Arbeit im Flüchtlingsheim

Sozialarbeiter - Freunde, Ersatzeltern oder Kontrolleure?

21.07.2015

Milad, Zerevan und Sinan leben noch nicht lange in Deutschland. Dennoch sprechen die drei Jugendlichen gut deutsch, haben Anschluss gefunden und machen ihren Schulabschluss. Bei ihrem Weg begleiten sie die Sozialarbeiter des Jugendhaus Cann in Bad Cannstatt.

Viele jugendliche Flüchtlinge kommen mit ihren Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Doch es gibt auch minderjährige Flüchtlinge, die ganz alleine - ohne ihre Familie - ankommen. Das deutsche Gesetz sieht dann vor, dass ein Vormund bestimmt wird. Hier tritt der er Verein Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt e.V. (AGDW) ein. Jens Peter und zwei weitere Kollegen betreuen derzeit rund 125 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Raum Stuttgart. Ein Arbeitspensum, das kaum zu erfüllen ist. Die Gründe für eine unbegleitete Flucht in ein fremdes Land sind unterschiedlich. Oftmals verlieren die Kinder ihre Eltern und Angehörigen auf dem Weg. In einigen Fällen werden die Jugendlichen auch vorgeschickt, um Geld zu verdienen und die Familie dann nach geraumer Zeit auf legalem Weg nachzuholen.

Ein komplexes Arbeitsumfeld

Die Jugendlichen sind hierzulande vor dem Gesetz mit anderen Jugendlichen gleichgestellt. „Rechtlich steht den Kindern alles offen", erklärt Kathrin Grünwald von dem AGDW. Bei ihrer Arbeit mit den Flüchtlingsfamilien bemerkt sie immer wieder, dass auch die Einstellung der Eltern einen großen Einfluss auf die Strebsamkeit der Kinder hat. „Wenn die Eltern die Wichtigkeit der Bildung nicht sehen, wie soll das Kind das dann vermittelt bekommen?", so Grünwald. Die junge Sozialarbeiterin sagt selber, dass es durchaus schwierig ist sich von vielen individuellen Schicksalen zu distanzieren. Vor Allem wenn man es mit traumatisierten Kindern zutun habe.

Aber wohin, wenn man niemanden hat?

Die ersten Kontakte knüpften die Jugendlichen zunächst in der Flüchtlingsunterkunft oder im betreuten Wohnen. Aber was kommt danach?

Neben vielen Angebote, die über den AGDW e.V. organisiert werden, bieten Jugendhäuser wie „Das Cann" in Bad Cannstatt eine Alternative für die Freizeitgestaltung.

Das Cann (Quelle: Jana A. Fehler)

Hier gehts zur vollständigen Collage.

„Unser Cann ist ein zentraler Treffpunkt und eine Art zweite Heimat für die Jugendlichen", sagt Hausleiter Daniel Stengele. Seit vier Jahren betreut der Sozialarbeiter Jugendliche in Bad Cannstatt. Die Jugendlichen sind zwischen zwölf und 18 Jahren alt. Schätzungsweise sind 30 bis 35 Nationalitäten vertreten. Und dennoch funktioniert ein friedliches Miteinander. „Natürlich gibt es auch Konflikte zwischen den einzelnen Cliquen. Aber das lässt sich nicht auf kulturelle oder religiöse Unterschiede zurückführen", so Stengele über die Gruppendynamik. Vielmehr fördere das Miteinander unterschiedlicher Kulturen die Integration. Es gehöre zwar nicht zum Konzept, Gesprächsrunden zur Begegnung der Kulturen zu veranstalten, dennoch lerne man sich vor Allem beim täglichen Miteinander kennen. „Auch wir als Sozialarbeiter lernen von den Jugendlichen - und das vor Allem im Gespräch", sagt Stengele.

„Schöne Momente kommen nur zu Stande, wenn man die schlechten hatte!"

Da viele der Jugendlichen Unvorstellbares erfahren mussten, gestaltet sich die Arbeit mit ihnen nicht immer einfach. „Drogen und Alkohol sind bei uns schon ein großes Thema", erzählt Stengele. Um ihre Probleme und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, greifen viele Jugendliche zu Rauschmitteln. Das nachzuvollziehen ist für eine Person, die eine behütete Kindheit hatte und mit einer fürsorglichen Familie aufgewachsen ist, äußerst schwierig. Trotz einer aufgebauten Vertrauensbasis könne man als Betreuer häufig wenig dagegen tun. „Wenn man sieht wie jemand auf die Wand zuläuft, ist es sehr schwierig für mich", so Stengele. Als Sozialarbeiter übernehme man oftmals die Rolle von Ersatzeltern. Und das auch weil die Eltern Zuhause nicht mehr in der Lage sind die Erziehung zu übernehmen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ob nun lange Arbeitszeiten, Probleme im Leben oder schlichtweg kein Interesse.

Einbußen mit Vorteilen

Um den Jugendlichen eine sinnvolle Beschäftigung neben der Schule zu geben, hat „Das Cann" ein interessantes Konzept entwickelt. Neben Freizeitangeboten wie Billard, Tischkickern oder Dart, können die Jugendlichen sich aktiv bei Veranstaltungen beteiligen. Räumlichkeiten wie der große Tanzsaal werden für Konzerte, private Feiern oder Tagungen vermietet. Die Jungs und Mädels können dann beispielsweise das Catering übernehmen und bekommen im Gegenzug ein Backstage-Feeling mit Künstlern wie Mia, Andreas Bourani und Andreas Kümmert. Aus den Einnahmen werden Freizeiten, wie die jährliche Fahrt in die Provence, finanziert. Dafür müssen die Jugendlichen jedoch auch in Kauf nehmen, dass das Jugendhaus auch mal früher schließt oder ein Raum nicht zur Verfügung steht.

Das Angebot kommt insgesamt gut an. Nur bei neuen Projekten gibt es meist Anlaufschwierigkeiten, aber wenn einer mitmacht, zieht das die Gruppe mit sich.

Freund oder Chef?

„Sie kennen uns gut", sagt Stengele über seine Schützlinge. Die Balance zwischen Autoritätsperson und Freund muss dennoch vorhanden sein. „Für mich schließt das eine das andere nicht aus. Da kommt es aber darauf an, welches Verhältnis man zu diesem Beruf hat", so der Hausleiter. Auch im Gespräch mit den Besuchern des Jugendhauses wird klar, dass vor allem der lockere Umgang und das vertraute Verhältnis mit den Mitarbeitern gut ankommt. „Mir ist es wichtig, dass die Jugendlichen wissen, dass sie hier immer eine Anlaufstelle mit den richtigen Ansprechpartnern haben", erklärt Stengele.

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Jana Anastasia Fehler

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