Risiko Glücksspiel

Süchtig nach Glück

01.06.2016

Ob Kasino, Spielhalle oder Lotto – überall lockt uns das Angebot, mit wenig Geld das ganz große Los zu ziehen. Das Kleingedruckte „Glücksspiel kann süchtig machen“ beachten wir hier oftmals gar nicht. Doch der anfängliche Spaß kann einem schnell zum Verhängnis werden. Der große Hauptgewinn – gibt es ihn wirklich?

                               Auch Lotto lockt Spielsüchtige mit der Chance auf das ganz große Los. |Bild: Julie Gorjup

Ein kleiner Raum. Zehn Stühle bilden einen Kreis, in dessen Mitte sich eine Pflanze befindet. Der Geruch von Räucherstäbchen schlägt einem entgegen. Dies ist der Ort, an dem wöchentlich mehrere Spielsüchtige aufeinandertreffen. Die sogenannte Spielergruppe ist wie eine kleine Familie – sie helfen sich gegenseitig und vertrauen sich einander an. Markus Weber (Name geändert) ist einer der Personen, die kein Treffen der Spielergruppe auslassen. Glücksspielsucht – das ist die Krankheit, die ihn vor 26 Jahren heimgesucht hat. Schauplatz? Ausgerechnet die Hamburger Reeperbahn. Ein Ort, an dem ein nicht endendes Angebot an Glücksspielen existiert. Diese Verführung wurde Markus zum Verhängnis.

Unglücklich mit seiner Lebenssituation, zog er los und hoffte auf etwas Ablenkung und das große Glück. Sobald ein Kasino schloss, zog er weiter zur nächsten Spielhalle. „Ich habe nach einiger Zeit selbst gemerkt, dass es nicht gut ist, was ich tue, habe es aber als schlechte Angewohnheit abgetan", so Markus über seine Anfänge der Glücksspielsucht. Überall blinkende Kasino-Leuchten, offene Spielhallentüren: „Ich war im Paradies – oder eben in der Hölle." Vom Kasino-Spielen wechselte Markus nach einiger Zeit zum Automatenspiel. „Ich habe mir eingebildet, ich spare Geld. In Wirklichkeit war es so, dass mir das Kasino-Spiel nicht schnell genug ging, während man am Automaten die ganze Zeit eine Anspannung hat und einen Kick verspürt."

„Knapp der Kriminalität entkommen"

„Die Spieler, die viel Geld verspielen, denken, sie wären die besseren Spieler, weil sie ja richtige Zocker sind. Und wenn man schon erfolglose Geldeinsätze gemacht hat, ist man fest davon überzeugt, dass nach all den Verlusten jetzt ein Gewinn kommen muss. Ein Spieler setzt nicht auf Wahrscheinlichkeit, sondern auf die geringste Chance mit der höchsten Gewinnmöglichkeit." Bei Markus gab es durchaus auch Abende, an denen er Geld gewonnen hat, jedoch war der verlorene Geldbetrag viel größer. Oft kam er ohne einen Cent in der Tasche nach Hause zurück, musste sein Bankkonto räumen und verspielte auch schon einmal rund 4.000 Euro an einem Abend. Er lieh sich Geld, nahm heimlich Bargeld aus dem Geldbeutel seiner Frau oder entwendete Spenden für gemeinnützige Projekte. Aus heutiger Sicht kann Markus behaupten, dass er nur knapp der Kriminalität entkommen ist. „Ich habe immer versucht, es zu verheimlichen. Irgendwann merkte mein Umfeld aber natürlich, dass etwas nicht stimmt", erzählt Markus. Er beschloss, sich helfen zu lassen. Nicht, weil er der Meinung war, krank zu sein, sondern seiner Familie zuliebe. Da er das Ganze aber nicht so ernst nahm, gab es dauerhaft Rückfälle und aussichtslose Situationen. Er verlor seine Firma, das Vertrauen seiner Verwandten, musste eine Ehekrise überstehen und war kaum für seine Kinder da. „Es muss erst etwas zusammenknallen. Der Druck muss so hoch sein, dass man wahrnimmt, wirklich spielsüchtig zu sein. Jede einzelne Situation kostete Kraft und eigentlich wusste ich, dass das, was ich tue, falsch ist. Auch mit meiner Beziehung ging es so nicht mehr weiter. Es hieß also: Entweder weiterspielen oder alleine dastehen." Also begann Markus nach seinem Umzug nach Karlsruhe eine ambulante Therapie und suchte sich eine Selbsthilfegruppe. Fündig wurde er beim Freundeskreis Karlsruhe. In der Spielergruppe tauscht man sich aus, spricht über die Hürden des Lebens, macht Ausflüge oder auch Reisen.

„Einmal süchtig – immer süchtig"

Die Gruppe habe ihm geholfen, suchtfrei zu leben. Die wöchentlichen Treffen mit der Spielergruppe bildeten einen festen Teil seines Lebens – bis heute. Denn nachdem er den Teufelskreis der Sucht durchbrochen hatte und dauerhaft suchtfrei wurde, machte er eine Gruppenleiterausbildung. Heute ist Markus Weber Ansprechpartner und Kraftgeber der Spielergruppe beim Freundeskreis Karlsruhe. „Ich habe von der Spielergruppe profitiert, jetzt möchte ich etwas zurückgeben. Die Gruppe tut mir auch heute noch gut und mit den regelmäßigen Besuchen möchte ich etwas für mich selbst tun."

Seit nun knapp sechs Jahren ist Markus Weber suchtfrei. In den 20 Jahren, in denen er mit Glücksspielsucht lebte, verspielte er geschätzt ein großes Einfamilienhaus. Und er zahlt noch immer ab, nicht nur im finanziellen Sinne. „Der Schaden, der durch die Glücksspielsucht entstanden ist, ist viel größer als der Geldwert, den ich verzockt habe", so Markus. Er hat mittlerweile keine Angst mehr, rückfällig zu werden. Spielhallen betritt er gar nicht erst. Dennoch könne er kein Formular unterschreiben, das besagt, dass er garantiert nie wieder spiele. „Einmal süchtig – immer süchtig. Es ist nur die Frage, wie man mit der Sucht umgeht, ob man sie bekämpft oder ob man sie siegen lässt."

Markus Weber blickt heute auf eine Zeit zurück, die ihn geprägt hat. Er hat den Absprung rechtzeitig geschafft und lebt glücklich mit Familie und Job – und nicht zu vergessen der Spielergruppe. Er ist zufrieden, scheint endlich angekommen zu sein. Rückblickend kann er sagen: „Der Spieler glaubt, er macht irgendwann den Hauptgewinn. Aber du bekommst im Leben keinen Hauptgewinn. Wenn du auf Hauptgewinne hoffst, lebst du dein Leben nicht." Und so geht Markus Weber wieder zurück in den kleinen Raum, in dem er sich wöchentlich mit all den anderen Spielern und ehemals Spielsüchtigen trifft.

Rund 430.000 Menschen betroffen

So wie Markus Weber geht es laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mehr als 430.000 Menschen in Deutschland. Glücksspiele gehören für viele Deutsche zum Alltag.

Verschiedene Glücksspiele sind in der Bevölkerung beliebt. |Grafik: Julie Gorjup via thinglink

Die eva Evangelische Gesellschaft Stuttgart e.V. hilft Betroffenen und deren Angehörigen. Sie bietet ein Beratungs- und Behandlungszentrum für Suchtkranke und versucht, mit Selbsthilfegruppen oder ambulanter Therapie und Nachsorge, den Betroffenen zu helfen, ein Leben abseits vom Glücksspiel zu führen. Sozialpädagogin Sandra Bauer ist Teil der eva in der Fachstelle für Glücksspiel- und Medienkonsum und begegnet täglich neuen Herausforderungen. Mit uns sprach sie über die Krankheit, von deren Bedeutung nur wenige wissen.

Sozialpädagogin Sandra Bauer von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) über den Teufelskreis der Glücksspielsucht.

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Über die Autoren

Julie Gorjup

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Sheva Hosseini-Khorassani

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