Kiezdeutsch

Revolution der deutschen Sprache

21.07.2015

„Wir können alles, außer Hochdeutsch“, lautet das Motto der Schwaben. Der sprachliche Wandel ist bei Dialekten selbstverständlich. Im Kiezdeutschen hingegen kritisieren ihn Sprachwissenschaftler. Dabei gehören Wörter wie „Lan“ oder „Ischwöre“ längst zum Wortschatz der jungen Generation.

„Der Türkenslang, lan, bring mir bei. Diesen Slang sprechen alle in der Stadt. ,Ne iş, moruk?’ steht für ,Alter, was geht ab?’" Mit diesen Zeilen beginnt Rapper Eko Fresh seinen Song „Straßendeutsch/Türkenslang". Er textet über die Generation, die ihre eigene Sprache spricht. Ein Mix aus Fremdwörtern und Alltagssprache, gepaart mit einer Portion Selbstbewusstsein. Was der Rapper als „Türkenslang" betitelt, wird in der Sprachforschung als Kiezdeutsch bezeichnet. Gemeint ist damit eine sprachliche Variation der deutschen Sprache, die sich unter Jugendlichen in mehrsprachigen Wohnvierteln entwickelt hat. Diesen Multi-Ethnolekt trifft man aber nicht nur im Berliner Kiez an, sondern überall dort, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammentreffen und sich austauschen.

Eine neue Jugendkultur entsteht

Die Potsdamer Sprachforscherin Heike Wiese hat die Kiezsprache zu ihrem Forschungsschwerpunkt gemacht. Sie sieht diese Art von Jugendsprache als einen gewöhnlichen deutschen Dialekt an: „Die wirklich große Überraschung, die ich bei meiner Forschung hatte, war, wie sprachlich unexotisch Kiezdeutsch ist und wie urdeutsch sich dieser Dialekt auf grammatikalischer Ebene generiert". Was für manche als willkürliche Aneinanderreihung zusammenhangloser Wörter erscheinen mag, zeige laut Wiese klare sprachliche Strukturen auf. Charakterisierend für Kiezdeutsch ist die sprachliche Vereinfachung. Auf der Straße jonglieren Jugendliche mit Sätzen wie „Lassma‘ Bahnhof chilln‘, Lan". Sie lassen Wortendungen weg, verändern die Satzstellung oder benutzen Ortsangaben ohne Präpositionen. Gleichzeitig erweitert sich der Wortschatz. Wie auch bei der deutschen Standardsprache integrieren die jungen Sprecher Fremdwörter, entweder aus ihrer eigenen Kultur oder durch Hörensagen von Freunden und Fremden. „Aus gesellschaftlicher Sicht ist es interessant zu sehen, dass Jugendliche diese sprachliche Integration ausleben. Es bildet sich dadurch eine eigene, mehrsprachige Jugendkultur", erklärt Heike Wiese.

Türkisch sprechen nicht nur Türken

Auch wenn Wörter wie „haram" („schlimm"), „wallah" („Ich schwöre") oder „Moruk" („Alter") aus dem Türkischen oder Arabischen stammen, sind nicht alle Kiez-Sprecher automatisch nahöstlicher Abstammung. „Jugendsprache hängt vor allem davon ab, mit wem man in der Clique abhängt", sagt der 24-jährige Anthony Nguyen, der selbst die Alltagssprache der jungen Generation spricht. „Früher hatte ich mehrere deutsch-türkische Freunde, was auf meine Sprache abgefärbt hat. Mittlerweile benutze ich zwar kaum noch türkische Wörter, aber gerade auf Whatsapp schreibt man Abkürzungen wie „Gehma‘ Mc" und jeder weiß, was damit gemeint ist." Trotzdem findet er es wichtig, Standarddeutsch zu beherrschen, da die Sprache sonst an Wert verliere und Jugendliche das korrekte Deutsch verlernen: „Wenn man beim Vorstellungsgespräch so redet wie mit seinen Kumpels, denkt dein zukünftiger Chef, dass man keinen richtigen Satz sprechen kann. Dadurch macht man sich schnell einen schlechten Ruf".

Revolution der deutschen Sprache

Umfrage unter Jugendlichen im Jugendhaus Stuttgart-Hallschlag über ihre Alltagssprache.

Kritiker sehen die hochdeutsche Sprache in Gefahr

Die Emanzipation des Kiezdeutschen, die Germanistin Heike Wiese vorantreiben will, hat nicht nur Freunde. Jugendsprache sei die Unfähigkeit einer Generation, korrektes Hochdeutsch zu sprechen, beschweren sich Verteidiger der hochdeutschen Sprache. Kiezdeutsch als sprachliche Innovation? – Lächerlich. Klare grammatikalische Strukturen? – Nicht vorhanden. Was manche als Bedrohung der deutschen Sprache ansehen, sei jedoch eine normale Entwicklung der Sprachgeschichte, erklärt Dr. Oliver Ernst, Sprachwissenschaftler der Universität Augsburg. Manche Veränderungen seien keine reinen Phänomene der Multi-Kulti-Jugendsprache, sondern begegnen uns auch in der gesprochenen Sprache oder anderen Dialekten. „Wir müssen akzeptieren, dass ein Sprachwandel zu jeder lebendigen Sprache gehört. Die Sprecher vollziehen diesen Wandel, ohne ihn aufhalten zu können." Entscheidend sei allein der sprachliche Kontext. „Es kommt darauf an, situationsadäquat zu kommunizieren. Jede Äußerung hat ihren Ort, ihre Zeit und ihre Berechtigung", argumentiert Ernst.

„Haben unsere eigene Sprache entwickelt. Nenn es Straßendeutsch oder Türkenslang. Ich mach’ mehr für die Völkerverständigung als ihr", rappt Eko Fresh und bringt die Diskussion über Kiezdeutsch zurück auf den Boden der Tatsachen. Denn was schnell in den Argumenten untergeht, ist das, was die Nation bereichert: Vielfalt statt Gleichheit.

Total votes: 638
 

Über den Autor

Isabell Hogh-Janovsky

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015