Vergessene Wörter

Pardauz, schon wieder vergessen!

23.05.2016

Das Hemd als „Vatermörder“ oder der preiswerte Fußbodenbelag als „Balatum“. Es gibt so viele vergessene Wörter. Doch wer weiß heute noch, was sie bedeuten?

Viele Wörter verschwinden mit der Zeit aus dem deutschen Wortschatz - sie werden „vergessen".|Bild: Alina Veth

Von „abeisen" über „Honigmond" bis hin zu „zwiefältig". Die Liste der vergessenen Wörter ließe sich lange weiterführen. Doch warum geraten diese Wörter in Vergessenheit? Manche haben eine so klangvolle Aussprache, eine wertvolle Bedeutung. Doch sie haben niemanden, der für sie das Wort ergreift.

Wir haben uns auf dem Marienplatz umgehört und Marktbesucher mit vergessenen Wörtern konfrontiert. Weiß man denn heute noch was „schlampampen" bedeutet? Oder was sich hinter „Ingrimm" verbirgt?

Marktbesucher auf dem Marienplatz erklären die Bedeutung vergessener Wörter.

„Es ist ganz natürlich, dass Wörter verschwinden", sagt Lutz Kuntzsch, Leiter der Sprachberatung bei der Gesellschaft für deutsche Sprache. „Manche Wörter werden einfach nicht mehr gebraucht oder als schön empfunden." Einige Wörter geraten in Vergessenheit, weil der zugehörige Gegenstand gegen einen anderen, technisch neuen oder praktischeren ersetzt wurde. Kaum einer benutzt heute noch eine Wählscheibe beim Telefon und die Kassette wurde durch die CD ersetzt.

Auch der gesellschaftliche Wandel trägt seinen Teil zum Vergessen mancher Wörter bei: Unverheiratete Frauen spricht man nicht mehr als „Fräulein" an, ein kleiner Junge ist kein „Dreikäsehoch" und die Bezeichnung „Backfisch" für ein junges Mädchen ist heute nicht üblich. „In den letzten 30 Jahren hat sich die deutsche Sprache vor allem durch die neuen elektronischen Medien verändert", erklärt Kuntzsch. Früher gab es kein Internet, keine E-Mail oder SMS. Diese Erfindungen brachten viele neue Begriffe in den deutschen Wortschatz. Der politische Wandel ist auch nicht ganz unschuldig: Da es heute keine Kaiser mehr gibt, wird auch der Begriff „Kaiserwetter" für schönes Wetter nur noch selten benutzt. Und auch der „Groschen", der früher ein 10-Pfennig-Stück betitelte, ist dem Euro gewichen.

„Geile Nonnen"

Bei manchen Wörter gehen nur die alten Bedeutungen verloren - irgendwann leben sie wieder auf und werden in einem neuen Zusammenhang verwendet. Kuntzsch hat dafür auch ein Beispiel: „Ich nehme gerne den Begriff „geil". Früher sagte man beispielsweise „geile Nonnen". Da bedeutete „geil" noch ganz allgemein „fröhlich". Später wurde es dann absolut verengt und zu einem Tabu durch die sexuelle Bedeutung. Jetzt ist es langsam über die Jugendsprache wieder herausgekommen, ist aber noch nicht dort wo es mal war. Jüngere Generationen sagen das wieder ohne weiteres. Ich habe da noch Bedenken, dieses Wort einfach in meiner Alltagssprache zu benutzen."

Eine unermessliche Auswahl an vergessenen Wörtern
Neben den hier im Text genannten vergessenen Wörtern lassen sich noch viele weitere finden. Besonders zu empfehlen sind die Internetseiten bedrohte-woerter.de und retropedia.de.

Die im Juli 2006 im Duden erschienene Rote Liste der Deutschen Sprache ist hier zu sehen.

2005 erschien im rowohlt Verlag das Buch „Lexikon der bedrohten Wörter" von Bodo Mrozek. Es beinhaltet ein amüsantes Alphabet vergessener Wörter und deren Bedeutung.

Ein deutsches Wort für Casting?

Es kommen aber auch immer wieder neue Wörter hinzu: Durch die Globalisierung bereichern viele Fremdwörter, besonders aus dem Englischen, Französischen oder Russischen, die deutsche Sprache. Kuntzsch wertet diesen Einfluss als Bereicherung. Man könne nicht davon sprechen, dass Anglizismen die deutsche Sprache verdrängen und das zum Vergessen alter Wörter führe. Die Anzahl der Anglizismen im Deutschen hätte sich in den letzten Jahren nicht großartig verändert. Derzeit geht man von rund zehn Prozent aus dem Englischen stammmender Wörter in der deutschen Sprache aus. Für einige Wörter gebe es eben nur ein englisches Wort, zum Beispiel bei „Casting" oder „E-Mail". Wenn es allerdings ein deutsches Wort gebe, könne man dieses stattdessen benutzen. „Vor einigen Jahren wurde ich einmal gefragt, wie ich denn relaxe. Da sagte ich dann: Ich relaxe nicht, ich erhole mich", erzählt Kuntzsch.

Da wird einem ja ganz blümerant!

„Ich finde es gut, dass sich Sprache verändert. Das macht es ja auch interessant", meint Kuntsch. Natürlich gehen einige Wörter oder Dialekte dadurch verloren, aber das sei ein ganz natürlicher Prozess. 2006 standen rund 500 Wörter auf der Roten Liste des Dudens. In dieser Liste stehen all jene Wörter, die als veraltet angesehen werden. Im deutschen Wortschatz gibt es eine Vielzahl an Wörtern, die kaum bekannt sind oder nur äußerst selten benutzt werden. Bei der Auswahl kann einem ja ganz blümerant werden!

Apropos vergessen: Statt „Pardauz" würde nach aktuellem Sprachgebrauch „Hoppla" in der Überschrift dieses Beitrags stehen.

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Über den Autor

Alina Veth

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16