Generation Kriegsenkel

Schweigen im Nest

02.06.2016

Faktenreich wurde die NS-Zeit in Deutschland aufgearbeitet. Dennoch prägen die Schrecken des Zweiten Weltkriegs viele Menschen bis heute. Besonders die Frage nach Schuld beschäftigt die Nachkommen der Täter des Dritten Reichs. Auch Doris Großvater wurde für seine Verbrechen verurteilt – und seine Familie zum Schweigen.

Die Vergangenheit der Eltern und Großeltern prägen die Generation Kriegsenkel. Wie bei Doris |Bild: Lea Biermann

Doris klammert sich an die Hand ihrer Mutter, während ein Wärter in grüner Uniform die Türe zum Besucherraum aufschließt. Dann lässt er sie allein. Die Türe öffnet sich erneut und ihr Großvater wird hereingeführt. Doris bekommt einen Hampelmann, den er für sie und ihre Schwestern in der Schreinerei gemacht hat. Rot und blau ist das Holz bemalt. Sie verabschieden sich. In zwei Wochen darf ihr Großvater wieder Besuch empfangen.

Gefängnisbesuche wie dieser waren Teil von Doris Kindheit. „Das war für mich etwas Außergewöhnliches, etwas Besonderes." Als negativ hat sie die Gefangenschaft ihres Großvaters lange nicht wahrgenommen. „Meine Eltern haben aber auch nie etwas erklärt. Und ich habe nie gefragt." Das Schweigen blieb. Ihr fällt es schwer zu sagen, wo es seinen Anfang genommen hat.

Doris hat viel Zeit bei ihrer Großmutter verbracht: „Dass sie nicht so alleine ist." Zwar wohnte ihre Familie in der Nachbarschaft, gelebt hat sie aber nur zum Teil dort. „Ich war das Lieblingsenkelkind." Das hört die 51-jährige heute noch. Der Großmutter beizustehen, hielt sie damals für ihre Pflicht. Geweint habe die Großmutter oft. Darüber gesprochen haben sie nie.

Doris’ Großmutter und ihre Söhne. Von der Zeit vor dem Krieg hat sie Doris viel erzählt. Danach herrscht Schweigen|Infografik: Lea Biermann via Thinglink |Bild: Privat

Das unsichtbare Drama

Viele Kinder, die zwischen 1960 und 1975 geboren wurden, sind mit diesem Schweigen aufgewachsen. In einer Gesellschaft, die versucht den Krieg hinter sich zu lassen und die familiären Verstrickungen während des Nationalsozialismus dafür tabuisiert.

„Kriegsenkel", eine Bezeichnung geprägt von Sabine Bode, Kölner Journalistin und Autorin. In ihrem Buch „Die vergessene Generation" berichtet Bode über die Erlebnisse der Eltern im Krieg. Die nie aufgearbeiteten Traumata haben jedoch auch Auswirkungen auf deren Kinder. Unsicherheit, Angstgefühle oder Depressionen sind mögliche Folgen. Ihre Eltern und deren Kindheit als dafür verantwortlich zu erkennen, fällt den meisten schwer. Häufig, weil sie nichts darüber wissen.

Auch Bode schreibt: „In den meisten Familien hatten keine Dramen stattgefunden [...] Darüber möglichst anschaulich zu schreiben, fiel mir weit schwerer als die Arbeit an meinem Buch über das Leid der Kriegskinder [...] Meine Aufgabe bestand darin, etwas völlig Unspektakuläres darzustellen, etwas Unsichtbares – ein Vakuum."

Erinnerungen werden wach

Wie viele der heute in Süddeutschland ansässigen Familien mussten auch Doris Großeltern aus dem damaligen Sudetendeutschland fliehen. In Illerrieden, Bayern, machte sich ihr Großvater selbstständig. Auch der Vater von Doris arbeitete im Betrieb.

Für ihren Vater sei es schwer gewesen sein Leben frei zu gestalten. „Das kam auch irgendwie alles von meinem Großvater." Aufgefallen sei ihr das erst jetzt. Dass es vielen so geht, die sich erst spät mit den Geschehnissen in ihrer Familie und Kindheit auseinandersetzen, zeigen auch die Erzählungen in Bodes Buch.

|Infografik: Lea Biermann via Thinglink | Bild: Lea Biermann

Späte Folgen

Heute ist Doris Mutter eines elfjährigen Sohnes und beruflich erfolgreich. Ein Tag nach ihrem Geburtstag empfängt sie mich in ihrer Wohnung. Selbstsicher bewegt sie sich durch die Räume. Man merkt, hier fühlt sie sich wohl. Das Gespräch ist entspannt, bis ich zu meinen Fragen komme. Nervös streicht sie sich durch das dunkle Haar. Immer wieder sucht sie nach den richtigen Worten. Nur bei den Erzählungen aus ihrer Kindheit lächelt sie. Die Geschehnisse haben Doris geprägt. Zurückhaltend und vorsichtig. So beschreibt sie sich selbst. Das „Gefestigte" in ihrer Kindheit habe ihr gefehlt. Sie bewundert extrovertierte Menschen. „Aber ich kann das nicht." Für ihren Sohn wünscht sie sich, dass er offener wird als sie selbst. „Ich glaube, das bringt Vorteile, wenn man mehr von sich Preis gibt." Das Schweigen und die Unsicherheit hätten bei ihr Anderes bewirkt. „Offene Gespräche über Themen wie Politik. So was gab’s bei uns gar nicht. Wenn mein Sohn etwas wissen will, der fragt einfach. Das habe ich nie gemacht."

Die Frage der Schuld

Auch als ihr Lebensgefährte Christian Nachforschungen zu der Inhaftierung ihres Großvaters anstellt, will sie zunächst nichts davon wissen. Nach ein paar Monaten kommt das Thema doch zur Sprache. Als Christian Doris mit seinen Recherchen konfrontiert, ist sie schockiert. „Das war wirklich alles ganz schrecklich, was da stand." Sie weiß nicht, was Christian von ihr erwartet. Soll sie sich für die Taten ihres Großvaters entschuldigen? Doris fühlt sich eigentlich nicht verantwortlich. „Aber dann kommt die Familie. Man gehört ja trotzdem dazu."

|Infografik: Lea Biermann via Thinglink | Bild: Lea Biermann

Christian findet es wichtig, sich mit dem was passiert ist, auseinanderzusetzen. Unsicherheit hält er für schlimmer als klare Fakten. „Selbst, wenn die unangenehm sind."

Als ich Doris frage, wie es sich nun anfühlt über das Thema zu sprechen, sagt sie: „Es ist schwierig. Aber es ist vielleicht ein erster Schritt."

|Infografik: Lea Biermann via Piktochart

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Über den Autor

Lea Biermann

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16