Profisport – und dann?

Ruhmreiche Zeiten treffen Realität

20.06.2016

Wenn sie Meisterschaften gewinnen oder auf dem Treppchen stehen, sind Sportler die Größten. Nach dem Karriereende sieht das anders aus: Die meisten Spitzensportler verschwinden von der großen Bühne, die mediale Aufmerksamkeit nimmt auf einen Schlag ab, die Sportler wirken plötzlich ganz klein. Wie gehen ehemalige Profis damit um?

Heute nur noch Zuschauer: Der Ex-Handballprofi Christian Schöne in seiner alten Spielstätte | Foto: Adriane Hendlmeier

Ein schöner Juniabend im Jahr 2015: Für die Fans ist es das letzte Handballspiel der Saison – für ihn das letzte seines Lebens. Mit dem Schlusspfiff fallen sich alle Spieler in die Arme, die Saison ist vorbei. Gespannt und ein wenig wehmütig warten die Fans auf die Verabschiedung des Profis. Auf der großen Leinwand sind die schönsten Momente aus Christian Schönes zehn Jahren beim Handball-Erstligisten Frisch Auf Göppingen zu sehen – Momente aus einer erfolgreichen Handballkarriere. Nicht nur er, sondern auch einige seiner Fans sind zu Tränen gerührt.

„Vor der Endgültigkeit hat man großen Respekt" – Christian Schöne

Ein paar Monate später sind die Tränen längst getrocknet. Schöne sitzt in seinem Büro in der Geschäftsstelle von Frisch Auf Göppingen. Als Leiter des Nachwuchscenters hat er dort eine neue Aufgabe gefunden. Entspannt, lässig gekleidet, mit einem Lächeln im Gesicht plaudert er über das Ende seiner Profikarriere –und über neue Ziele.

Aus dem Blick der Psychologin Katharina Hartmann: so sollten sich Profisportler auf ihr Karriereende vorbereiten | Video: Denise Blitz und Adriane Hendlmeier via Youtube

Eine Karriere jagt die Nächste

Der ehemalige deutsche Nationalspieler war 15 Jahre im Profisport aktiv. Mit dem Ende seiner Laufbahn bei Frisch Auf Göppingen hat Schöne direkt begonnen, hinter den Kulissen des Vereins zu arbeiten. „Seitdem bin ich vor allem an den Wochenenden flexibler", sagt Schöne. Noch vor einem Jahr waren tägliche Trainingseinheiten, Ernährungspläne und Spiele an den Wochenenden ein fixer Bestandteil seines Terminkalenders. Viel Zeit für die Familie bliebe da nicht, erklärt Schöne: „Heute bin ich flexibler, was Urlaub anbelangt. Unter dem Strich ist das normale Berufsleben deshalb viel familienfreundlicher." Immer wieder lächelt er und man merkt, wie wohl er sich an seinem Arbeitsplatz fühlt.

Beim Kaffee sitzen bleiben

Auch Dieter Baumann bemerkte erst nach seinem Karriereende, wie viel Zeit der Sport täglich in Anspruch nimmt. 1992 gewann er bei den olympischen Spielen die Goldmedaille im 5000-Meter-Lauf. Heute erinnert er sich an die Zeit nach dem Austritt: „Die freie Zeit hab ich erst einmal genossen, einfach mal beim Kaffee sitzen bleiben und den Tag vorbei ziehen lassen." Im professionellen Sportbetrieb existieren solche Tage quasi nicht.

Dennoch müsse man zwischen der Mannschaftssportart Handball und der Einzelsportart Leichtathletik unterscheiden. „Als Leichtathlet ist man durch kein klares Turnierleben eingeschränkt", erklärt Baumann. „Wir entscheiden frei, wo und wann wir an den Start gehen." Bei Mannschaftssportarten wie Handball aber sind die Trainingseinheiten und die Spiele für den Einzelnen lange im Voraus festgelegt.

„Als Profisportler kann man nicht nach 5 Jahren wieder einsteigen", Christian Schöne

Der Königsweg

Wer sich vor oder während seiner Profikarriere ein zweites Standbein aufbaut, eine Lehre macht oder studiert, erhöht seine Chancen, nach dem Karriereende einen Job zu bekommen. Christian Schöne hat parallel zum Profihandball eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und internationale BWL studiert. Dass er direkt nach seiner Handballkarriere eine Stelle beim selben Arbeitgeber bekommen hat, war für ihn wie ein Sechser im Lotto.

Die Spieler des Handballbundesligisten Frisch Auf Göppingen berichten, wie sie sich ihr Karriereende vorstellen | Mannschaftsbild und Portraits: Frisch Auf Göppingen; Darstellung und Audiobeiträge: Adriane Hendlmeier

Doch ein Übergang in einen neuen Beruf gelingt bei weitem nicht jedem Sportler reibungslos. Das erklärt auch Dieter Baumann. Er hat zwar eine Ausbildung abgeschlossen, doch sein Lehrberuf Photolaborant ist heute nahezu ausgestorben. „Zu der Zeit nach dem Profisport war ich offen, was meinen Beruf angeht, und habe darauf vertraut, dass ich später etwas finde", erklärt er.

Der die Öffentlichkeit sucht

Baumann fährt gerade mit dem Auto zu einem seiner Kabarettauftritte. Dass er Kabarettist wird, war keine Entscheidung von heute auf morgen. „In der Berufswahl bin ich wohl eine Ausnahme", erklärt er. „Viele ehemalige Profisportler arbeiten heute in Unternehmen und haben einen geregelten Alltag." Doch Baumann macht im Grunde dasselbe wie als Athlet: „Früher bin ich von Wettkampf zu Wettkampf gefahren. Heute fahre ich von Bühne zu Bühne."

Sportinteressiert? Das könnte dich auch interessieren:
Stärker, Schneller, Schlanker: Doping im Freizeitsport
Der Quarterback im Land des Fußballs: Randsportarten

Total votes: 212
 

Über die Autoren

Denise Blitz

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Adriane Hendlmeier

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016