Haustiere

Silberpfoten – gemeinsam in den Lebensabend

13.06.2017

Der Mann verstorben, die Familie weit weg. Viele Menschen finden im Alter Halt in ihren vierbeinigen Gefährten. Aber auch die wollen versorgt sein. Was tun, wenn das Gassi-Gehen nicht mehr möglich ist? Das geliebte Tier abgeben? Das Projekt Silberpfoten bietet eine Lösung.

Der Ehrenamtlichen Karoline Köchling liegt der Tierschutz am Herzen. |Foto: Eva Mieves

Das Handy von Marcel Yousef klingelt – wieder ein Schützling, der seine Hilfe braucht. Nach einem kurzen Blick auf das Display hebt er ab. „Mach dir keine Sorgen, das kriegen wir hin", sagt er. Situationen wie diese kennt der Stuttgarter zu genüge, er weiß, was zu tun ist. Marcel engagiert sich im Tierschutz.

Der 37-Jährige ist beim Tierschutzverein Stuttgart angestellt. Täglich stranden hier Tiere aus den unterschiedlichsten Gründen. Besonders häufig kommen Senioren in das Tierheim am Stadtrand. Sie geben ihre Haustiere ab, weil sie körperlich oder finanziell nicht mehr dazu in der Lage sind, sich um sie zu kümmern. Dieser Missstand fiel auch Marcel und seinem Team auf. „Da müssen wir etwas tun", dachte sich der Tierschützer. Heute ist er Projektleiter der Initiative Silberpfoten.

Marcel Yousef und seine Hündin Lilou sind oft mit dem Silberpfoten-Mobil unterwegs. | Foto: Eva Mieves

Der Name beschreibt gewissermaßen schon die Idee: Mensch und Tier, Silberhaar und Silberfell, sollen einen gemeinsamen Lebensabend verbringen können. Das Projekt besteht deswegen aus einer Art Nachbarschaftshilfe. Ehrenamtliche unterstützen Senioren und ihre Tiere in der Tierhaltung: Hunde ausführen, Tierarztbesuche, in einigen Fällen gehört auch finanzielle Unterstützung dazu. Meistens kümmern sich die Ehrenamtlichen um Hunde, aber sie sorgen auch für Katzen oder Kleintiere. „Unser erstes Anliegen sind dabei immer die Tiere. Wir wollen, dass es ihnen gut geht. Dafür müssen wir die Senioren mit ins Boot holen", meint Marcel Yousef.

Eine Win-Win-Situation

Denn dadurch ist auch den Senioren geholfen. Bei vielen älteren Menschen lindert die Bindung zu einem Vierbeiner die Einsamkeit, unter der sie leiden. Durch das Projekt knüpfen sie außerdem neue Kontakte zu den Ehrenamtlichen. Die wiederum genießen die Zeit mit den Silberpfoten-Schützlingen, wenn sie selbst kein Tier halten können. „Das ist eine klassische Win-Win-Situation", sagt der Projektleiter.

Die Initiative finanziert sich über den Tierschutzverein Stuttgart, unter dessen Dach sie organisiert ist. Sämtliche Kosten, beispielsweise für das Silberpfoten-Mobil, werden durch den Verein oder Spenden an Silberpfoten selbst gedeckt. Das Projekt umfasst momentan 550 ehrenamtliche Mitglieder und 52 betreute Fälle. An seinen ersten Fall erinnert sich Marcel noch genau. Damals kontaktierte ihn eine Dame, die nach einer Hüft-OP nicht mehr für ihren Hund sorgen konnte. Mit der Hilfe von Silberpfoten hat sie die Zeit bis zu ihrer Genesung überbrückt. „Es war eine sehr schöne Erfahrung, diesen Dank zu erleben", sagt Marcel rückblickend.

Ein ähnliches Schicksal traf Renate Reiser. Wegen Diabetes verlor sie beide Beine und damit auch den Mut, ihren Hund Robby behalten zu können. Marcel, mit dem sie schon zuvor in Kontakt stand, sollte den Zwergpudel-Opa zur Vermittlung freigeben. Doch es kam anders: Heute unterstützen viele Ehrenamtliche Renate Reiser. Eine der Helfer ist Karoline Köchling. Renate Reiser und Karoline sind mittlerweile ein eingespieltes Team. 

Hören Sie hier die ganze Geschichte von Renate Reiser, Karoline Köchling und Zwergpudel Robby. |Quelle: Eva Mieves und Lea Weinmann

Da geht noch was

Marcel Yousef hat Ambitionen: „Wir wollen langfristig ganz Baden-Württemberg mit dem Projekt abdecken. Der Bedarf ist auf jeden Fall da." Nur an Helfern fehlt es noch. Die Freiwilligen sind ein bunt gemischtes Team zwischen 25 und 47 Jahren. Allen gemeinsam ist das Interesse an Mensch und Tier und der Wille, etwas Gutes zu tun. Mehr brauche es nicht. „Unter diesen Voraussetzungen finden wir für jeden das Passende." Generell gilt beim Einsatz für Silberpfoten: Jeder macht nur so viel er kann und will. Allerdings hat das ehrenamtliche Engagement auch Grenzen. Eine Rundum-Betreuung durch einzelne Personen kann das Projekt nicht leisten. Die Initiative versteht sich nicht als kostenlosen Ersatz für professionelle Hundesitter.

Knapp drei Jahre nach der Gründung im September 2014 ist das Projekt für Marcel Yousef ein Erfolg: „Es landen eindeutig weniger Tiere bei uns im Heim, die aus Altersgründen abgegeben werden." Außerdem könne man viel früher einschreiten, sodass den Tieren nicht erst geholfen wird, wenn sie schon halb verwahrlost sind. Trotzdem gibt es nicht nur schöne Momente. Im engen Kontakt mit den Senioren werden die Ehrenamtlichen oft mit dem Tod konfrontiert. Auch die alte Dame, die Marcel als erstes betreut hat, ist mittlerweile verstorben. Ihr Hund starb kurze Zeit nach ihr. „So ist das eben. Das gehört auch dazu", sagt Marcel Yousef mit einem Lächeln. Und wieder klingelt das Handy.

Total votes: 35
 

Über die Autoren

Lea Weinmann

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17

Eva Mieves

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017