Bunker in Stuttgart

Ruhe bewahren!

01.07.2016

Unter dem Marktplatz gibt es einen, unter dem Leonhardsplatz und unter dem Marienplatz. Luftschutzbunker, die im Zweiten Weltkrieg Tausenden Stuttgartern das Leben gerettet haben. Wir gehen täglich über sie hinweg oder an ihnen vorbei, ohne es zu merken. Doch manchmal öffnen sich die alten Stahltüren.

                               Wenig einladend - aber lebensrettend: Luftschutzbauten. | Bild: Rebekka Hüsgen-Lieb

Es ist schwülwarm an diesem Nachmittag in Stuttgart Feuerbach, als eine 15-köpfige Gruppe sich vom Bahnhof entfernt und in Richtung Wiener Platz 3 aufbricht. Leise hört man noch hier und da Gemurmel, Klagen über das Wetter. Wenige Meter vor dem fensterlosen Bau mit dem gläsernen Vordach wird es still. Es ist eine nervöse Stille. Gleich beginnt der Gang durch dieses unscheinbare Gebäude, das aussieht wie ein Wasserturm oder ein seltsam gebauter Umspannkasten. Doch was verbirgt sich wirklich im Inneren dieses Bauwerks?

Führung durch den Winkelbunker Feuerbach

Blick in eine vergangene Zeit.

Dietmar Büttner, Mitglied des Vereins Schutzbauten Stuttgart e.V. kennt die Antwort: Es handelt sich um einen Spitzbunker. Ein Bauwerk, in dem die Feuerbacher Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges Schutz suchte, als die Alliierten Bomben über der Stadt abwarfen. Und zu dem man während des Kalten Krieges immer wieder nervös hinüberschielte. Ob der sogenannte Winkelturm einem atomaren Angriff standgehalten hätte? Vermutlich nicht.

Jeweils am letzten Sonntag des Monats bietet Büttner nebst anderen Vereinsmitgliedern Führungen durch den Bunker an. Der Mann in Jeans und schwarzer Fleecejacke – Jahrgang 1936 – weiß, wovon er redet: Als Kind musste er die Luftangriffe am eigenen Leib miterleben. Von der Angst im Bunker erzählt er nicht – fast sachlich bleiben seine Ausführungen. Das alleine ist schon eindrücklich genug.

Vier Arten von Schutzbauten
Tiefbunker...
… befinden sich unter der Erde. In Stuttgart wurden vor allem unter öffentlichen Plätzen Tierfunker gebaut, um möglichst vielen Menschen Zuflucht zu gewähren. Manche Familien richteten sich auch Bunker unter ihren Häusern ein. Für den Bau brauchte man allerdings eine offizielle Genehmigung – und diese bekamen vor allem Parteimitglieder der NSDAP.

Hochbunker...
… sind fensterlose Gebäude, die in die Höhe gebaut wurden. Beliebt war die Form der Spitzbunker, da hier keine Bombe auf das Dach fallen und die Decke wegsprengen konnte – der Sprengsatz glitt vielmehr am Gebäude herab. Der Bau von Hochbunkern wurde im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wegen Rohstoffverknappung eingestellt, da man Tiefbunker materialsparender bauen konnte.

Stollen...
… sind längliche unterirdische Gänge, die überwiegend in Hänge gebaut wurden. Sie bestehen meist nur aus einer 40 Zentimeter breiten Stampfbetonschicht.

Pionierstollen...
… sind Stollen, die während des Zweiten Weltkriegs vor allem von Frauen gegraben wurden – denn die meisten Männer waren an der Front. Nur wer beim Bau half, konnte sich Arbeitsstunden anrechnen lassen und bekam anschließend einen Berechtigungsschein. Ohne diesen blieb der Eintritt in den Schutzbau verwehrt.

Und so spricht Büttner über den Winkelturm, erbaut von Architekt und Namensgeber Leo Winkel. Von den Bänken, die hier auf jeder zweiten Treppenstufe standen, damit die Menschen sich während eines Angriffes setzen konnten. Von der Kapazität des Turmes, der Schutz für 300 Menschen bieten sollte. „Kaum vorstellbar", wirft eine Frau ein und blickt nachdenklich in die kleine Runde, die in dem engen Raum dicht beieinandersteht. Büttner klopft sich auf den Bauch: „Ja, damals waren die Menschen auch noch alle etwas dünner." Man hatte ja nichts im Krieg.

Noch steht die Eingangstüre des Bunkers offen, mal ist ein Lufthauch von außen zu spüren, mal tönt ein Lkw von der Straße her. Dann schließt sich der schwere Stahl und man hört nur noch die beruhigende Stimme Büttners und das Rattern der Überdruckpumpe. Diese Pumpe, erklärt er, sei installiert worden, um die Hitze und den Qualm wieder aus dem Gebäude zu leiten, die beim Öffnen der Türe eingedrungen seien. Die Stadt stand in Flammen, wegen der Brandbomben, die bei den Luftangriffen zwischen 1944 und 1945 zu Hunderten abgeworfen wurden. Büttner: „Die Amerikaner haben tagsüber angegriffen. Die Engländer nachts." Etwa 4.590 Menschen starben bei den Angriffen. Doch die Stuttgarter waren dank der vielen Luftschutzbunker vergleichsweise gut vorbereitet. Pforzheim hingegen wurde beim Angriff im Februar 1945 innerhalb von 20 Minuten dem Erdboden gleichgemacht. „In Pforzheim gab es rund 20.000 Tote", sagt Büttner, hält kurz inne und führt die Gruppe dann weiter die Treppen hinauf.

Hier hat der Verein Gegenstände aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges ausgestellt. Neben alten Feuerlöschern und einem Feldbett steht ein Kinderwagen aus Korb. „Eine traurige Geschichte", hebt Büttner an und erzählt von einer jungen Mutter, die auf dem Weg in den Bunker mitsamt Kinderwagen stürzte. Mutter und Kind wurden von der panischen Menge totgetrampelt. An anderer Stelle sind auf diese Weise 15 Jugendliche umgekommen. Der Verein hat eine Gedenktafel für sie gestiftet. „Wenn Menschen in Panik sind, verhalten sie sich wie eine Rinderherde", sagt Büttner. Ein Mann wirft ein: „Das ist doch heute nicht anders. Das hatten wir doch erst neulich in Duisburg." Die Anwesenden erinnern sich: 2010 kamen bei der Loveparade aufgrund einer Massenpanik 21 Menschen ums Leben.

Sicher, unsere Welt ist auch heute nicht frei von Katastrophen. Und doch ist vieles anders. Zum Glück. Wir brauchen keine Gasjäckchen mehr, die Kinder im Falle eines Angriffs vor Rauch und Gas schützen. Wir müssen nicht jedes frische Obst einwecken, damit nichts verkommt. Und es gibt weder Brezeln aus Schwarzmehl noch Lebensmittelmarken.

Dieser Gedanke an das „Heute" wirft aber zugleich eine Frage auf: Wären wir heute im Falle eines militärischen Angriffes noch sicher? Büttner wiegt den Kopf und sagt mit Blick auf den heutigen Stand der Militärtechnik: „Die Bunker sind alle nicht mehr zeitgemäß." Zudem sind die meisten Luftschutzanlagen in schlechtem Zustand: Der Bunker unter dem Stuttgarter Marktplatz etwa, der bis 1985 noch als Bunker-Hotel genutzt wurde, steht unter Wasser und wird nur ein Mal im Jahr für eine Führung bei der Langen Nacht der Museen leer gepumpt. Verschiedene Hochbunker versucht die Stadt abzustoßen und an Investoren zu verkaufen. Diese brechen die Wände durch, bauen Fenster und Türen ein und vermieten die ehemaligen Luftschutzbauten als Wohnungen. Ein paar Anlagen werden als Proberäume an Bands vermietet. Aber die Bunker sind feucht – das tut auch den Instrumenten nicht gut.

Rund 400 Luftschutzanlagen gibt es in und unter Stuttgart, viele davon sind inzwischen nicht mehr begehbar. Der Verein Schutzbauten versucht einige Anlagen exemplarisch zu bewahren und steckt viel Arbeit und Zeit in die Instandhaltung der Gebäude. Der Winkelturm, in dem gerade die 75-Minütige Führung zu Ende geht, ist eines von ihnen.

75 Minuten nur – und doch hört man die Menschen erleichtert aufatmen, als sich die schwere Stahltür schließlich öffnet. „Frische Luft!", ruft eine Frau erleichtert, während sie den Blick gen Himmel schweifen lässt. Eine dunkle Wolkendecke hat sich vor die Sonne geschoben. Regen kündigt sich an. Aber hier wird sich heute keiner mehr über das Wetter beschweren.

Beim Klick auf die Symbole gibt es Zusatzinformationen zu den Hochbunkern (rot) und Tiefbunkern (blau). Die Stollen (gelb) sind als Standorte markiert. |Quelle Kartendaten: Schutzbauten Stuttgart e.V. | Grafik: Rebekka Hüsgen-Lieb via GoogleMaps

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Über den Autor

Rebekka Hüsgen-Lieb

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016