Voluntourismus

Nur Geschäft oder echte Hilfe?

28.06.2017

Viele junge Menschen möchten nach ihrem Schulabschluss für einen Freiwilligendienst ins Ausland. Häufig vermitteln Organisationen passende Stellen für viel Geld. Vor Ort ist dann häufig vieles anderes als versprochen. Sind die jungen Helfer nur ein einträgliches Geschäftsmodell und können sie tatsächlich helfen?

Freiwilligeneinsatz in Panama - Arbeiten und Helfen, wo andere Urlaub machen. |Foto: Constantin Bach

Abitur und dann? Diese Frage stellen sich viele junge Menschen. Die Antwort lautet häufig: „Ab ins Ausland." Neben Work-und-Travel Angeboten können die Schulabgänger auch in der Entwicklungshilfe aktiv werden. „In den letzten Jahren haben solche Angebote des sogenannten Voluntourismus stark zugenommen", sagt Antje Monshausen. Sie ist Tourismusreferentin von TourismWatch, einem Informationsdienst von „Brot für die Welt" und beschäftigt sich mit freiwilligen Auslandseinsätzen. Tatsächlich verbergen sich dahinter eine Vielzahl an Formen von freiwilligem Engagement im Rahmen touristischer Aktivitäten. So fallen darunter Arbeitserfahrungen und Einsätze von weniger als 3 Monaten. Ein freiwilliger Auslandseinsatz ist aber nicht gleich ein Hilfseinsatz.

Freiwilligenjahr vs. Voluntourismus

Oft wird bei Kurzzeiteinsätzen leichtfertig von Hilfseinsätzen gesprochen, damit werde suggeriert, dass vor Ort Hilfe erbracht werde, stellt Monshausen fest. Manche Organisationen nennen sich aber auch bewusst Lerndienste und setzen dabei den Schwerpunkt auf die Entwicklung der Freiwilligen. Das gilt jedoch nicht für die meist kürzeren Voluntourismusangebote. Ein wesentlicher Unterschied besteht aber auch im Grad der Verbindlichkeit und der Vorbereitung der Freiwilligen.

Eine Erfahrung, die auch Gonca Güngör gemacht hat. Nach ihrem Abitur wollte sie einen freiwilligen Einsatz in einem Kinderheim in Chile machen. Auch sie wird von einer Organisation vermittelt. Doch dann verläuft der Auslandsaufenthalt nicht so wie erhofft. Vor Ort waren keine Ansprechpartner vorhanden, das Kinderheim war schlecht ausgestattet und das Arbeitsklima war angespannt.

Gonca Güngör erzählt von ihren Erfahrungen im Kinderheim in Chile. |Quelle: Daniel Bürkle und Maram Imam

Antje Monshausen meint: „Man muss aber feststellen, dass die Freiwilligen selbst am meisten vom Einsatz profitieren." Wenn Freiwillige wieder nach Deutschland kommen, haben sie viele Erfahrungen gesammelt. Oftmals nehmen sie Fragen oder Konflikte aus Deutschland mit und lösen diese oder lernen zumindest eine neue Perspektive auf diese kennen. Freiwillige erzählen oft: „Ich bin rausgegangen, um zu helfen. Aber ich bin wiedergekommen und mir selbst wurde geholfen", so Monshausen.

Ob die Einsätze vor Ort hilfreich sind, ist eine andere Frage, weil es davon abhängt, wie der Freiwilligeneinsatz in die Strategie der Organisation eingebunden ist. Wenn Freiwillige jedoch glauben, dass sie mit ihrem Einsatz die Welt dauerhaft verändern können, ist dies eine Hoffnung, die sich in der Realität oft nicht erfüllt. Im Nachhinein wird vielen klar, dass sie mit zu hohen Erwartungen in den Einsatz gegangen sind.

Mehr Schaden als Hilfe?

Antje Monshausen sieht auch Probleme für die Wirtschaft der bereisten Länder im Zusammenhang mit armutsorientierten Marketing der voluntouristischen Anbietern . „Die einheimische Bevölkerung vor Ort wird als Bittsteller und Hilfsempfänger dargestellt." Dabei stellt sich die Frage, ob Klischees des Neokolonialismus durch solche Auslandseinsätze abgebaut oder eher verstärkt werden. „Die Menschen vor Ort sehen sich mit Reisenden konfrontiert, die auf den einheimischen Arbeitsmarkt kommen und die wenigen Jobs, die es z.B. im Bildungswesen gibt, kostenlos verrichten."

In Bezug auf den ökonomischen Nutzen für die bereisten Länder müsse man genau hinschauen, stellt Antje Monshausen fest. Es gibt Projekte in Südafrika, wo Arbeitsplätze durch den Voluntourismus geschaffen wurden, weil die Aufnahme von Freiwilligen konzeptionell und organisatorisch durch lokale Fachkräfte begleitet wurde. Problematisch wird es dann, wenn Freiwilligeneinsätze lokale Arbeitsplätze verdrängen. In afrikanischen und südamerikanischen Ländern herrscht oft eine hohe Arbeitslosigkeit.

Informationen zum freiwilligen Engagement im Ausland |Quelle: Daniel Bürkle und Maram Imam via Piktochart

Ratschläge für junges Engagement

Wer sich im Ausland sozial und ökologisch engagieren möchte, sollte eines der geförderten Lernangebote im Bereich der entwicklungspolitischen Freiwilligendienste wählen, rät Antje Monshausen. Wer vor allem Arbeitserfahrungen sammeln möchte, hat natürlich auch in Deutschland im Rahmen der Bundesfreiwilligendienste die Möglichkeit, einem freiwilligen Engagement nachzugehen. Junge Helfer haben oft keine Arbeits- oder Freiwilligenerfahrung. Wenn sie im Ausland unter schwierigeren und ungewohnteren Rahmenbedingungen arbeiten, kann dies auch überfordern. Wer vorher schon Erfahrungen in Deutschland gesammelt hat, kann dann besser einschätzen, wo die eigenen Stärken liegen und kann dann mit Herausforderungen besser umgehen.

Im fernen Panama

Ein Freiwilligeneinsatz kann aber auch gut organisiert sein. Constantin Bach leistet seit August 2016 ein freiwilliges ökologisches Auslandsjahr in einem Zoo in Panama. Er ist über die Auslandsorganisation AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. an eine Gastfamilie vermittelt worden. Als Tourguide führt er Besucher durch seinen Zoo und kümmert sich um die Tiere. Hier sind seine Erfahrungen.

Constantin Bach beschloss nach der Schule nach Panama zu gehen und dort seinen Freiwilligedienst in einem Zoo zu leisten. Über seine Erfahrung berichtet er hier. | Quelle: Daniel Bürkle und Maram Imam

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Über die Autoren

Daniel Bürkle

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014

Maram Imam

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015