Integration durch Kampfsport

Selbstbewusst gegen Gewalt

26.05.2015

Kann Kampfsport Gewalt vorbeugen und dabei helfen, Jugendliche aus Migrantenfamilien zu integrieren? Diese Idee der Arbeiterwohlfahrt (AWO) stieß zunächst auf Kritik. Inzwischen ist daraus ein Vorzeigeprojekt geworden, von dem sogar Kultusminister Andreas Stoch (SPD) begeistert ist.

Offen aussprechen wollte es niemand, aber die Botschaft an die Giengener AWO zu Beginn des Projekts vor drei Jahren war deutlich: Gewaltprävention durch Kampfsport – unmöglich. Und dann auch noch für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Vorurteile waren da vorprogrammiert. Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch kennt mögliche Ursachen für diese Stereotypisierung: Viele Jugendlichen seien noch nicht gut in die Gesellschaft integriert, sie fühlten sich missverstanden und nicht akzeptiert. „Die dadurch entstehenden Aggressionen entladen sich nicht selten in gewalttätigen Auseinandersetzungen und Randale und führen wiederum zur Ablehnung durch die einheimische Bevölkerung", erklärt er. Dieser „Teufelskreis" werde durch solche Projekte durchbrochen.

Doch Sozialarbeiter Eduard Marker und AWO-Kreisvorsitzender Stefan Oetzel waren sich sicher: Sport hilft Aggressionen abzubauen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Aus dieser Überlegung heraus sei das Projekt „Schlau und couragiert – Gewalt verliert" entstanden. Durch Kampfsport sollen Jugendliche lernen, sich zu kontrollieren und ihre Kraft zu kanalisieren. Da Marker sich bereits seit einigen Jahren für Sambo engagiert, lag die Entscheidung für diese Sportart nahe.

                               Kampfsport als Gewaltprävention für Jugendliche. Foto: Lara Peterke

Wer Sambo macht, braucht Disziplin

„Jede Art von Kampfsport eignet sich dafür, Gewaltprävention zu betreiben, wenn man sozialpädagogische Aspekte mit einbaut", ist Marker überzeugt. Wichtig sei, dass die Jugendlichen Disziplin und Charakterstärke aus dem Training mitnehmen. Sambo habe außerdem den Vorteil, dass viele der Teilnehmer mit russischen Wurzeln den Sport von ihren Vätern kennen und Heimatkultur damit verbinden. Das bestätigt auch der 15-jährige Alwis, der seit fast zwei Jahren zum Training kommt. Er habe zudem viel Selbstbewusstsein gewonnen, berichtet er.

Weniger Technik, mehr Kraft

Bei der in Deutschland noch unbekannten Sportart kommt es vor allem auf Kraft und Ausdauer an. Sambo wird deshalb auch als Selbstverteidigung ohne Waffen bezeichnet. Würgen und schlagen sind dabei nicht erlaubt. Ziel ist es, den Gegner mit Hilfe von Würfen und Hebelungen zu besiegen. Die Technik setzt sich aus den effektiven Teilen von Judo und anderen Kampfsportarten zusammen. Entwickelt wurde die russisch-sowjetische Kampfsportart von der Armee für die militärische Ausbildung.

Der Sport soll Jugendlichen helfen, mit anderen respektvoller umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Marker erwartet von seinen Jungs auch, dass sie dieses Verhalten in ihren Alltag übernehmen. Wer in der Schule oder außerhalb negativ auffällt, muss mit Konsequenzen rechnen und darf nicht mehr mittrainieren. Laut Marker gäbe es solche Zwischenfälle aber fast nie.

Weit mehr als sportlicher Ausgleich

Von Beginn an kam das Projekt bei den Jugendlichen sehr gut an. Inzwischen trainieren in den Räumen der AWO täglich bis zu 30 Jungs und einzelne Mädchen unterschiedlicher Nationalität. Das Training ist kostenlos. Eine Einteilung nach Alter und Können gibt es nicht. Ganz selbstverständlich kümmern sich die Jugendlichen um die Anfänger und zeigen ihnen, wie sie ihre Technik verbessern können. Für die Teilnehmer ist das Projekt schon lange mehr als ein sportlicher Ausgleich. Sie haben hier eine Gemeinschaft gefunden, in die sie sich einbringen können. So wurden gemeinsam Sportgeräte gebaut, da eine Anschaffung zu teuer gewesen wäre.

Wechsel in Sportverein ist ein Erfolg

Neben der Gewaltprävention ist die Integration durch Sport ein wichtiger Aspekt des Projekts. „Wir betrachten es als einen Erfolg, wenn ein Teilnehmer in einen umliegenden Sportverein wechselt", sagt Marker. Dadurch hätten die Sportler die Möglichkeit, an Wettkämpfen und Trainingslagern teilzunehmen und sich mit anderen Sportlern zu messen. Durch die sportlichen Erfolge würden sich oftmals auch die schulischen Leistungen verbessern. Wer im Kampfsport gut sein will, muss schnell agieren können und den nötigen Kampfgeist mitbringen.

Wichtig für die Gesellschaft

Die Ursachen dafür, dass viele Jugendliche aus Migrantenfamilien nicht in einen „normalen" Sportverein gehen, sind vielfältig. Markers Vermutung: „In vielen Ländern herrscht eine andere Vereinskultur und Migranten sind es oft auch nicht gewohnt, dass Sportvereine kostenpflichtig sind". Dabei sei gerade Sport ein gutes Mittel unterschiedliche Menschen und Kulturen zusammenzubringen.

Auch der Landessportverband Baden-Württemberg bemüht sich darum, junge Migranten über den Sport zu integrieren. Torsten Schnittker, von der Abteilung „Integration durch Sport", hält es für besonders wichtig, dabei auf die Kulturen der Jugendlichen einzugehen: „Wir wollen Angebote machen, die aus der Heimat der Zuwanderer stammen, damit sie sich willkommen fühlen." Das Sambo-Projekt entspricht genau diesen Kriterien. Integration durch Sport sei aber nicht nur für die Zuwanderer wichtig, sondern auch für die Gesellschaft. Sprach- und Kulturunterschiede die im Alltag oft ein Problem darstellen, ließen sich leichter durch Sport überwinden.

Wie geht es weiter?

Das Projekt „Schlau und couragiert – Gewalt verliert" wurde drei Jahre vom Innenministerium und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert. Inzwischen gibt es soviel positive Resonanz, dass der Landkreis Heidenheim, die Stadt Giengen und die AWO gemeinsam das Projekt weiterführen. Die kritischen Stimmen sind längst verstummt. Stattdessen gibt es viel Lob für das Projekt. Auch der Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter (CDU) stattete den Jugendlichen schon einen Besuch ab. Doch ihr großes Vorbild bleibt ihr Trainer Eduard Marker.

Daten über den Organisationsgrad von Migranten in Sportvereinen. (Quelle: Deutscher Olympischer Sportbund: Integration durch Sport-Expertise, 2013; 10. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, 2014; Erstellt von Lara Peterke)

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Über den Autor

Lara Peterke

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015