Gesundes Marketing

Proll-Veganer auf der Überholspur

13.11.2014

Fleischlos und kein armes Schwein: Der Fitness-Youtuber Karl Ess wurde durch seinen veganen Lebensstil ein millionenschwerer Star im Netz. Sein Geld investiert er in dicke Uhren und Sportwagen. Hinter dem vermeintlichen Größenwahn und Ego-Image steckt aber ein ganz bodenständiger Kopf: Ralf Sättele – Karls Kumpel, Geschäftspartner und Mastermind.

Vollgas und voller Erfolg – Karl Ess lebt auf der Überholspur. Foto und Copyright: Ralf Sättele

Veganer müssen nicht perfekt sein, jede Strecke mit dem Fahrrad zurücklegen und samstags mit Schild und Trillerpfeife für den Tierschutz in der Fußgängerzone demonstrieren. Veganer können auf Moral und Ethik pfeifen, jede Strecke mit dem Ferrari zurücklegen und täglich auf der Hantelbank an ihren Muskeln feilen – so Karl Ess und Ralf Sättele.

Seit 2012 teilen der 25-jährige Münchner und der 27-jährige Stuttgarter ihr Wissen über Fitness und Ernährung auf YouTube. Heute haben sie die größte Präsenz der deutschen Online-Fitness-Szene: Über 500.000 Abonnenten, 80 Millionen Klicks, weitere 840.000 Facebook-Fans und 170.000 Instagram-Follower. YouTube allein ist aber noch lange nicht so lukrativ, dass man davon fast monatlich neue Sportwagen kaufen könnte. Das große Geld wird anders gemacht: mit einem Label für Fitness-Bekleidung, einem Unternehmen für vegane Nahrungsergänzung, Trainingsprogrammen und Affiliate-Marketing. Monatlich kommen dabei nach eigenen Angaben momentan 800.000 Euro zustande.

Veganer und Pferdestärken

Zu Hause bei Ralf Sättele: In der Einfahrt steht der rote Porsche Panamera Turbo mit 520 PS, von 0 auf 100 in 3,9 Sekunden – das Fortbewegungsmittel des ‚modernen Veganers’. Ralf führt mich durch die Wohnung im Stuttgarter Osten. „Hier wird ‚gehustlet’ (gearbeitet)." Es ist unaufgeräumt, überall stehen Nahrungsergänzungsmittel. Ich frage ihn, wie das Geschäft läuft. „So läuft’s", er zeigt auf seine vollgeschriebene Tafel an der Wand: „Klamotten: 120.000 Euro. Nahrungsergänzung: 50.000 Euro. YouTube nur 5.000 Euro. Alles pro Monat versteht sich, Tendenz steigend."

Ralf lebt wie Karl vegan. „Wir verkaufen das nicht nur übers Internet, um Produkte zu vermarkten, wie einige Leute behaupten. Wir haben uns über vier Jahre mit dem Thema auseinandergesetzt und gelernt, dass die pflanzliche Ernährung die beste ist." Ralf redet fast ununterbrochen, hat immer eine Antwort parat, ist gut auf das Interview vorbereitet. Als ich nachhake, wie es denn ist, auf der einen Seite vegan zu leben, den Planeten zu verbessern, und andererseits Porsche zu fahren, muss er kurz nachdenken. Ist das nicht Wasser predigen und Wein trinken? „Kritiker gibt es natürlich einige, besonders wegen des Auftretens. Vegan zu leben, bedeutet für uns aber nicht auch Elektroauto zu fahren. Die vegane Ernährung ist für die Umwelt entscheidender als der Porsche. Unsere Laster sind eben schnelle Autos, statt Rauchen, Alkohol und Fleisch. Wer uns dafür an den Pranger stellt, misst mit dem falschen Maß."

Infografik: Dürfen Veganer Porsche fahren?

Bedingte Weltverbesserer

Es klingelt nebenbei jede halbe Stunde an der Tür. Der Paketdienst bringt die Proben der neusten Produkte, die Karl und Ralf entwickeln, um Uhren und Autos zu finanzieren: vegane Nahrungsergänzungsmittel. „In der Nahrungsergänzungsbranche werden teils Produkte vermarktet, bei denen die Herkunft der Rohstoffe ungewiss ist oder illegale Substanzen beigemischt sind." In den USA kalkulieren einige Unternehmen für Nahrungsergänzungsmittel bereits bei der Entwicklung eines Produkts bis zu 30 Prozent für Gerichtskosten ein. Im Produkt sind etwa psychoaktive Stimulanzien, die die Leistung steigern, aber verboten sind. Nach Tests im Labor wird geklagt, das Produkt muss vom Markt. Es folgt ein Update. Der Hype um das Produkt ist danach noch größer und die neue Version verkauft sich genauso gut.

Ralf klappt dazu ein Fitness-Magazin auf: „Dieser Bodybuilder behauptet, er sei 2008 dank diesem Produkt Weltmeister geworden. Blättert man auf die nächste Seite, liest man, dass das Produkt erst 2009 auf den Markt gekommen ist. Das ist absoluter ‚Scam‘ (Beschiss)!" Mit Ihrer Marke ‚ProFuel-Supplements‘ wollen Karl und Ralf saubere Produkte verkaufen, die legitim sind: „Wir arbeiten vollkommen transparent, kennen alle Rohstofflieferanten und wissen, dass alles aus biologischem Anbau kommt und zu hundert Prozent vegan ist. Wir machen etwas Gutes und verdienen dabei Kohle. Das ist unser Ziel und Geschäftsmodell."

Im Internet kommt es an. Vor allem Jugendliche kaufen die Produkte und feiern Karl, Ralf und den Rest ihrer Crew für die Denkweise und ihr proletenhaftes Auftreten.

Ralf wirkt im persönlichen Gespräch allerdings nicht wie ein reiner Wichtigtuer, sondern einer, der Ahnung von dem hat, was er macht. Gehört das Image also zum Geschäft? „Klar geben wir den Leuten das, was sie sehen wollen. Dazu gehört das stumpfe Marketing. Wir stehen aber zu hundert Prozent hinter allem. Und in erster Linie wollen wir guten Content und gute Produkte liefern, statt reiner Show." Vegan, reich und muskelbepackt – sind das die neuen Helden der Jugend?

Total votes: 829
 

Über den Autor

Marc Steinau

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: SS 2014