Streitpunkt Windkraft

Orkanartiger Gegenwind

09.12.2015

Die Energiewende – spätestens seit der Katastrophe in Fukushima ist sie beschlossene Sache. Bis 2022 sollen alle deutschen Atomkraftwerke stillgelegt sein, die Politik setzt auf Erneuerbare Energien. Dass auch diese nicht unumstritten sind, zeigen aktuell Bürgerinitiativen in ganz Deutschland.

Auch in Ingersheim gibt es eine solche Bürgerinitiative. 6200 Einwohner zählt die Gemeinde im Landkreis Ludwigsburg. Wer nach Ingersheim kommt, wird von einer ländlichen und ruhigen Umgebung empfangen. Auf den Feldern rundherum blüht im Frühjahr der Raps soweit das Auge reicht. Dazwischen: Ein Windrad.

180 Meter ragt die Anlage in die Höhe. Seit dreieinhalb Jahren steht das Windrad auf Ingersheimer Gemarkung. Ein Gegenwind bläst in der Gemeinde schon länger: Seit 2009 ist die Bürgerinitiative „Gegenwind Husarenhof" aktiv. Im kleinen Kreis mit fünf Bürgern gegründet, setzt sich die Gruppe seit Bekanntwerden der Windkraftpläne gegen diese ein.

Einsam dreht sich die Ingersheimer Anlage im Wind. Ein zweites Windrad wird die Gemeinde nicht bekommen. Foto: Julia Falk

Die Ingersheimer Windkraftkritiker sind schon lange kein Einzelfall mehr in Deutschland. Vielerorts werden Initiativen gegen die Erneuerbare Energie vor der eigenen Haustür gegründet. Vor allem im süddeutschen Raum kommt immer wieder die Frage nach der Wirtschaftlichkeit von Windkraftanlagen auf.

Windkraft nur da, wo sie sinnvoll ist

„An oberster Stelle stehen für uns die Belange von Mensch, Landschaft und Natur", sagt Walter Müller. Er ist Pressewart der „Gegenwind Husarenhof"-Initiative. „Unsere Bürgerinitiative ist nicht grundsätzlich gegen Windkraft", stellt Müller klar: „Als überzeugte Demokraten stehen wir zu der in einer demokratischen Mehrheitsentscheidung getroffenen Energiewende." Hinsichtlich der Umsetzung dieser Pläne habe man jedoch eine genaue Vorstellung, die laut Müller vor allem auf dem gesunden Menschenverstand aufbaue. Dort, wo geringe Erträge durch Windkraft hohen Nachteilen für Mensch und Umwelt gegenüberstünden, lehne man den Betrieb kategorisch ab.

Deshalb setzen sich die Kritiker für eine Vorabprüfung der wirtschaftlichen Umstände eines Standortes ein. „Diese Standortbedingungen sind maßgeblich für die dauerhaft wirtschaftliche Arbeit eines solchen Betriebes", so der Pressewart. Für eine Windkraftanlage sei deshalb allein das jahresdurchschnittliche Windaufkommen von Bedeutung. Und das sei in Baden-Württemberg zwei- bis dreimal niedriger als etwa an der windreichen Nord- und Ostsee.

Stimmen der Ingersheimer Bürger zum Windrad vor der eigenen Haustür

Audio-Umfrage vor Ort: Wie stehen die Bürger der Gemeinde zu ihrem Windrad? Spielt die Anlage für ihren Alltag eine Rolle?

Dennoch: Das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg möchte die Windkraft auch im Süden Deutschlands langfristig ausbauen. So heißt es von Seiten des Ministeriums: „Auch bei baden-württembergischen Windverhältnissen gibt es entsprechend des Windatlasses Baden-Württemberg ausreichend Flächen, auf denen mehr als 1800 Volllaststunden und damit ein wirtschaftlicher Betrieb erreicht werden können." Die Weiterentwicklung zu größeren und leistungsfähigeren Anlagen sorge zudem dafür, dass die in größeren Höhen stärkeren und regelmäßigeren Winde genutzt werden könnten.

Risikofaktor „Infraschall"

Nicht nur die mangelhafte Leistung des Windrades ist der Bürgerinitiative ein Dorn im Auge. Die Kritiker haben zudem Angst um ihre Gesundheit. „Von der Anlage gehen zweifelsfrei schädliche Immissionen wie Lärm, Schattenschlag und Infraschall aus", ist Müller überzeugt. Der Abstand des Windrades zum Husarenhof, einem Ortsteil der Ingersheimer Nachbarstadt Besigheim, betrage gerade einmal 725 Meter. „Dieser Abstand ist viel zu gering", so der Pressewart weiter. Das Grundstück gehöre einem Mitglied der Bürgerinitiative – und dessen drei Kinder hätten bereits mit Schlafstörungen und verschlechterten schulischen Leistungen zu kämpfen.

Unterhalb der Wahrnehmungsschwelle

Windräder müssen einen bestimmten Abstand zur nächstgelegenen Wohngegend einhalten. Dieser ist in Deutschland jedoch nicht einheitlich geregelt. So ist etwa in Bayern die zehnfache Höhe der Anlage – also etwa 2000 Meter – als Mindestabstand einzuhalten, während in Baden-Württemberg 700 Meter vorgeschrieben sind.

Aus Sicht des baden-württembergischen Umweltministeriums völlig ausreichend. Der im Umfeld von Windenergieanlagen auftretende Infraschallpegel liege sehr weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Menschen, so das Ministerium: „Nach heutigem Stand der Wissenschaft sind schädliche Wirkungen durch Infraschall bei Windenergieanlagen nicht zu erwarten."

                               Blick aus dem Husarenhof, einem Ortsteil der Ingersheimer Nachbarstadt Besigheim. Hier ist der Abstand zwischen Wohngebiet und Windrad mit 725 Metern am Geringsten. Foto: Julia Falk

Neben der Angst um die eigene Gesundheit blicken die Ingersheimer Kritiker sorgenvoll auf ihre Häuser. Diese könnten aufgrund des geringen Abstandes einen Wertverlust von durchschnittlich 30 Prozent, im Einzelfall bis zur Unverkäuflichkeit, erfahren, so Pressewart Müller.

Bis vor Gericht gezogen

All das hat der Bürgerinitiative „Gegenwind Husarenhof" gereicht, per Klage gegen die Windkraftpläne vorzugehen. „Diesen Marsch durch alle Instanzen haben wir verloren", gibt Müller zu. Sowohl das Widerspruchsverfahren vor dem Regierungspräsidium Stuttgart als auch die Klage vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart konnten den Bau der Anlage nicht verhindern.

Die Kritiker geben trotzdem nicht auf. „In der heißen Phase hatten wir über 120 Mitglieder", so Müller, „der harte Kern aus 25 Mitgliedern trifft sich auch heute noch etwa fünf Mal im Jahr." Man wolle sich weiterhin gegen den Betrieb des Windrades einsetzen und die Bürger über die Sachverhalte informieren.

Einen Erfolg konnte die Initiative kürzlich trotzdem feiern. So wurde eine zweite Windkraftanlage für die Gemeinde in der Sitzung des Regionalverbandes Stuttgart „definitiv und unwiderruflich" abgelehnt. Ebenso unwiderruflich zerstört sei aber auch das Verhältnis der Bürgerinitiative zur Gemeindeverwaltung, gibt Walter Müller zu. „Die Stimmung in den Kommunen rund um Ingersheim war nach der Ablehnung des zweiten Windrades sehr positiv", so der Pressewart. Dementsprechend gehe man von vielen weiteren Bürgern aus, die gegen die Windkraft im Kreis Ingersheim seien.

Alternativen sind da

Neben aller Kritik und Zweifel hat die Bürgerinitiative auch Alternativen zu bieten. „Die energetische Sanierung alter Häuser bietet erhebliches Einsparpotenzial", so Müller. Auch den Ausbau von Photovoltaikanlagen in sonnenreichen Regionen wie etwa am Bodensee kann er sich vorstellen.

Nur die Windkraft in Ingersheim ist für den Pressewart nicht nachvollziehbar: „Es macht keinen Sinn, Ananas in Alaska anzubauen – und genauso wenig macht es Sinn, Windkraft in Baden-Württemberg zu forcieren."

Erzeugte Leistung durch Windenergie in Deutschland 2014

Vergleich der Energieerträge aus Windkraftanlagen in den 16 deutschen Bundesländern im Jahr 2014.

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Über den Autor

Julia Falk

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015