Syrische Flüchtlinge

Rakan und seine Jungs

21.07.2015

Die Bilder von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa sind im Moment in den Medien allgegenwärtig. Rakan A. unterstützt eine Gruppe von syrischen Flüchtlingen dabei, in Deutschland wieder zurück ins Leben zu finden. Denn hinter dem Begriff „Flüchtling“ verbirgt sich immer auch ein Schicksal. So wie das von Tawfik und Kosai, die beide auf unterschiedliche Weise ihr Leben in Deutschland begonnen haben.

Rakan ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sein Vater ist Syrer, seine Mutter Deutsche. Ihm blieb das Elend, das derzeit viele Syrer in ihrer Heimat und auf der Flucht erleben, erspart. Trotzdem setzt er sich für syrische Flüchtlinge ein, hilft wo er kann und spürt ihr Leid, als wäre es sein eigenes. „Syrien ist meine Herkunft. Ich fühle mich moralisch dazu verpflichtet.", so sagt Rakan. Er selbst weiß außerdem, wie schwer es sein kann, aus einem anderen Kulturkreis zu stammen. „Deshalb kann ich ihnen auch so gut helfen." Er weiß, wie sie ticken und kann nachvollziehen, wie die Flüchtlinge sich fühlen müssen, wenn zwei Kulturen aufeinander treffen. Rakan selbst hat in Damaskus studiert – bis die Aufstände und letztlich der Bürgerkrieg begannen. Zu dieser Zeit war er wegen eines Austauschprogramms in Heilbronn, wo er dann auch blieb. Rakan spricht eigentlich überwiegend positiv über die Flüchtlingspolitik in Deutschland. Niemand wird in ein Kriegsgebiet zurückgeschickt und das Bemühen der Behörden ist vorhanden. Mit der Vielzahl an Flüchtlingen konnte schlichtweg niemand rechnen. Dass es schwer fällt, bei dieser Überforderung jeden Flüchtling noch als Menschen mit einer Geschichte zu betrachten, klagt Rakan nicht an.

Endlich Angekommen?

In Rakans Bekanntenkreis spricht man von „Rakan und seinen Jungs". Seine Jungs, das sind ungefähr fünf junge, geflüchtete Syrer, zu denen auch Tawfik und Kosai gehören. Beide standen in Syrien mitten im Leben und hatten dort eine Zukunft. Beide hat die Verzweiflung im Jahr 2011 zur Flucht gezwungen, nachdem sie auf Demonstrationen gegen die Regierung um Assad aktiv gewesen und verfolgt worden sind. Ihr Weg nach Deutschland war lang und nervenzehrend. Beide haben Rückschläge erlitten, um ihr Leben gebangt und all ihre Hoffnungen an ihr Endziel, Deutschland, gebunden. Doch am Ende ihrer Flucht stellte sich noch lange nicht das Gefühl des „Ankommens" ein. „In Syrien begrüßt man jeden Fremden, hilft weiter, wenn jemand orientierungslos auf der Straße herumsteht.", erinnern sich Tawfik und Kosai an ihre Heimat. In Syrien, so sagen sie, lebe man eine sehr offene Willkommenskultur. In Deutschland fühlten sie sich bei ihrer Ankunft unerwünscht und fehl am Platz. Dazu kommt, dass ihr Leben nochmal auf null gestellt wurde. Rakan hilft dabei, es Stück für Stück wieder aufzubauen. Oft sind es alltägliche Dinge, bei denen er den Flüchtlingen zur Hand geht: der Gang zur Behörde, ein Arztbesuch, die Wohnungssuche, und natürlich der Kampf durch den Bürokratie-Dschungel. Rakan ist ein selbstloser Mensch, für ihn sind diese „kleinen Gefallen" selbstverständlich. Tawfik und Kosai geben sie das Gefühl, nicht alleine auf sich gestellt zu sein.

Ein Leben in der Warteschleife

Bei all den Gemeinsamkeiten, die Tawfik und Kosai verbinden, unterscheiden sie sich doch durch ein essentielles Merkmal. Das Wort, das sie trennt, lautet „Aufenthaltsgenehmigung". Es ist ein Wort mit dem für Flüchtlinge alles steht oder fällt. Tawfik ist 27 Jahre alt. Seine Reise führte ihn mit dem Auto, dem Schiff, dem Flugzeug und sogar auf dem Fahrrad und zu Fuß über Jordanien, Ägypten, Libyen und Italien nach Deutschland. In Italien wurde er erkennungsdienstlich behandelt. Etwas, wovor sich alle Flüchtlinge fürchten, denn nach europäischem Asylrecht ist dasjenige Land für die Flüchtlinge zuständig, in dem sie zuerst registriert werden. (Anmerkung: Mehr dazu siehe Infobox „Schon gewusst? Die Dublin-Verhandlung") Und darin begründet sich Tawfiks Dilemma. Seit eineinhalb Jahren ist er schon in Deutschland, eine Aufenthaltsgenehmigung hat er bis heute nicht, obwohl Italien Deutschland die Verantwortlichkeit zugestanden hat und bereits ein Anwalt eingeschaltet wurde. Sein Status lautet geduldet. Keine Aufenthaltsgenehmigung zu haben, das bedeutet auch gleichzeitig nicht arbeiten zu dürfen, keinen Deutschkurs finanziert zu bekommen und nicht am Integrationskurs teilnehmen zu können. Es bedeutet schlicht perspektivlos im Kreis zu laufen. Tawfik ist eigentlich ein offener Mensch, er lacht häufig. Aber sein Lachen spricht nicht von Glückseligkeit. Es erzählt von Verzweiflung, Ausweglosigkeit und Unverständnis. Unverständnis vor allem auch deshalb, weil Tawfik in Syrien jemand war. „Ich hatte einen eigenen Laden für Kameras und Fototechnik, ein Auto und ein Haus.", so erzählt Tawfik in gut verständlichem Deutsch, das er sich selbst angeeignet hat. Während er spricht, unterstreicht er das Gesagte mit seinen Händen, der Blick seiner hellblauen Augen ist durchdringlich. In Deutschland sieht man ihn hingegen nur als einen bürokratischen Prozess an. Dabei ist er jemand, den man hier angesichts des Fachkräftemangels sehr gut brauchen kann. Obwohl er durch seine Duldung offiziell nicht arbeiten darf, klopfte er so lange beim Landratsamt an, bis ihm eine Arbeitserlaubnis ausgeschrieben wurde. An Motivation und einem starken Willen fehlt es ihm also nicht. Nur das Warten, das zermürbt. Tawfik hat in seinem Leben bereits drei Mal Krieg erlebt. Alles, was er sich jetzt wünscht, ist das Elend hinter sich lassen zu können und zur Ruhe zu kommen.

Aufenthaltsgenehmigung: Türöffner zum Glück

„Zur Ruhe kommen". Ein Zustand, dem Kosai, 24 Jahre alt, schon sehr viel näher ist. Auch er hat eine lange Reise voller Strapazen hinter sich. Nachdem er von Libyen aus über das Mittelmeer in Italien ankam, erfuhr er, dass das Boot, das eine halbe Stunde vor ihm gestartet ist, sein Ziel nie erreichte. Das ist jetzt ungefähr ein Jahr her. Rakan übersetzt für Kosai. Er spricht mit leiser, aber durchdringlicher Stimme. Sein erster prägender Eindruck von Deutschland ereignete sich in einem Zug von München nach Frankfurt. Auf dieser Zugfahrt wurde er von der Bahnpolizei aufgegriffen. Anstatt allerdings den Zug sofort durch die nächste Tür mit ihm zu verlassen, schleppten die Beamten Kosai zur Demonstration ihrer Macht noch durch alle Abteilungen des Zuges. Willkommen geheißen fühlte sich Kosai angesichts dieses Ereignisses zunächst also eher weniger – viel mehr vorgeführt und gedemütigt. Schließlich kam er in einem Flüchtlingsheim in Massenbachhausen, in der Nähe von Heilbronn, unter. Es war das gleiche Heim, in dem auch Tawfik zunächst lebte. Anders als Tawfik erhielt Kosai aber bereits nach drei Monaten eine Aufenthaltsgenehmigung. Sein Freifahrtschein in eine vielversprechende Zukunft: Nach dem Integrationskurs möchte er eine Ausbildung im Tourismussektor machen. Und die Chancen hierfür stehen sehr gut. Ein abgeschlossenes Studium im Tourismusmanagement hat er bereits in der Tasche, und das Jobcenter in Deutschland unterstützt ihn angestrengt dabei, dass seine Zeugnisse anerkennt werden können. Die drei Syrer mit ihren unterschiedlichen Lebenswegen verstehen sich gut, machen viele Scherze. Trotzdem hat man fast den Eindruck, als sei es Kosai unangenehm, dass bei ihm alles so glatt lief.

Der Blick zurück

Vergleicht man Tawfiks und Kosais heutiges Leben mit den Situationen geprägt von Gewalt, Betrug und Armut, denen sie auf ihrem Weg ausgesetzt waren, so betonen beide, dass es ihnen in Deutschland doch sehr gut geht. An diesem Spätnachmittag am Neckarufer von Heilbronn herrscht ein reges Treiben: Jogger, Pärchen, Familien, die ein Picknick machen. „In Libyen bin ich um 18 Uhr schon schlafen gegangen.", schildert Tawfik. Wegen des Krieges wurde eine Ausgangssperre für den Abend verhängt. Man kann dabei einen Ton der Ungläubigkeit aus seiner Stimme heraus hören. Es scheint, also könne er immer noch nicht ganz realisieren, dass er jetzt in einer ganz anderen Welt angekommen ist. Trotzdem sorgen die Undurchsichtigkeit des Systems und die scheinbare Willkür der Vergabe von Aufenthaltsgenehmigungen bei den Flüchtlingen oftmals für großen Frust. Frust, den Rakan sozusagen zu seiner Freizeit gemacht hat. Er hat eine Familie, zwei kleine Kinder. Er sagt selbst, dass es seine Familie belastet, dass er so viel Zeit für die Flüchtlinge opfert. Und doch bringt er es zwischen Beruf und Windeln wechseln unter. Mit „seinen Jungs" stundenlang im Wartezimmer eines Arztes auszuharren, obwohl er die Zeit auch mit seinen Kindern verbringen könnte, das zeugt von großer Charakterstärke.

Gesichter mit Geschichten

Impressionen und Stationen von Tawfik und Kosai

Schon gewusst?

Die Dublin-Verordnung legt fest, welches Land in Europa für den Asylantrag eines Flüchtlings zuständig ist. Grundsätzlich hat derjenige Mitgliedstaat den Antrag zu prüfen, in den der Asylbewerber zuerst eingereist ist. Dadurch soll verhindert werden, dass Asylsuchende in mehreren EU-Ländern gleichzeitig einen Antrag stellen. Aus geografischer Sicht sind diese Ersteinreiseländer sehr häufig Länder wie Italien oder Ungarn. Die Verordnung ist deshalb nicht unumstritten, denn die Länder an den EU-Außengrenzen fühlen sich mit der Aufnahme der Flüchtlinge überfordert und auch die Lebensbedingungen dort sind für die Betroffenen vielfach unerträglich.

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Über den Autor

Katja Trost

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2012