Vorurteile

Schulbuch-Ausländer?

16.06.2015

In deutschen Schulbüchern wird Migration weitgehend als problembehaftet dargestellt. Das belegt eine Studie im Auftrag der Bundesregierung von Anfang 2015. Verlage sehen sich dennoch auf einem guten Weg und Schüler lassen sich sowie so nichts vorschreiben.

Deutschland einig Einwanderungsland? Nicht unbedingt in deutschen Schulbüchern. In fünf Bundesländern wurden Schulbücher auf ihren Umgang mit Migration und Integration geprüft. Mit Sensibilität und Willkommens-Kultur können nicht alle Punkten. Laut der Studie des Georg-Eckert- Instituts für internationale Schulbuchforschung werde Einwanderung oft als zu problematisch, teils sogar bedrohlich dargestellt. Als Beispiele für Migranten würden häufiger politische oder religiöse Flüchtlinge als qualifizierte Gastarbeiter abgebildet.

Verschiedenheit in der Bevölkerung und die gesellschaftlichen Vorteile von Einwanderung werden zwar thematisiert, jedoch werden Schüler häufiger dazu aufgefordert Unterschiede zu suchen als Gemeinsamkeiten zwischen Einheimischen und Eingewanderten zu finden. Die Studie zeigt auf, dass den Schülern eine sprachliche Abgrenzung zwischen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund vorgeschlagen wird. Den Schülern wird eine Gesellschaft vorgeführt in der Einwanderer eine Anpassungsleistung zu erbringen hätten. Die Versuche des deutschen Staats, Migranten zu integrieren werden dagegen durchweg positiv erwähnt.

Zickereien und zu viele Klausuren mit zu viel Stoff - das sind die Probleme, die in Jennys Klasse für Ärger sorgen. Auch bei Elternsprechtagen sind Migranten kein Thema, berichtet Jennys Mutter. /Quelle: Jessica Türk

Die Realität auf dem Pausenhof ist eine ganz andere. Jenny besucht die 9. Klasse eines bayrischen Gymnasiums in der ein Schüler mit Migrationsgeschichte höchstens am Nachnamen zu erkennen ist. „Ich weiß gar nicht wirklich, wer in meiner Klasse kein Deutscher ist. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir mal darüber geredet haben, wer wo herkommt." Auch im Unterricht werden in ihrer Klasse Themen wie Migration und Integration nur angeschnitten. Im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg hätten sie einmal darüber gesprochen und in Religion diskutiert. Worum es genau ging, könne sie aber nicht mehr sagen: „Ich weiß nur noch, dass der millionste Gastarbeiter ein Moped bekommen hat."

Alles nur Prüfungsstoff?

„Den Umgang mit Migranten lernen die Kinder immer noch am ehesten Zuhause", meint Jennys Mutter. Als Elternteil bekomme man kaum noch Schulbücher und deren Inhalte zu Gesicht. Ihrer Meinung nach sehen Schüler in den Büchern jedoch in erster Linie den Prüfungsstoff – nicht die Lektion in Integration. „Soziale Kompetenzen kann man sich nicht anlesen", ergänzt sie.

Vertreter der Schulbuch-Verlage sehen den schnellen Wandel der Gesellschaft in Deutschland als Grund, für mögliche Mängel der Arbeitsmaterialien. Ein Schulbuch zu produzieren dauert ungefähr zwei bis drei Jahre. Eingesetzt werden sie dann nach Angaben des Ernst-Klett-Verlags weitere acht Jahre oder länger. Durch langjährige Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen und Verbänden versuche man die Vielfalt gesellschaftlicher Entwicklungen in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien multiperspektivisch abzubilden, erklärt Anja Vrachliotis vom Stuttgarter Klett-Verlag.

Jeder dritte Grundschüler in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Das stellt auch Schulbuchverlage vor neue Herausforderungen. Mehrsprachigkeit soll in den Unterricht integriert werden und die Kinder motivieren mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten auseinander zu setzen. /Quelle: Ernst-Klett-Verlag

Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz weist darauf hin, dass Mitschüler mit Migrationshintergrund bei vielen Schülern bereits zur Lebensrealität gehöre. Dementsprechend sensible müsse das Thema behandelt werden. Autoren, die selbst einen migrantischen Hintergrund haben und ein kritisches Lektorat sollen, laut den Verfassern der Studie dazu beitragen.

Die 65 untersuchten Schulbücher waren aus den Fächern Sozialkunde/Politik, Geschichte und Geografie aus den Jahrgangsstufen 7–1. Diese kamen aus den drei Verlagen, die am weitesten verbreitet sind: Cornelsen Verlag, Ernst Klett Verlag und Westermann Verlag. Die Studie wurde in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Berlin und Sachsen durchgeführt.

Schulbuch-Ausländer?

Deutschland einig Einwanderungsland? In Schulbüchern (noch) nicht. Eine Studie der Bundesregierung zeigt, dass einige Lernmaterialien in Sachen Willkommenskultur noch Luft nachoben haben. Einige Fragen die nach dem Unterricht offen geblieben sind, kann man sich mithilfe dieser Playlist beantworten. Neben Mitdenken ist übrigens auch Mitmachen gefragt. Also: Losgeht’s.

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Über den Autor

Jessica Türk

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/15