Ankommen

Spanien – mein neues Leben in der Ferne

30.01.2017

Ein Leben im Ausland zu beginnen, davon träumen viele Menschen. Gründe dafür gibt es viele, aber nur Wenige haben den Mut ihr Heimatland wirklich zu verlassen. Susan ist einer dieser Menschen. Sie weiß, dass es nicht immer einfach ist und es lange dauert bis man sich wirklich zuhause fühlt.

„Wenn ich ein Tier sein könnte, wäre ich ein Vogel. Da kann ich einfach ins Weite fliegen. Jederzeit. Und ich kann zurück, wann ich will." | Bild: Julia Vogel

Susan steht auf ihrem Balkon und blickt über die sonnendurchfluteten Dächer in die Ferne. Sie schließt ihre Augen, genießt die Sonne und den leichten Dezemberwind. Seit etwa einem Jahr lebt Susan mit ihrem spanischen Mitbewohner zusammen in einer WG im sechsten Stock eines belebten Wohnblocks in Sants, Barcelona. In jedem Raum duftet es nach frisch gewaschener Wäsche und Weihrauch, der aus einem der kleinen Räuchermännchen aufsteigt, die sie – um an ihrer Kultur festzuhalten – im Wohnzimmer neben zwei Weihnachtskalendern aufgestellt hat.

„Ich liebe das Klima, die Möglichkeit ans Meer zu gehen. Und auch das südländische Flair. Man kann fast überall neue Häuser mit kleinen Balkönchen entdecken. Die Stadt ist einfach wunderschön. Dafür liebe ich Barcelona."

Susan ist 32 Jahre alt und gehört zu den Menschen, die Herausforderungen meistern und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Bevor sie mit 21 Jahren nach Chemnitz zieht, lebt sie mit ihren Geschwistern in Zschopau, einer Kleinstadt Sachsens, wo sie nach ihrer Ausbildung mehrere Jahre als Zustellerin arbeitet. Der Umzug ist für sie der erste Schritt in die Eigenständigkeit und sie entscheidet sich bewusst für ein günstiges Zimmer, um sich die Möglichkeit offen zu halten, jederzeit aufbrechen zu können. Schon damals verspürt sie den Drang fremde Kulturen jenseits des deutschen Alltags zu erleben. Sie macht ihr Fachabitur, um zu studieren, nimmt dann aber doch einen Job als Ausbilderin bei der FirstMail an. Sie erfüllt sich so den Traum von der Arbeit mit Jugendlichen und kann gleichzeitig Geld zurücklegen, um zu reisen und Deutschland irgendwann für längere Zeit verlassen zu können.

Susan ist ein fröhlicher Mensch. Die Wärme und der blaue Himmel sind für sie das Schönste an Barcelona. | Bild: Julia Vogel

„Mir hat am Ende etwas in Deutschland gefehlt. Ich wollte wieder los und wieder etwas machen."

Wenn Susan heute auf ihre erste Begegnung mit Barcelona zurückblickt, kann sie noch fühlen, wie riesig ihr die Stadt erschien. 2005 kam sie zum ersten Mal als Au Pair nach Barcelona – ohne etwas über die Stadt zu wissen. Sie wusste nicht einmal, dass sie am Meer liegt. Ein Jahr später verlässt sie den Großstadttrubel und freut sich auf Deutschland, wo sie aber bald den Drang verspürt, nach Barcelona zurückzukehren. Susan verlässt Deutschland 2013 hauptsächlich aus beruflichen Gründen. Ihre befristete Stelle als Ausbilderin geht zu Ende und ihr neuer Job soll erst zwei Monate später beginnen. Sie beschließt, diese Zeit in Barcelona zu verbringen. Als sie eine Absage für den Job erhält, überlegt sie zum ersten Mal, in Barcelona zu bleiben. Einige Tage vor ihrer Abreise nach Deutschland lässt sie das Schicksal entscheiden und bewirbt sich in einem Vorstellungsgespräch bei General Motors.

Susan gefällt an Barcelona schon immer das Bunte und Individuelle. | Bild: Julia Vogel

„Ich habe mich dafür gehasst, so viele Sachen zu haben. Ich hätte am liebsten nichts gehabt und wäre einfach mit dem, was ich hatte, losgegangen."

Bei ihrer Wohnungsauflösung vor vier Jahren verkauft Susan all ihre Möbel und verstaut wichtige Dinge bei ihrer Mutter. Sie packt nur einen einzigen Koffer für Barcelona. Wie ein Neuanfang kommt ihr der Umzug damals aber nicht vor. Sie kennt die Stadt mit ihren Menschen und fühlt sich mit ihren Spanischkenntnissen gut ausgerüstet für ein Leben in Barcelona.

„Ich bin gerade dabei anzukommen."

Während Susan für General Motors, Airbus und Avis arbeitet, hat sie kaum Zeit, Barcelona zu erleben. Um sich Reisen zu ermöglichen, stellt sie sich einem harten Alltag. Lange Zeit arbeitet sie an zehn aufeinanderfolgenden Tagen und hat danach nur einen Tag frei. Erst seit ihrer Kündigung läuft sie aufmerksamer umher, spürt die Lebensqualität, ist aktiver und verliebt sich wieder in Barcelona. Um richtig ankommen zu können, fehlen ihr noch enge Freunde wie ihr Mitbewohner. Seitdem sie allein in der Vierer-WG wohnen, hat Susan ein familiäres Verhältnis zu ihm aufgebaut und fühlt sich zuhause.

Susan hat jetzt Zeit, ihr Umfeld wahrzunehmen. Endlich kann sie ihr Leben in der Metropole genießen. | Bild: Julia Vogel

„Deutschland ist auch mein Zuhause. In Deutschland leben die wichtigsten Leute. Meine Familie und meine Freunde. Und das wird für mich auch immer so bleiben. Und ich werde auch immer gern zurück nach Deutschland kommen."

Regelmäßig besucht Susan ihre Familie und Freunde in Deutschland. Sie lebt nicht am Ende der Welt und trotzdem bekommt die gemeinsame Zeit eine neue Intensität. Sie hält Kontakt zu einigen Freunden, der manchmal so stark ist, dass es fast scheint, als wären sie bei ihr in Barcelona. Was sie neben Familie und Freunden in Barcelona vermisst, sind die Wälder, das Essen, ihre Muttersprache, die deutsche Kultur, gut sortierte Drogeriemärkte, Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung und vor allem ein Job, in dem sie aufblühen kann. An Weihnachten fährt Susan zu ihrer Familie, bevor sie im Februar eine Reise nach Asien antritt, um wieder etwas Neues zu entdecken. Erst nach Ostern wird sie nach Barcelona zurückkehren. Sie lässt all ihre Sachen dort und weiß, dass ihr Mitbewohner sie herzlich willkommen heißen wird. Wenn Susan zurückkommt, hat sie sich vorgenommen, Freundschaften in Barcelona aufzubauen und einen Job zu finden, der sie erfüllt und bei dem nicht mehr die Bezahlung an erster Stelle steht.

„Wenn ich in meine Heimatstadt komme, fühle ich mich auch angekommen. Aber mein eigentliches Zuhause, wohin es mich immer wieder zurückziehen wird, ist Barcelona. Die Stadt ist magisch irgendwie."

Barcelona – hier sieht Susan ihre Zukunft. | Bild: Julia Vogel

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Über den Autor

Julia Maria Vogel

Elektronische Medien Master - Audiovisuelle Medien
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015