Drogendealern

Risiken und Nebenwirkungen

28.06.2016

Die einen kellnern oder helfen im Büro aus. Wieder andere gehen mit Hunden spazieren oder Babysitten. Bruno und Florentin griffen zu drastischeren Methoden, um ihr Taschengeld aufzustocken. Mit 18 Jahren beginnen sie damit, Cannabis aus dem Internet zu bestellen und zu verkaufen. Zwei Jahre lang geht das gut, danach haben beide ihre ganz eigenen Gründe, schlagartig damit aufzuhören.

Als Drogendealer arbeitet man meist in den Schatten. Geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit und der Polizei. |Bild: Nico Klinger

„Ich habe wirklich gerne gekifft" erzählt Bruno*: „Zu gerne. Das war auch der Grund, warum ich mit dem Scheiß angefangen habe." Mit „dem Scheiß" meint er nicht den Konsum von Cannabis, sondern den Verkauf.

Zwei Jahre lang hat Bruno (21) zusammen mit Florentin* mit Gras gehandelt. Er steckt sich seine zweite Zigarette an und sagt: „Das Lustige ist, dass ich erst nach einem Jahr kapiert habe, dass die Bezeichnung „Dealer" auch auf mich zutrifft." Der schmächtige 21 Jährige erfüllt in keinem Punkt den Stereotyp Drogendealer. Er drückt sich gewählt aus, achtet stark auf sein Äußeres und wirkt dabei nicht besonders einschüchternd. Er wohnt mit seiner Familie in einem Münchner Vorort. Ein Sportwagen steht vor der Haustür. Nötig hätte er den Nebenverdienst also nicht.

Mit 17 Jahren zieht Bruno zum ersten Mal an einem Joint. Er findet Gefallen daran und schnell entwickelt sich, aufgrund der Vorstadt-Langeweile, ein Hobby daraus. Gras wird für ihn zu der Grundausstattung eines gelungenen Tages. Lästig bleibt dabei allerdings immer noch die Beschaffung. Oft muss er weite Strecken mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen, nur um dann, für zu viel Geld, zu wenig Cannabis zu bekommen.

„Nachdem mir dann einmal mein gesamtes Geld abgezogen wurde, musste ich umdenken. Irgendwann kam dann mein Freund Florentin auf mich zu und schlug eine Möglichkeit vor, wie wir in Zukunft an Gras kommen würden: Wir bestellen das Zeug einfach im Internet".

Florentin - Die Entstehung eines Geschäftsmodells

Mit seinem ehemaligen Partner teilt sich Florentin (22), neben dem gleichen Wohnort und Freundeskreis, auch sein harmloses Aussehen und die guten sozialen Hintergründe. Er wohnt ebenfalls Zuhause und studiert in München Wirtschaftspsychologie. Ihre Beweggründe mit dem Dealen anzufangen, unterscheiden sich jedoch. „Warum ich angefangen habe? Na wegen der Kohle!", platzt es aus Florentin heraus.

Das Ebay für Drogen - Silkroad
Bruno und Florentin haben das Gras über die Plattform „Silkroad" im Darknet bestellt. Gezahlt wurde dabei mit sogenannten Bitcoins - einer digitalen Währung. 2013 gelang dem FBI ein schwerer Schlag gegen die Seite. Der Erfolg war allerdings nur von kurzer Dauer: Silkroad Klone schießen im Darknet wie Pilze aus dem Boden.

„Ich habe für einen Urlaub gespart und musste schnell an Geld kommen. Obwohl ich gejobbt habe, hätte mein Verdienst nicht ausgereicht." Irgendwann las ich dann über das Darknet und die Möglichkeit, Drogen aus dem Internet zu bestellen".

„Ich war auf der Suche nach schnellem Geld, Bruno war auf Gras aus. Ich schlug ihm also einen Deal vor". Die Vereinbarung ist einfach: Florentin bestellt die Ware aus dem Darknet und lässt sie zu sich liefern. Bruno kümmert sich um den Verkauf. Den Gewinn teilen sie 50/50, während ein Teil für Brunos Eigenbedarf bleibt. Am Anfang bestellen sie nur kleine Mengen. Das Gras wird mit der Post an die Haustür geliefert, ist in DVD Hüllen versteckt und luftdicht verschweißt. Der Absender ist ein fiktiver Filmverleih namens „Moviemax".

„Es ist irre wie professionell das Darkweb funktioniert. Die Leute schreiben Reviews und Feedback zu den Händlern. Es gibt sogar eine Geld-Zurück Funktion".

Beflügelt durch diesen Erfolg werden die Beiden schnell selbstbewusster und fangen an, immer größere Mengen auf Vorrat zu bestellen. Erst 20 Gramm, irgendwann 100 Gramm und zuletzt ein halbes Kilo - Jeden Monat. „Wir verdienten wirklich gut. Ich fuhr in den Urlaub und kündigte meinen Nebenjob".

„Das Weed war mir zu diesem Zeitpunkt egal. Ich hatte eine viel potentere Droge entdeckt: Geld".

Bruno - Zu viel des Guten

Beim Verkaufen hält sich Bruno an strenge Sicherheitsvorkehrungen. Er verkauft nur an Leute, die er kennt und geht selten aus dem Haus. Mit verschlüsselten Messengern wird eine Uhrzeit mit dem Kunden ausgemacht. Der Treffpunkt ändert sich wöchentlich. In zwei bis vier Wochen verkauft er so knapp ein halbes Kilo. Was übrig bleibt, raucht er selbst. Zur Schule geht er nur noch selten, seine Eltern bekommen davon nichts mit. Selbst Bruno merkt nicht, wie er sich verändert.

„Kiffen war für mich irgendwann Priorität. Das erste nach dem Aufstehen und das letzte vor dem Einschlafen. Irgendwann schlug mir das viele Gras dann auf die Psyche".

Bruno schildert seine Erinnerung an eine Trambahnfahrt in die Stadt, als es ihm plötzlich „schwarz vor Augen wurde und sich alles drehte". Er habe umkehren müssen. Wieder und wieder tauchen diese Symptome auf – Bruno geht zum Psychologen. Diagnose: Drogen-Psychose.

Er schwört sich, nie wieder zu kiffen. „Kurz darauf ist die Quelle ja ohnehin versiegt", fügt er erleichtert hinzu. 

Irgendwann wurde das Kiffen für Bruno von einem Hobby, zu einer Sucht. |Bild: Nico Klinger

Florentin - „Ich flog zu nah an die Sonne"

„In diesem Schrank stand damals ein Schuhkarton in dem ich mein Bargeld versteckt habe. Ich fühlte mich wie Tony Montana aus Scarface."

Seine Überheblichkeit bereut Florentin heute. „Mein Fall war dadurch auch entsprechend tief", sagt er. Er gibt sein Geld mit beiden Händen aus, Bruno isoliert sich währenddessen immer mehr von seinem Umfeld. Für anderthalb Jahre läuft das Geschäft gut, dann kommt es zu Komplikationen:

Der ehemalige Drogendealer Florentin erzählt über den Moment seiner Hausdurchsuchung. Zu seiner eigenen Sicherheit, wurde seine Stimme anonymisiert.

 Heute

Bruno holt gerade sein Abitur nach und ist durch psychologische Therapie wieder in der Lage, ein normales Leben zu führen. Florentin studiert weiterhin erfolgreich. Er befindet sich noch immer in einem laufenden Gerichtsverfahren, wegen dem Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Seinen alten Partner hat er trotzdem nicht verraten. Bis auf enge Freunde und Florentins Familie kennt niemand ihre Vergangenheit. Sie wurde bis heute verschwiegen.

*Name von der Redaktion geändert

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Über den Autor

Nico Klinger

Crossmediaredaktion & Public Relations Bachelor
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016