Inklusion

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

16.06.2017

Nur weil etwas anders ist, ist es nicht schlechter. Und nur weil Menschen anders sind, sind sie nicht weniger wert. Dass die Integration von Menschen mit Handicap in unsere Gesellschaft funktionieren kann, zeigt das Beispiel der CAP-Märkte. Viele Kunden gehen aus Überzeugung dort einkaufen – warum?

Jürgen Eckhardt arbeitet in einem CAP-Markt: Hier nehmen die Kunden gerne etwas mehr Zeit in Kauf. | Bild: Melanie Michalski

Jürgen Eckhardt nimmt ein Produkt in die Hand und zieht es langsam über den Scanner der Kasse. „Bieeep", ertönt jedes Mal der helle Ton der Kassenanlage. So geht das weiter, bis der Kassierer das letzte Produkt des Kunden registriert hat und den Fuß von dem Pedal nimmt, mit dem er das Einkaufsband gesteuert hat. Laut verkündet er schließlich die Summe, fragt nach der Kundenkarte und lässt den Wechselautomaten das Kleingeld rausgeben. „Tschööös!", ruft er zum Abschied.

Wer in einem CAP-Markt einkaufen geht, der hat sich für ein Konzept entschieden. CAP, das kommt von Handicap. Über die Hälfte aller Mitarbeiter haben eine Behinderung oder leiden unter einer psychischen Krankheit, so wie Jürgen Eckhardt. In den 103 CAP-Märkten in Deutschland wird diesen Menschen ein Arbeitsplatz nahe am allgemeinen Arbeitsmarkt angeboten. Das sind in ganz Deutschland von insgesamt 1438 Mitarbeitern inzwischen 824 Menschen mit Behinderung. Eine Quote für die Anzahl körperlich und geistig eingeschränkter Mitarbeiter gibt es allerdings nicht.

Die Idee für das Konzept kommt von Rainer Knapp. Weil der letzte Supermarkt in seinem Ort geschlossen werden sollte, suchte der damalige Geschäftsführer der Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten GmbH (GWW) einen Weg, das zu verhindern. Durch ihn fanden vor 18 Jahren sechs Menschen mit Behinderung eine Arbeit – außerhalb der klassischen Behindertenwerkstatt. Von Herrenberg aus hat sich das Konzept dann über ganz Deutschland bis nach Rostock ausgebreitet.

Du möchtest wissen, wo es in Baden-Württemberg überall einen CAP-Markt gibt? Alle 46 Standorte findest du auf dieser Karte.
|Grafik: Melanie Michalski via Google Maps

Kein Supermarkt ohne Kunden

Die Märkte liegen vor allem da, wo es an Nahversorgung fehlt. Auf die Frage, warum sie hier einkaufen gehen, antworten die Kunden: „Das ist der einzige Laden hier." Mindestens genauso oft heißt es: „Ich finde das Konzept super." Laut Margot Reyer, Marktleitung der Standorte Kirchheim-Ötlingen und Notzingen, ist das grundlegend: „Wir arbeiten mit Behinderten, wir besetzen Standorte, die die Nahversorgung garantieren. Genau das ist das Konzept der CAP-Märkte." Seit 2005 haben die Märkte außerdem Edeka als Großhändler und deshalb überwiegend dieselben Produkte.

Die CAP-Märkte Kirchheim-Ötlingen, Notzingen, Neuhausen und Leinfelden-Echterdingen unterscheiden sich in einem Punkt von den restlichen Märkten: Sie werden von der Filderwerkstatt geleitet. Träger ist der Reha Verein zum Aufbau sozialer Psychiatrie im Landkreis Esslingen. Hier arbeiten keine Menschen mit klassischen körperlichen Behinderungen. Sondern vor allem solche, die psychisch krank sind. Darunter fallen Erkrankungen wie Schizophrenie, Psychose, Depressionen, Borderline. „Also das komplette Programm mit Doppeldiagnosen und verschiedenen Ausprägungen der Krankheit", erklärt Margot Reyer.

Eine Zukunft bieten

Die meisten Kunden stört das nicht. Sie gehen bewusst dort einkaufen, „damit die Leute eine Zukunft haben", erklärt Brunhilde Keller, eine Kundin. Manche sind selbst medizinisch vorbelastet, haben ein körperlich eingeschränktes Familienmitglied oder arbeiten mit betroffenen Menschen. Andere wiederum treten in ihrer Freizeit für das Konzept ein, wie Cornelia Sigel. In Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde im Ort, setzt sie sich dafür ein, dass Menschen mit und ohne Handicap in Wohnortnähe Arbeit finden und zusammenarbeiten. Dass es an der Kasse auch mal länger dauert, sieht sie entspannt. „Ich weiß ja, warum ich hier stehe. Und wenn ich’s ganz arg eilig habe, dann gehe ich eben nicht einkaufen oder muss mehr Zeit einplanen", führt sie aus. Es sei das „gefühlte Warten", das an der Kasse stattfinde. Letztendlich müsse man im Vergleich zur Lidl Kasse gleich lang warten. So sehen das auch andere Kunden. Hermann Raith fasst zusammen: „Wenn ich hier einkaufe, muss ich genau wissen, dass es ein bisschen langsamer zugeht." Und so nutzen viele Kunden ihre eigene Zeit im oftmals stressigen Alltag gerne, um sich nebenbei für Menschen mit Handicap zu engagieren.

Gelungene Integration?

Natürlich gibt es auch Kunden, die damit Probleme haben. „Die meckern‚ ob das nicht schneller geht", gibt Brunhilde Keller zu. Aber die meisten von ihnen gehören nicht zu den Stammkunden. Oder sie kommen nur, wenn sie mal etwas vergessen haben und dann vor allem am Wochenende. Auch Berührungsängste hat dort niemand. Das Handicap ist Normalität.

Bei Jürgen Eckhardt wurde eine Psychose diagnostiziert. Anders als bei einer körperlichen Behinderung, ist eine psychische Erkrankung nicht auf den ersten Blick erkennbar. Es kann jedoch vorkommen, dass die „Mitarbeiter durch Medikation eher übergewichtig und schwerfällig sind", erklärt Margot Reyer. Jürgen Eckhardt arbeitet mit seinem Handicap bereits seit 16 Jahren im CAP-Markt Leinfelden-Echterdingen, vorwiegend an der Kasse. Seine Arbeit macht ihm Spaß. „Besonders der Umgang mit den Kunden", erzählt er. Für viele dieser Kunden sind die etwas anderen Supermärkte auch ein Wohlfühlort. Nicht nur der „Lebensmittelpunkt", als den sich der CAP-Markt selbst bezeichnet, sondern „ein Stück Treffpunkt im Alltag", findet Cornelia Sigel, die ausschließlich dort einkauft.

Warum gehen Sie im CAP-Markt einkaufen?

Kunden berichten von ihren Erfahrungen. | Bilder: Melanie Michalski

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Über den Autor

Melanie Michalski

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017