Autonomes Fahren

Richter über Leben und Tod

10.03.2016

In Zukunft können Autos alleine fahren und jeder kann seine Autofahrten mit Freizeitaktivitäten oder Arbeit verbringen. Kein Stop-and-Go-Fahren mehr im Stau, ein sinnvoller Zeitgewinn und vor allem: viel mehr Sicherheit. Das ist die Vision vieler Autohersteller, doch was die wenigsten bedenken: Wenn die Autos in Zukunft autonom fahren, werden sie es sein, die bei Unfällen über Leben und Tod entscheiden.

Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion in San Francisco; Die Vision: Mehr Lebensqualität für alle Stadtbewohner; The vision: greater quality of life for all city dwellersDie Vision eines autonomen Fahrzeugs von Mercedes-Benz: Der F 015 Luxury in Motion in San Francisco. Wird er in Zukunft wirklich in Städten fahren dürfen? Bildquelle: Daimler AG

Die Kamera eines autonomen Fahrzeugs erfasst im Stadtverkehr: rechts vom Fahrzeug ein dicht begangener Bürgersteig und ein Radweg, links der Gegenverkehr, in dem ihm ein LKW entgegenkommt. Rechts weicht ein Kind auf dem Fahrrad einem Fußgänger aus und fährt notgedrungen auf die Straße vor das Auto. Die Insassen im Auto bekommen davon nichts mit, sie lesen, während das Auto berechnet, was es jetzt tun soll. Es wird wohl am wenigsten Schaden anrichten, wenn es das Kind überfährt, haben die Programmierer des Wagens sich gedacht. Und den Eltern wird gesagt: Das Auto hat alle Handlungsalternativen wohl abgewogen und kam zu dem rechtmäßigen Schluss, das Kind muss sterben.

Die Situation hört sich grausam an, ist aber gar nicht so abwegig, wie sie zunächst erscheint. Wenn autonome Fahrzeuge in Zukunft in den Städten fahren sollen, werden sie zwangsläufig in Situationen kommen, in denen sie über Leben und Tod entscheiden müssen.

Maschinenethiker sind skeptisch

Heutzutage forscht fast jeder Automobilhersteller nach Systemen, die es Autos erlauben, selbstständig zu fahren. Das macht es dringend erforderlich, über die ethischen Aspekte beim autonomen Fahren zu diskutieren. Während die einen die neuen Möglichkeiten als technische Revolution oder historischen Umbruch bezeichnen, haben andere Bedenken. So zum Beispiel der Schweizer Maschinenethiker Oliver Bendel: „Ich bin sehr skeptisch gegenüber dem autonomen Verkehr. Es kann nicht sein, dass Maschinen zukünftig weitreichende Entscheidungen über unser Leben treffen – das lässt sich der Gesellschaft glaub ich auch nicht verkaufen."

Nur 7% der Befragten wären bereit, die Kontrolle über ihr Auto vollständig abzugeben

Bitkom Research fragte 1.010 Personen, welche Situationen sie für das autonome Fahren für geeignet halten.

Dass er damit richtigliegt, zeigt eine aktuelle Studie von Bitkom Research, laut der aktuell nur 7% von 1.010 Befragten bereit wären, die Kontrolle über ihr Auto während der gesamten Fahrt abzugeben. Das mag unter anderem damit zusammenhängen, dass den autonomen Fahrzeugen bestimmte Prinzipien einprogrammiert werden müssten, nach denen sie entscheiden, wie sie in Notsituationen reagieren. Muss ein Auto beispielsweise einem Hindernis nach rechts oder links ausweichen, wenn auf beiden Seiten Fußgänger sind, braucht es eine Grundlage für die Entscheidung, ob rechts oder links der bessere Weg ist. Wie soll dies nun entschieden werden? Soll das Auto dorthin fahren, wo die wenigstens Leute stehen? Das würde bedeuten, dass in Zukunft das Leben eines Einzelnen weniger wert ist als das von mehreren Personen. Diese Gewichtung von Menschenleben ist in Deutschland rechtlich nicht erlaubt – und außerdem aus moralischer Perspektive problematisch.

Intelligent Drive Experience with the Mercedes-Benz research car F 015 Luxury in Motion in San Francisco 2015 So oder so ähnlich könnte das Interieur eines autonomen Fahrzeugs aussehen. Bildquelle: Daimler AG

Eine Sonderspur für autonome Fahrzeuge

Wenn autonome Fahrzeuge für den Konsumenten real werden, muss vorher ein Rahmen festgelegt sein, in dem sie sich bewegen können. Bendel schlägt eine separate Infrastruktur für den autonomen Verkehr vor: „Das wäre sicher radikal gedacht und man kann sich auch weniger radikale Lösungen vorstellen. Zum Beispiel, dass das autonome Auto einen Fahrstreifen bekommt auf konventionellen Autobahnen. Man könnte es auch auf Überlandfahrten erlauben und man könnte es verbieten in Innenstädten, wo die Situation oft sehr unübersichtlich ist."

Mit langen, geraden Strecken hätten autonome Fahrzeuge erwiesenermaßen keine Probleme. Dort kämen sie nicht mit konventionellen Autos, Radfahrern und Fußgängern in Konflikt und Unfälle könnten so vermieden werden. „Ich kann mir vorstellen, dass wir dem autonomen Auto bestimmte Straßen zuweisen, bestimmte Uhrzeiten und es auch in der Geschwindigkeit stark drosseln", so Bendel.

Da stellt sich die Frage, wer ein Auto kaufen würde, mit dem er nicht zur Arbeit fahren darf, weil sich das Büro in einer Stadt befindet. Denkbar wären aber Fahrzeuge, die sowohl autonom als auch von einem Fahrer gefahren werden können. Somit hätten die Fahrer die Möglichkeit, sich auf langen Strecken anderen Tätigkeiten zu widmen – ein sinnvoller Zeitgewinn.

Ohne derartige Regelungen wird die gesellschaftliche Akzeptanz von autonomen Fahrzeugen vermutlich gering bleiben. Vielleicht würde das autonome Fahren auch in Städten die Unfallzahlen reduzieren. Aber es würde auch zu Unfällen führen, deren Opfer vehement gegen den autonomen Verkehr protestieren würden. Bendel dazu: „Selbst, wenn die Gesellschaft sagt: Ja das ist vernünftig, autonome Autos zu haben, weil wir dadurch die Todeszahlen drastisch reduzieren können. Sie werden Eltern nicht erklären können, dass ihr Kind gerade gestorben ist, weil das Auto wohl abgewogen hat und alle Alternativen gut gegeneinander gestellt hat und dann zum Schluss gekommen ist, das Kind muss sterben."

Wer darf entscheiden?

Unter den Befragten herrscht Uneinigkeit darüber, wer über die Programmierung von autonomen Autos entscheiden sollte.

Maschinenethik als Wissenschaft

Anders als bei anderen Disziplinen der Ethik (zum Beispiel Tierethik oder Technikethik) steht bei der Maschinenethik nicht der Mensch, sondern die Maschine im Vordergrund. Beispielsweise in der Tierethik ist der Mensch das Subjekt und das Tier das Objekt der Moral. In fast allen anderen Ethiken ist ebenfalls der Mensch das Subjekt, während es in der Maschinenethik zum Objekt wird. Dabei ist dann die Maschine das Subjekt der Moral und in der Lage, moralische Entscheidungen im Bezug auf den Menschen zu treffen.

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Über den Autor

Leonie Rothacker

Crossmedia-Redaktion (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015