ernst. Als Spieler in der Wasserball-Bundesliga steht man mit Leidenschaft hinter seinem Sport; Geld und Berühmtheit sind hier eher nebensächlich.

Training beim Wasserball-Bundesligisten SSV Esslingen

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Über den Autor

Dominic Berner

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016