car2go Stuttgart

Sharing is caring - ist Teilen wirklich so gut?

18.11.2014

Stuttgart. Der etwas andere Carsharinganbieter car2go wird zunehmend beliebter. Das Unternehmen wirbt mit weniger CO2-Ausstoß und Nachhaltigkeit. Doch wie umweltfreundlich ist car2go wirklich?

Car2go oder doch lieber Bus und Bahn? (Foto: Jethon )

Wer kennt’s als Stuttgarter nicht? Dienstag-Abend spontan am Schlossplatz ins Kino gehen, danach mit Freunden noch einen kurzen Abstecher in eine Bar und schon ist es passiert – man hat seine letzte S-Bahn verpasst. Wie also nach Hause kommen? Nachtbusse fahren unter der Woche keine, Taxis sind viel zu teuer. Ein eigenes Auto? Kann man vergessen – mal ganz abgesehen von den Kosten ist das in einer Stadt auch nicht sonderlich sinnvoll: zu viel Benzin, zu viel CO2, ein zu schlechtes Gewissen. Eine Alternative könnten die blauen Elektro-Smarts von car2go sein, die überall in Stuttgart zur Verfügung stehen. Vor allem bei den Öko-Hipstern scheinen sie ziemlich beliebt zu sein. Schließlich verbrauchen die Autos kein Benzin, stoßen damit kein CO2 aus und sind die perfekte Ergänzung zu Bus und Bahn.... So die Theorie. Leider gibt es aber zu viele Dinge, die nachhaltig scheinen, es aber in Wirklichkeit nicht sind. Die Frage also: Wie nachhaltig ist car2go eigentlich in Stuttgart wirklich? Und lässt sich darauf überhaupt eine „richtige Antwort" geben?

Nutzung des Angebots

Auf der Webseite des Unternehmens findet man recht schnell heraus, wie die Nutzung von car2go funktioniert. Wer einen Wagen mieten will, muss sich zuerst auf der Internetseite von car2go registrieren. Nach einigen Tagen wird dem Nutzer eine Membercard zugeschickt, die später als Schlüssel für die Smarts fungiert. Damit die Membercard gültig ist, muss diese bei einer Validierungsstelle in Stuttgart aktiviert werden. Hier zeigt man den Führerschein und den Personalausweis und schon kann man mit der Miete beginnen. Die Smarts findet man mittels einer kostenlosen App. Am Auto angekommen, muss man nur noch die Membercard an ein Lesegerät halten und die Türe öffnen. Im Auto befindet sich ein Touchscreen, bei dem man einen Pincode eingeben muss und die Sauberkeit des Autos bewerten kann. Einer Fahrt steht jetzt nichts mehr im Weg – der Zündschlüssel befindet sich im Auto. Wenn man sein Ziel erreicht hat, kann man das Auto einfach irgendwo parken und abschließen. Deshalb wird es auch von Experten als „Free-Floating"-Angebot bezeichnet. Das Auto ist nicht wie bei herkömmlichem Carsharing an einen festen Ort gebunden.

In Stuttgart werden E-Smarts mit Ökostrom betrieben

Ein wichtiges Detail: Bei car2go in Stuttgart werden ausschließlich Elektro-Smarts verwendet. Genau das soll laut der Webseite von car2go der Umwelt nutzen, denn so wird lokal kein CO2 ausgestoßen. Die Environmental Protection Agency hat car2go in der Kategorie „Transport Efficiency Innovations" (Erfindungen für mehr Transport-Effizienz) ausgezeichnet. In einigen Pressemitteilungen von car2go sind weitere Auszeichnungen aufgelistet.

Nachhaltigkeit wird also bei car2go großgeschrieben. Das kann Pressesprecher Andreas Leo nur bestätigen: „Car2go bringt einen Beitrag für die Nachhaltigkeit – die Leute teilen sich ein Auto und müssen sich kein eigenes kaufen. Außerdem beziehen wir zum Beispiel für die Elektro-Smarts in Stuttgart ausschließlich Öko-Strom von der EnBW. Damit entsteht beim Fahren des E-Smarts eine sehr geringe Menge an CO2."

„Car2go verstopft die Straßen im ohnehin vollen Stuttgart"

Dennoch gibt es einige, die die Nachhaltigkeit von car2go mehr als bezweifeln. So zum Beispiel Jürgen Resch von der deutschen Umwelthilfe. Er hält die Smarts für eine Mehrbelastung an Autos, die in einer Großstadt wie Stuttgart unnötig sind: „Die Attraktivität des ÖPNV wird durch die Free- Floating-Angebote geringer und verleitet dazu, statt mit Bus und Bahn öfter mit dem Auto zu fahren. So werden potenzielle Nutzer vom öffentlichen Verkehr in den Individualverkehr gezogen." Die Folge: Mehr Autos sind in der Stadt unterwegs und „verstopfen" laut Resch den Straßenverkehr für Busse. Zudem seien die Elektroautos in Stuttgart nicht so nachhaltig wie es immer angepriesen werde: „Elektroautos haben meiner Meinung nach einen reinen Demonstrationscharakter und führen in die falsche Richtung. Schließlich ist ein Elektroauto viel störanfälliger als ein normaler Benziner. Sie müssen öfter ersetzt werden." Seiner Meinung nach sind S- und U-Bahnen nicht zu schlagen, was die Schnelligkeit und die CO2-Bilanz angeht.

CO2-Bilanz lässt sich mit Ökostrom sehen

Doch wie ist das eigentlich rein zahlentechnisch? Wie viel CO2 stößt ein Elektroauto im Vergleich zu einem normalen Benziner aus? Erst einmal rein vom Fahren her: hier steht der Smart electric drive mit Ökostrom auf Platz eins, dicht gefolgt von Bus und Bahn. Mit herkömmlichem Strom ist der Elektro-Smart aber nicht sonderlich besser als ein herkömmlicher Smart:

CO2-Ausstoß pro Person in g/km ( Grafik: Jethon )

Natürlich ist das noch nicht die Antwort darauf, wie nachhaltig car2go wirklich ist. Schließlich muss man dazu auch die Produktion eines Elektro-Smarts im Vergleich zu einem normalen Smart fortwo betrachten. So wird für die Produktion eines Elektro- Smarts viel mehr CO2 ausgestoßen, als für die Produktion eines herkömmlichen Smarts, der mit Benzin betrieben wird. Wenn man für den „Carbon-Footprint" Nutzung und Herstellung zusammenrechnet, dann sind laut dem Ökoinstitut Elektroautos nur dann CO2 effizienter, wenn sie mit Öko-Strom betrieben werden. In einer Nutzungsphase über 120.000 Kilometer werden bei dem E-Smart mit Ökostrom insgesamt 58 % weniger CO2 ausgestoßen, als bei einem normalen Smart fortwo, der mit Benzin angetrieben wird. In Stuttgart ist das laut Andreas Leo ja der Fall.

Aspekt seltene Erden

CO2 ist aber nicht der einzige Aspekt, den man für die Nachhaltigkeit eines Elektroautos beachten sollte. Für die Produktion von E-Smarts werden bestimmte Rohstoffe benötigt, die in einem normalen Auto nicht vorkommen. So zum Beispiel Gold, Silber und Kupfer. Dazu kommen Neodym und Praseodym, Gallium und Germanium, Dysprosium und Terbium – seltene Erden, die nur in den wenigsten Ländern zu finden sind. Die Umweltbedingungen für eine Gewinnung solcher Stoffe sind fatal: aggressive Chemikalien werden in den Boden gepumpt, um die dort vorhandenen Metalle von Mineralien und Erzen zu trennen. Die giftigen Stoffe bleiben im Boden und schaden Mensch und Tier, die dort leben. Zudem werden gleichzeitig radioaktive Substanzen; die im Boden enthalten sind, bei der Gewinnung mit an die Oberfläche getragen. Wie schnell man Alternativen für diese knappen Rohstoffe findet, lässt sich bis jetzt noch schwer sagen.

Die eine perfekte Lösung gibt es also (noch) nicht. Ob man bei seiner nächtlichen Heimreise auf die erste S-Bahn wartet, sich abholen lässt oder ein car2go mietet ist letztendlich eine persönliche Entscheidung.

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Über den Autor

Anne Jethon

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations ( Bachelor )
Eingeschrieben seit: SS 2014

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