Suizide auf Bahngleisen

Personenschaden

31.05.2016

Nimmt sich ein Mensch auf den Schienen das Leben, wird von einem Personenschaden gesprochen. Zu Schaden kommen aber zwei. Während der eine sein Leben freiwillig beendet hat, muss der Lokführer mit dem Vorfall weiterleben.

Dieses Schild untersagt das Betreten der Gleise |Bild: Larissa Urbiks

Klaus Kreussel ist seit 40 Jahren Lokführer. Wir treffen ihn an einem Mittwochnachmittag an einem Bahnhof in der Nähe von Stuttgart. Es herrscht bestes Wetter, kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen. Klaus ist komplett in schwarz gekleidet. Schwarzer Pullover, schwarze Jeans und ein Rucksack von der Deutschen Bahn, ebenfalls schwarz. Bei vier tödlichen Schienenunfällen saß er bereits im Führerhaus. Mit uns sprach er über die Unfälle und die schwierige, teils traumatische Zeit danach.

Wenn ein Mensch auf den Gleisen den Tod sucht, wird viel über seine Motive spekuliert. Vergessen wird dabei fast immer der Lokführer. Er muss damit leben, einen Menschen unfreiwillig getötet zu haben.

„Ich würde diesen Menschen wiederkennen. Den vergisst man nicht."

Bei unserem ersten Treffen mit Klaus waren wir überrascht. Erwartet hatten wir einen in sich gekehrten 59-jährigen Mann. Doch Klaus ist offen und lacht viel. „Lokführer zu sein war schon immer mein Traumberuf", sagt er. Euphorisch spricht er über seine Lieblingsstrecken und Lieblingszüge.

Als das Gespräch auf seinen ersten Personenunfall (PU) kommt – so heißt der Tod eines Menschen auf den Gleisen offiziell – wird er ruhiger. An jeden seiner insgesamt vier Unfälle erinnert er sich noch genau. Besonders das Gesicht – die Augen – haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. „Wenn man mir viele ähnliche Bilder zeigen würde, ich würde diesen Menschen wiedererkennen. Den vergisst man nicht."

Im Gespräch erzählt er uns, er habe die Personenunfälle verarbeitet. Ganz glauben können wir das nicht. Er erzählt immer wieder vom Ablauf. Wie er sich dabei jedoch gefühlt hat, gibt er nicht wirklich preis. Er schweift schnell ab, berichtet über Kollegen, die bereits ähnliches erlebt haben. Von deren Gefühlen erzählt er mehr. So könne ein Teil der Lokführer schon wenige Tage später wieder ins Führerhaus steigen – als wäre nichts gewesen. Ältere Kollegen gehen in Frührente, andere wiederum verkraften das Erlebte nie und geben den Beruf Lokführer ganz auf.

„Da ist was passiert, das ist nicht normal"

Wir gehen mit Klaus ein Stück. An einen Punkt, an dem direkt neben den Gleisen ein Fußgängerweg entlangführt. Während wir gehen, lächelt Klaus vor sich hin. Er lächelt eigentlich immer. Auch wenn er über die Unfälle spricht. Wir wollen einige schöne Bilder einfangen und warten darauf, dass ein Zug vorbeifährt. Der Zug hat Verspätung. Schon fast eine Stunde. Klaus Lächeln schwindet. Er wirkt nervös, reibt sich die Hände. „Da ist was passiert, das ist nicht normal", sagt er. Warum der Zug tatsächlich verspätet war, können wir leider nicht herausfinden. Doch Klaus Reaktion verdeutlicht die Angst, die jeder Lokführer nach einem Personenunfall hat. Es wird deutlich: Auch die Lokführer erleiden einen „Personenschaden".

Dieses Problem hat auch die Deutsche Bahn erkannt und bietet seit einigen Jahren allen Lokführern die Möglichkeit, eine psychiatrische Einrichtung in der norddeutschen Gemeinde Malente, zu besuchen. Klaus Kreussel sagt, so eine Kur sei nichts für ihn gewesen. Generell muss jeder Lokführer für sich selbst herausfinden, wie er am besten einen Personenunfall verarbeitet und ob er Hilfe möchte. Für Klaus war es das Beste sich versetzen zu lassen. „Mir hat es schon sehr geholfen, nicht mehr an den Stellen vorbeifahren zu müssen", erzählt er uns.

Wir bitten Klaus, mit uns noch einmal an den Bahnhof zu fahren, an dem sich für ihn der schlimmste Unfall ereignete. Der Bahnhof in Schwaikheim. Dort angekommen schaut er sich um und spricht sofort von dem Unfalltag. Er läuft zunächst allein zu der kleinen Gedenkstätte am Bahnsteig. Mit gesenktem Kopf und in Gedanken versunken bleibt er davor stehen. Aber auch in dieser eigentlich emotionalen Situation, fällt es ihm schwer, über seine Gefühle zu sprechen.

„Lokführer zu sein ist immer noch mein Traumberuf!"

Klaus Kreussel ist noch immer Lokführer. Nicht mehr in Vollzeit, aber immer noch für rund 100 Stunden im Monat. Die restliche Zeit ist er für andere Lokführer, die grade erst einen PU miterlebt haben, Ansprechpartner. „Das war nicht von mir geplant. Es hat sich einfach so ergeben", sagt er. Er hilft seinen Kollegen die Unfallberichte zu schreiben, die jeder Lokführer nach einem Personenunfall abgeben muss. Aber auch im Privaten ist er für seine Kollegen da. „Die können mich jederzeit anrufen. Manchmal gehen wir auch einfach mal ein Bierchen trinken und reden", sagt er.

Als wir uns von Klaus verabschieden, fragen wir ihn, ob Lokführer noch immer sein Traumberuf sei. Er antwortet unmissverständlich: „Ja!".

Wenige Tage nach unserem Dreh bekommen wir eine Nachricht von ihm. Er bedankt sich für das Interview. Es hätte ihm sehr geholfen, alles nochmals Revue passieren zu lassen. Er glaubt nun auch seinen Kollegen besser beistehen zu können.

Was steckt eigentlich hinter der Abkürzung „PU"? Und was ist ein Notfallmanager? Antworten findet ihr in unserer Infografik.

Quellen: Statista, Destatis, Deutsche Bahn, Klaus Kreussel | Graphik: Claudia Bednorz, Julia Habla, Julia Funk, Larissa Urbiks, Sarah Gebhard via Piktochart

Total votes: 211
 

Über die Autoren

Claudia Bednorz

Crossmedia- Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Julia Funk

Crossmedia-Redaktion (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Sarah Gebhard

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Julia Habla

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Larissa Urbiks

Crossmedia-Redaktion (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015