Migration im Journalismus

Sehr geehrte Frau Migrantin

21.07.2015

Canan Topçu war eine der ersten türkischstämmigen Redakteurinnen bei einer Tageszeitung und damit für viele, die sich für diesen Beruf interessieren, ein Vorbild. Im Interview erzählt Topçu unter anderem, wie es ihr geholfen hat, nicht „biodeutsch“ zu sein und warum hässliche Leserbriefe bei ihr grundsätzlich im Müll landen.

Lebenslauf Canan Topçu

Diya: „Alles, was wir wissen, wissen wir aus den Massenmedien", so schrieb einst der Soziologe Niklas Luhmann. Das trifft auch auf Themen rund um Migration und Integration zu. Und doch werden Migranten in den Medien oft einseitig und unterrepräsentiert dargestellt. Wo sehen Sie die Gründe für diese mediale Verzerrung?

Canan Topçu: Dass die Berichterstattung über Migranten einseitig ist, wird immer wieder kolportiert, das stimmt so aber nicht. Es gibt eine Mischung von allem Möglichen. Es gibt auch immer wieder Beiträge, in denen das Positive hervorgehoben wird. Man muss zuerst einmal differenzieren, um welche Medien es sich handelt. Im Regionalen lässt sich beispielsweise feststellen, dass die Berichterstattung weitaus anders ist als im Überregionalen. Zweitens kommt es auf das Thema an. Ich schüttle oft den Kopf, wenn beispielsweise in der Berichterstattung über ein Verbrechen die Herkunft des Täters genannt wird, obwohl diese für den Sachverhalt irrelevant ist. Es gibt bestimmte Medien, die machen das absichtlich, andere aus Mangel an Sensibilität. Ich möchte also nicht allen Redakteuren Absicht unterstellen, weil manche das Bewusstsein dafür nicht haben. Festzustellen ist auf jeden Fall: Die Redaktionen bemühen sich immer mehr um sachliche Berichterstattung und das Einbeziehen von Migranten in die Normalität.

Diya: Obwohl die Darstellung in den Medien also realitätstreuer geworden ist, findet man bis heute eher wenig kulturelle Vielfalt in deutschen Medienhäusern.

Topçu: Als ich anfing, in der Branche zu arbeiten, konnte man Journalisten mit Migrationshintergrund an einer Hand abzählen. Das hat sich schon sehr gewandelt. Es ist zwar immer die Rede von ein bis zwei Prozent; das geht aber aus einer Umfrage hervor, die mittlerweile mehr als zehn Jahre alt ist. Inzwischen sind es definitiv mehr. Zum einen, weil die Verlagshäuser und Medien erkannt haben, dass es sie schmückt, wenn sie Migrationspolitik unterstützen. Zum anderen merken sie auch, dass sie dadurch neue Rezipienten gewinnen. Denn Rezipienten mit Migrationsbiographie fühlen eine stärkere Affinität zu einem Medium, wenn sie feststellen, „da arbeitet auch einer von uns".

Diya: Halten Sie eine Quote für Journalisten mit Migrationshintergrund in Medienhäusern denn für sinnvoll?

Topçu: Ich finde zwar, dass Journalisten mit Migrationshintergrund ein Korrektiv zu den weißen, deutschen Mittelschichtsjournalisten sein können, bin aber kein Fan von Quote. Ich bin auch nicht der Ansicht, dass nur Migranten die guten Geschichten über Migranten machen können. Das kann man nie erzwingen. Zu meiner Zeit war der Beruf des Journalisten für Migranten auch völlig unattraktiv. Wer studiert hatte, wollte Arzt oder Anwalt werden, einen Beruf mit hoher Anerkennung haben.

Diya: Trotzdem haben Sie sich dazu entschieden, Journalistin zu werden. Mussten Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere noch mehr beweisen als Ihre Kollegen?

Topçu: Das gab es schon ein paar Mal, dass mich Kollegen nicht so ernst genommen haben. Ich war dann für die die Berufsmigrantin. Aber ich habe die gar nicht so ernst genommen. Ich habe in einer Außenredaktion der Hannoverischen Allgemeine mit dem Journalismus angefangen; der Berichterstattungsraum war das Umland, die Provinz. Meine Redaktionsleiterin hat mich damals zu bestimmten Terminen und Vereinen nicht geschickt, weil sie mich schützen wollte. Sie befürchtete, dass ich da als nichtdeutsche Journalistin nicht gut behandelt werde. Ich hatte sonst aber nicht das Gefühl, dass ich mich beweisen muss – jedenfalls nicht, weil ich Migrantin bin. Ich brannte und hatte große Lust, gute Artikel zu schreiben und interessante Themen aufzustöbern.

Diya: Gibt es Momente, in denen Ihre Herkunft Ihnen auch geholfen hat?

Topçu: Auf jeden Fall. Als normale herkunftsdeutsche Journalistin hätte ich nicht so schnell den Aufstieg geschafft. Damals wollte die „Frankfurter Rundschau" so jemanden wie mich haben. Die waren auf der Suche nach einer professionellen Journalistin, die eine Migrationsbiographie hat, weil sie ein Zeichen setzen wollten. Meines Wissens war ich die erste türkischstämmige Redakteurin bei einer Tageszeitung. Das war eine sehr privilegierte Position.

Diya: Hatten Sie jemals das Gefühl, als Journalistin und Autorin auf Ihre Migrationsgeschichte reduziert zu werden?

Topçu: Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, mich auf Migrationsthemen zu konzentrieren. Ich habe ja Literaturwissenschaften studiert und wollte zunächst eher in den Kulturbereich. Ich habe mich aber dann irgendwann entschieden, ich mache das. Das ist meine Nische und meine Chance. Ich wusste ja, ich kann auch was anderes. Beispielsweise war ich bei der „Frankfurter Rundschau" auch Polizeireporterin oder habe den Tagesdienst gemacht, der sehr vielseitig ist.

Diya: Viele Ihrer Kollegen werden von Lesern in rassistischen E-Mails und Briefen beleidigt und bedroht. Eine Art, damit umzugehen ist, die Leserzuschriften auf die Bühne zu bringen und sich darüber lustig zu machen. Das Ganze wird Hate Poetry genannt. Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere auch diese Art von Leserbriefen erhalten?

Topçu: Ich glaube, jeder Journalist mit so einer Biographie macht diese Erfahrung. Ich erinnere mich noch an die ersten Monate bei der „Frankfurter Rundschau". Das war die Zeit, in der die CDU-Regierung hier in Hessen die so genannte Anti-Doppelpass-Kampagne gestartet hatte. Die Situation war sehr aufgeladen, sehr ausländerfeindlich. Ich schrieb darüber und bekam sehr hässliche Briefe. Mein damaliger Chefredakteur sagte mir einen Satz, der sich bei mir eingeprägt hat: „Viel Feind, viel Ehr". Das ist zu meinem Leitmotiv geworden.

Diya: Wie stehen Sie zu den Hate Poetry-Veranstaltungen?

Topçu: Ich habe da eine andere Haltung als die Kollegen, die diese Hate Poetry-Veranstaltungen machen. Das ist eine Art von Inszenierung wie ich sie nicht mag. Ich nehme mich ehrlich gesagt nicht so wichtig, um mich auf die Bühne zu stellen und an mich adressierte Hass-Briefe vorzulesen. Ich reagiere eher so auf Durchzug und denke „Idioten" und mehr auch nicht. Ich weiß, dass ich viel bewirken konnte mit meiner Arbeit. Beispielsweise bei Leuten, die unentschieden waren. Und ich weiß auch, dass ich so manches Herz öffnen und Denkansätze geben konnte. Ich orientiere mich an dem Positiven.

„Hate Poetry": mit Humor gegen Rassismus

Canan Topçu denkt bei hässlichen, rassistischen Leserbriefe nur „Idioten" und schließt damit ab. Andere Journalisten mit nichtdeutschen Wurzeln bringen diese Einschüchterungsversuche auf die Bühne und ziehen sie dort vor einem breiten Publikum ins Lächerliche.

Diya: Was wünschen Sie sich für die Zukunft unserer Medien?

Topçu: Ich wünsche mir vor allem für die Kollegen, die in den Themenbereichen „Islam und Integration" arbeiten, dass sie die nötige Zeit bekommen, gute Geschichten zu recherchieren. Dass Menschen mit dunkler Haut oder mit Kopftuch vor der Kamera und hinter der Kamera Normalität werden, dass ihr Background oder ihre Religion keine Rolle spielen. Ich wünsche mir, dass sich die bunte Vielfalt von Menschen mit komischen Namen und unterschiedlicher ethnischer Herkunft und religiöser Zugehörigkeit in den Medien widerspiegelt. Denn das wirkt zurück und die Angst vor dem vermeintlich Fremden wird weniger.

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Über den Autor

Katja Trost

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2012