Mitten im Medienwandel

Sind Blogger die Journalisten von morgen?

18.11.2015

Die Medienbranche befindet sich in einem der größten Umbrüche überhaupt. YouTube-Star LeFloid interviewte kürzlich die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Werden die alten Medien von den Neuen verdrängt? Wir haben bei Bloggerin Diana Scholl und Zeitungsredakteur Tom Hörner nachgefragt.

Über ihren Blog fithealthydi erreicht Diana Scholl bis zu 20.000 User pro Monat. Die 21-Jährige betreibt ihren Blog seit fast zwei Jahren. Scholl schreibt über Sport, gesunde Ernährung und Persönliches. Sie studiert Crossmedia-Redaktion und Public Relations an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Tom Hörner, 54, ist Redakteur bei den Stuttgarter Nachrichten. Über 11 Jahre ist er dort bereits Kolumnist und unterhält die Leser mit seiner Kunstfigur Knitz. Hörner schreibt meistens über Kultur und Lokales im Raum Stuttgart.

Motion: Mit dem Wandel verschwimmen die Grenzen. Worin liegt der Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten?

Diana Scholl: Ich sehe mich als beides. In meinem Studium lerne ich, eine gute Journalistin zu sein. Was ich blogge, ist natürlich kein Journalismus in dem Sinn. Bloggen ist persönlich und sehr subjektiv. Ich habe natürlich auch Beiträge, die recherchiert sind. Wenn ich über Kokosnussöl schreibe, dann kann ich nicht einfach sagen, es ist gut. Ich mache mir dann schon Gedanken, warum es gut ist. Und lese mir mehrere wissenschaftliche Beiträge dazu durch. So einen Beitrag könnte man schon als journalistischen Text bezeichnen.

Tom Hörner: Der Blogger ist der klassische Kommentator. Journalismus ist für mich letztlich: Ich beschreibe den Menschen die Welt. Das ist der Kern. Wichtig ist, ich beschreibe – nicht ich sage – den Menschen, was sie von der Welt zu halten haben. Erst einmal kommt Information, dann Meinung. Wenn man immer nur seine Meinung betont, dann lässt man die anderen Sichtweisen unter den Tisch fallen. Die Leute sollen sich selbst ein Meinungsbild machen. Ich würde jetzt nicht grundsätzlich sagen, Journalisten sind keine Blogger oder Blogger sind keine Journalisten.

Motion: Trends wie Blogs sind meistens genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen sind. Ist Bloggen also nur eine Modeerscheinung?

Scholl: Nein, auf gar keinen Fall. Ich kenne viele Blogs, die eine größere monatliche Klickzahl haben als manche Lokalzeitungen. Das kann kein Modetrend sein. Ich glaube, dass es Zukunft hat. Natürlich verändert es sich. Es geht viel mehr ins Bewegtbild. Aber in welcher Form man dann Blogger ist, wird sich zeigen.

Hörner: Nein, das glaube ich nicht. Das wird genauso überleben. Wir reden über Blogging, als ob es da eine Form gäbe. Man muss schon sagen, das Internet ist ja auch ein wahnsinnig tolles Medium. Es gibt unglaublich viele Künstler und Kreative, die nur durch das Internet groß geworden sind.

Motion: Im Prinzip wollen Blogger und Journalisten das Gleiche: gelesen werden. Könnten Sie sich eine Kombination von Zeitung und Blog vorstellen?

Scholl: Ich kann mir vorstellen, dass in Zukunft mehr Themen subjektiver behandelt werden. Natürlich braucht man einerseits die objektive Berichterstattung zu relevanten Themen im Tagesgeschehen. Die müssen gut recherchiert, die müssen beide Seiten beleuchten und neutral sein. Ich lese z. B. sehr gerne, wie eine Person zu etwas steht und was für Argumente und Ansichtsweisen sie mitbringt.

Hörner: Wenn es einen Blogger gibt, der sich wirklich für unser Medium interessiert und auch dazu passt – warum sollte man so jemanden dann nicht einkaufen? Nicht über die klassische Schiene als Redakteur, sondern: „Du hast tolle Texte. Wir kaufen und drucken sie." Das eine schließt das andere nicht aus. Diese Mischform wird noch sehr interessant werden.

Motion: Der Online-Markt wird für Medienunternehmen immer wichtiger. Inwiefern spüren Sie persönlich den Wandel?

Scholl: Was sich auf jeden Fall gewandelt hat, ist, dass Medienhäuser Bloggern gegenüber positiver eingestellt sind. Ich kann mir vorstellen, dass es vor 10 Jahren vielleicht ein Problem gewesen wäre, wenn ich so eine Internetöffentlichkeit gewesen wäre. Mittlerweile wäre man als Medienhaus blöd, mich deswegen nicht einzustellen.

Hörner: Ich spüre den Wandel dann, wenn ich von meinem Chef höre, wie sich die Auflage entwickelt hat.

Motion: Die Stuttgarter Nachrichten werden mit der Stuttgarter Zeitung zusammengelegt. Ist das für Sie ein Zeichen, dass die Zeitung sich mitten im Wandel befindet?

Hörner: Das ist auch ein Ergebnis von dieser Entwicklung. Viele Leute sind glaube ich nicht so richtig glücklich darüber, ich ehrlich gesagt auch nicht so ganz. Aber ich sehe es auch so: Wenn man die Sache noch weitere Jahre hätte laufen lassen, dann wäre die Auflage von den Nachrichten so gering gewesen, dass man keine 100 Redakteure mehr beschäftigen könnte. Jetzt ist man hergegangen und hat Redaktionen zusammen geschmissen. Man versucht nun, die Leute mehr in Richtung online zu verlagern.

Motion: Das regelmäßige Produzieren von Beiträgen schafft Know-how. Haben Blogger dadurch Vorteile im späteren Berufsleben?

Scholl: Da habe ich vielleicht später mal einen Vorteil, wenn ich zu einer Zeitung gehe und sage: „Hey, ich habe eine Reichweite von so und so und bringe diese Zielgruppe mit." Dann habe ich bereits eine breite Leserschaft, obwohl ich neu bin. Ich denke auf jeden Fall, dass ich dadurch später mal eine bessere Journalistin sein kann.

Hörner: Absolut. Das ist Diana Scholls Investition. Sie ist schon an sich eine Marke. Und mit einer großen Anzahl an Fans hat sie auch ihren Marktwert. Sie könnte dann auch später ganz gut für eine Zeitung schreiben. Dann wohl eher eine Kolumne. Dann kann sie zur Zeitung gehen und sagen, wie hoch ihre Reichweite ist, welche Themen sie anbietet und wer ihre Zielgruppe ist. Wenn die Zeitung merkt, dass sie niemand hat, der diese Zielgruppe bedient und das Thema für unsere Leser interessant ist – dann kann das gut funktionieren.

Motion: Neue Informationskanäle stellen die Zeitungen vor eine Herausforderung. Hat sie noch eine Zukunft?

Scholl: Wenn ich Zeitung lese, dann online. Zeitung wird es weiter geben und natürlich hat sie eine Zukunft. Ich denke auch, dass sich der Journalismus vom Medium zum Journalisten hin entwickelt. Heute liest man einen bestimmten Artikel, weil man den Journalisten mag und seine Art zu schreiben gut findet. Man folgt dem Journalisten auf Twitter. Man likt ihn auf Facebook.

Hörner: Keiner von uns ist ein Prophet. Oft ist es so, dass diese Medien die anderen nicht komplett verdrängen. Sie existieren oft nebeneinander. Ob man in 20 Jahren noch Printzeitung hat? Ich würde sagen ja, aber wahrscheinlich weniger. Sie wird’s wahrscheinlich geben. Aber in einer anderen Form. Die Zeitungen lernen hoffentlich, sich besser im Internet zu verkaufen.

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Wir haben uns in Stuttgart umgehört. Von „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine Printzeitung in der Hand hatte" bis „Ich finde, dass man die Zeitung immer noch unterstützen sollte" war alles dabei! (Foto: Isabelle Jentner)

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