Recruiting-Apps

Speeddating mit dem Arbeitgeber

27.01.2016

Bewerben ist auch heute noch ein aufwändiges Verfahren, das viel Zeit kostet. Da kommen Apps wie „truffls“ gerade recht: Nach dem Tinder-Prinzip können Unternehmen und Bewerber durch „Swipen“ miteinander Kontakt aufnehmen. So wird bereits vor der eigentlichen Bewerbung ein Erstkontakt hergestellt. Die App-Anbieter versprechen eine zuverlässige Arbeitsvermittlung. Wird das „Swipen“ also das Recruiting revolutionieren?

Mit circa 10.000 Downloads ist truffls der führende Anbieter für mobiles Recruiting im deutschsprachigen Raum. Seit Anfang des Jahres hat das Berliner Startup truffls dieses App-Format in den deutschen Markt eingeführt. Das Prinzip der App ist simpel – und dürfte dem einen oder anderen von der Dating-App Tinder bekannt sein: Durch „swipen” kann der Arbeitsuchende oder das Unternehmen den gegenüber aus- oder abwählen. Erst wenn beide aneinander interessiert sind, gibt es einen „Match” – und damit den Erstkontakt. Hinter dem „match” steckt ein Algorithmus, der die Interessen und Vorlieben der beiden Parteien auf Kompatibilität überprüft. Der von truffls entwickelte Matching-Algorithmus lernt dazu und liefert mit der Zeit immer bessere Job-Vorschläge. Umständliche und langsame Bewerbungsprozesse sollen so durch eine bessere Vorselektion für beide Seiten verkürzt und vereinfacht werden. Das könnte für den Recruiting-Markt einen enormen Wandel bedeuten.

Die App im Selbstversuch

Recruiting-Apps, die auf dem Tinder-Prinzip basieren, liegen voll im Trend. Das Berliner Startup truffls verspricht einen einfacheren und schnelleren Bewerbungsprozess durch ihre App. Das will ich testen!

Von der Bewerbung zum „Speeddating"

Wichtig für den Erfolg dieser App ist aber nicht nur, dass sie nutzerfreundlich und einfach zu bedienen ist. Sie muss auch für den potenziellen Arbeitgeber eine sinnvolle Ergänzung im Recruitingprozess darstellen. Personaler eines Unternehmens erstellen dafür ihrerseits ein Profil, in dem die wichtigsten Daten zum Unternehmen stehen. Anschließend können Stellenanzeigen hochgeladen werden. „Das Schalten einer Stellenanzeige auf truffls dauert für ein Unternehmen ca. 30 Sekunden. Alles, was benötigt wird, ist die bereits verfasste Anzeige, die bequem hochgeladen werden kann. Die Technologie von truffls optimiert diese automatisch in ein mobiles Format, das perfekt auf das jeweilige Smartphone abgestimmt ist. Dieser Vorgang funktioniert für Unternehmen komfortabel im Browser am eigenen Arbeitsplatzrechner. Es wird keine Softwareinstallation benötigt”, erklärt Clemens Dittrich, Geschäftsführer von truffls.

Prof. Dr. Harald Eichsteller, Studiendekan an der Hochschule der Medien Stuttgart, steht der App wiederum kritisch entgegen. „Bei großen Unternehmen verschärft es eher das Problem mit den großen Bewerberzahlen, aber für unbekanntere Unternehmen aus der Region könnte ein Schuh draus werden.” So könnten diese Unternehmen durch den Matching-Prozess überhaupt erst in den Aufmerksamkeitsbereich potenzieller Arbeitnehmer gelangen und sich gleichzeitig mit ihren attraktiven Leistungen wie flexiblen Arbeitszeiten oder Familienmodellen positiv positionieren. Trotzdem muss die App mehr leisten als nur den Erstkontakt herstellen. „Erst wenn die Digitalplattform in einen größeren Gesamtkontext eingebunden ist, ist sie wirklich sinnvoll”, meint Eichsteller. So sollte dem „Matching” bei truffls eine klassische Online-Bewerbung folgen. Und die Stellenanzeigen sollte sowohl auf einer Jobbörse oder der Webseite des Unternehmens eingebunden sein.

Für Michael Weißhaupt, Professor für Human Ressource Management an der Hochschule der Medien Stuttgart, ist die Einbettung in den Gesamtkontext ebenfalls essentiell. „Mithilfe einer solchen App kann ein wesentlicher Teil des Recruiting-Prozesses, nämlich der Vorgang des Matching, bei dem beide Parteien für sich die Passung zwischen Person und Stelle überprüfen, im Workflow „nach vorne" verlagert werden. Dies erhöht für das Unternehmen zwar nicht zwingend die schiere Zahl an Bewerbungen, reduziert aber möglicherweise die Zahl der ungeeigneten beziehungsweise weniger interessanten Bewerber, so dass der Anteil der passenderen Bewerbungen in der Grundgesamtheit ansteigt. Dies ist im Hinblick auf die spätere Selektionsentscheidung positiv zu bewerten", sagt der Prodekan der Hochschule der Medien Stuttgart. Die App hat seiner Ansicht nach Potenzial – zumindest in Bezug auf eine kleine, junge Zielgruppe. „Für junge Leute, die medienaffin sind, ist eine solche App perfekt, denn sie holt die Leute dort ab, wo sie sich aufhalten." Auch große Konzerne haben das Potenzial hinter truffls entdeckt. car2go von Daimler ist bereits mit Stellenangeboten auf truffls vertreten.

Bewerbung per Smartphone – ist das die Zukunft?

Seit Anfang des Jahres testet car2go ab und an die App und – obwohl sie noch keinen passenden Bewerber über truffls gefunden haben – sieht man bei car2go durchaus Chancen in der neuen Plattform. So können mit der App potentielle junge Kandidaten schneller erreicht und ein schnelleres Matching herbeigeführt werden. Dabei ist der angesprochene Personenkreis innovativ. „Ich finde es spannend, was sich auf dem Recruiting Markt tut. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade in der Smartphone lastigen Zeit diese App sehr gut ankommt. Gerade bei der jüngeren Generation potenzieller Arbeitnehmer treffen solche Apps den Nerv der Zeit”, erklärt Laura Barthelmes, verantwortlich für die Themen Human Resources Marketing und Recruiting bei car2go. Allerdings sind sie auch auf Probleme gestoßen. Das Screening scheint eher oberflächlich zu sein und so gibt es zu viele unpassende Bewerber-Profile, die Interesse an car2go zeigen. Vor allem ist mit dieser App aber ein großer administrativer Aufwand für die Unternehmen verbunden und auch die Kosten pro Anzeige sind eher hoch. Trotzdem sieht Laura Barthelmes mit solchen Apps eine große Veränderung auf das Recruiting zukommen. „Wir haben derzeit schon eine drastische Wandlung im Recruiting. Stellen werden immer schwieriger besetzt. Es muss mehr Aufmerksamkeit geschaffen werden und die Stellenanzeigen müssen mehr im direkten Umfeld platziert werden. Dafür bietet sich ein Smartphone ideal an. Allerdings müssen die Stellen personalisiert und auf den User abgestimmt sein. Denn eine Pflegekraft interessiert sich nicht für einen Job im Controlling.”

Was sagen Studenten zu truffls?

Bei potenziellen Arbeitnehmern ergibt sich ein heterogenes Meinungsbild zu den Entwicklungsmöglichkeiten der App. Fotos: Marleen Kledig

Diese Form der Recruiting-Apps steht also durchaus noch auf dem Prüfstand. Generell scheint die App noch nicht in der breiten Masse der möglichen Arbeitnehmer angekommen zu sein – und auch der Matching-Algorithmus an sich scheint noch die eine oder andere Anpassung zu benötigen. Verbesserungsbedarf gibt es wohl vor allem noch bei der Einarbeitung des Bewerberprofils und dessen Qualifikationen in den Matching-Algorithmus. Trotzdem birgt eine solche App für Arbeitgeber und innovative Arbeitnehmer eine Menge Potenzial: Bewerbungsprozesse können verschlankt werden, indem der Matching-Prozess nach vorne gezogen wird. Studenten und Unternehmen sind sich dadurch früher im Klaren, ob aus dem Kontakt ein langfristiges und fruchtbares Arbeitsverhältnis erwachsen kann oder nicht. Wenn allerdings diese Apps noch besser an die Bedürfnisse der Arbeitssuchenden und der Unternehmen angepasst wird, könnte es das Mobile Recruiting bedeutend voranbringen. Klar ist, dass sich das Recruiting - so wie wir es kennen - verändern wird.

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Über die Autoren

Natalie Mindermann

Unternehmenskommunikation (Master)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16

Marleen Kledig

Unternehmenskommunikation Master
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016