Islamischer Staat

One-Way-Ticket in den Heiligen Krieg

07.07.2015

Der IS gilt unter Sicherheitsexperten als gefährlichste und einflussreichste Extremistengruppe der Welt. Obwohl die Organisation im arabischen Raum kämpft, schlossen sich ihr bereits 3.000 Europäer an. Was aber bringt sie dazu, ihrem demokratischen Heimatland den Rücken zu kehren und freiwillig in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen?

Der Flughafen Gaziantep in der Türkei liegt sechs Stunden von der syrischen Grenze entfernt. Er gilt als Umschlagplatz für Aussteiger, die von dort in den „Heiligen Krieg" ziehen. Sechs Stunden zwischen Krieg und Frieden. Doch diesen sechs Stunden geht eine monatelange Entwicklung voraus.

Als Teil dieser Entwicklung nennt der Diplom-Psychologe Ahmad Mansour „das Durchlaufen eines Zeitfensters, in dem Jugendliche besonders anfällig für radikale Botschaften sind". Im Interview mit dem „Bayrischen Rundfunk" sagt er, dass sie in dieser Zeit in unterschiedlicher Ausprägung labil und orientierungslos und deshalb auf der Suche nach Halt, Sinn und Abgrenzungsmöglichkeiten seien. In radikalen Denkweisen wie denen des Islamischen Staates finden sie Handlungsempfehlungen, Aufmerksamkeit und das Gefühl von Zugehörigkeit.

Abenteuer-Inszenierung ist Teil der Propaganda

Der Islamische Staat verspricht orientierungslosen Jugendlichen nicht nur den Weg ins Paradies und die Erfüllung eines göttlichen Auftrags, er gibt dabei zusätzlich klare Strukturen und Richtlinien nach den Gesetzen der Scharia. In Verbindung mit der Ideologie und den Bildern des Islamischen Staates kommen die Jugendlichen durch soziale Netzwerke wie Youtube, Twitter und Instagram. „Hier erfahren sie erstmals von der Schrecklichkeit, die eben nicht von allen als solche wahrgenommen wird", weiß Klaus Kamps, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Die „Abenteuer- und Videospielästhetik" der Videos sei kein Zufall. Es sollen ganz bestimmte Bilder erzeugt werden. Sie sehen hier „heilige Gotteskrieger", vor Selbstbewusstsein strotzend, beinahe majestätisch und herrschaftlich über ihrem Opfer. Sie entscheiden zwischen Leben und Tod. Kamps dazu: „Sie dienen als Vorbilder und so funktioniert nun mal Identitätsbildung durch Propaganda."

Was ist der islamische Staat? Erstellt von Carina Roos.

Twitter als Verbreitungskanal

Spätestens als der Anführer Abu Bakr Al- Baghadi im Juni 2014 -90 Jahre nach Abschaffung des letzten Kalifats durch die türkische Nationalversammlung- die Gründung des Kalifats Großsyrien via Twitter bekannt gab, dürfte die Bedeutung der sozialen Netzwerke für die Organisation nicht mehr zu leugnen sein. „Twitter ist eine Vernetzungsmaschine. Durch sie können auch Personen, die gar nicht aktiv nach Botschaften des IS suchen, durch harmlos klingende Hashtags erreicht werden", sagt Kamps. Die klassischen Medien hätten nur marginalen Einfluss. „Der Journalist hat die Aufgabe neutral zu bleiben. Das ist bei Berichten über den Islamischen Staat nur schwer möglich. Außerdem dürfen Bilder teilweise nicht gezeigt werden. Online im Internet ist das alles einfacher, denn das ist zu großen Teilen rechtsfreier Raum", so der Kommunikationswissenschaftler.

Reise sei einfach und günstig

Von der ersten Begegnung mit Botschaften des Islamischen Staats über die Annahme der Ideologie bis zum endgültigen Schritt dafür in den „Heiligen Krieg" zu ziehen, liegen oft nur wenige Monate, so der Diplom-Psychologe Mansour im „Bayrischen Rundfunk. Die Reise sei vor allem einfach und günstig. Jugendliche buchen online ein Flugticket für weniger als 200 Euro in die Türkei, fahren mit dem Bus vom Flughafen bis an die syrische Grenze und von dort ins Kriegsgebiet. Auf diesem oder ähnlichem Weg schafften es bislang etwa 800 Jugendliche aus Deutschland und etwa 1.700 aus Frankreich. Wenige von ihnen kämen zurück, denn die „Ausreiser" kämen im Kampf um oder die Angst vor einem Ausstieg sei zu groß. So bleibt es eine Reise mit One-Way-Ticket zum Flughafen Gaziantep mit der Endstation „Heiliger Krieg".

Scharia

Sie gilt als Ordnung Gottes und darf daher nicht durch menschliche Gesetze ersetzt werden. In ihr lassen sich Anweisungen für das Verhalten von Muslimen in Familie und Gesellschaft wie beispielsweise einen Vermummungszwang für Frauen finden. Die Bestimmungen der Scharia kommen aus dem Koran, Überlieferungen und ihrer Auslegung durch frühislamische Theologen und Juristen. Mehr

Kalifat

Ziel des IS ist die Errichtung eines „Gottesstaats" nach den Gesetzen der Scharia im arabischen Raum. Oberhaupt ist der Kalifat Al- Baghadi, der als „Nachfolger Gottes" angesehen wird. Der Islam erscheint nicht als Religion, sondern als politische Ideologie, die religiös begründet wird. Mehr

Irakkonflikt

Der Islamische Staat nutzt die ethnisch- religiösen Spannungen im Land als Nährboden für seinen eigenen Machtgewinn.

Erfahre hier mehr: Erklärvideo zum Irakkonflikt

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Über den Autor

Carina Roos

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015