Spielplatz zum Trauern

Spielen zwischen Gräbern

20.06.2016

Eine Rutsche neben Grabsteinen, spielende Kinder neben trauernden Angehörigen – auf dem Karlsruher Hauptfriedhof ist das nichts Ungewöhnliches. Ein Ort, an dem getrauert werden soll, vereint mit einem Platz der Freude. Ein Spielplatz mitten auf dem Friedhof erzählt die Geschichten von trauernden Kindern, die ein Elternteil verloren haben.

Eine Brücke verbindet die heile (rechts) mit der erstarrten Welt (links): „Kinderwelten" - Ein Ort zum Trauern. | Bild: Julie Gorjup

Der Geruch von feuchter Erde liegt in der Luft. Vogelgezwitscher und das Rascheln der Blätter im Wind sind leise zu hören. Durch die Baumkronen fallen einzelne Sonnenstrahlen auf Grabsteine. Was sich wie ein Park im Morgengrauen anhört, ist in Wahrheit ein Friedhof. Doch etwas irritiert. Zwischen Grabsteinen und Trauerkerzen ist ein kleiner, freier Platz zu erkennen. Aus der Ferne sind Schaukeln und Rutsche zu sehen.

„Kinderwelten" heißt der Spielplatz mitten auf dem Karlsruher Hauptfriedhof. Wie eine kleine Insel, umgeben von Büschen, soll er Kindern Zuflucht bieten. Beim genaueren Betrachten fällt auf, dass es sich hierbei um keinen gewöhnlichen Spielplatz handelt. Schaukel, Schaukelfiguren und Sandkasten laden auf der einen Hälfte zum Spielen ein. Eine kleine Brücke führt von der heilen Welt in eine andere Welt, in der nichts mehr funktioniert. Hier ist nichts so, wie es sein soll. Die Rutsche ist blockiert, die Schaukeln am Boden befestigt, der Sandkasten ist betoniert und die Schaukelfiguren sind nicht zu bewegen. Eine Welt, die durch den Tod von Mutter oder Vater erstarrt ist. Und noch eine Besonderheit ist zu erkennen: Der Spielplatz ist mit Tafeln bestückt, auf die Kinder, die ein Elternteil verloren haben, ihre Ängste und Wünsche aufschreiben und nach außen tragen können. Auch viele Spielgeräte sind mit Geschichten und Aussagen trauernder Kinder beschriftet.

„Ich kann nicht verstehen, dass ich meine Mama nie wieder sehe!"

„Für die Kinder, die eine wichtige Bezugsperson durch den Tod verlieren, ändert sich vieles. Das Umfeld ist dem Kind gegenüber oft unsicher und kann sich schwer in es hineinversetzen", erklärt Sozialpädagogin Barbara Kieferle-Stotz, die das Projekt konzipiert und ins Leben gerufen hat. Die Trauerbegleiterin erlebt in ihren Trauergruppen hautnah mit, wie viel Last ein betroffenes Kind mit sich trägt und wie schwer es für solche Kinder sein kann, mit deren Ängsten und Gefühlen umzugehen. „Kinderwelten" soll Betroffenen einen Ort bieten, an dem sie frei trauern können. Ein Ort, an dem sie sehen können, dass sie nicht alleine sind, dass es anderen ähnlich geht und dass der Tod ein natürlicher Prozess ist, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Trauerbegleiterin Barbara Kieferle-Stotz über die Einzigartigkeit des Spielplatzes.

Für Kieferle-Stotz ist „Kinderwelten" ein Herzensprojekt gewesen. „Seit 2005 habe ich die Kinder in der Trauergruppe und habe gesagt, dass das, was sie aufschrieben, was sie malen, was sie denken, was sie fühlen, was sie erlebt haben, wirklich zu schade ist, um es in einen Schuhkarton zu legen und zuzukleben. Das muss raus in die Öffentlichkeit." Bis es zur Umsetzung des Spielplatzes im Jahr 2012 auf dem 34 Hektar großen Friedhof kam, musste sie aber einige Hürden meistern. Obwohl Zuständige des Hauptfriedhofs schnell überzeugt werden konnten, stieß das Projekt auf vehemente Kritik. Viele Menschen fanden den Friedhof als Ort für dieses Projekt unpassend und andere wiederum verstanden nicht, wieso man in Spielgeräte investieren soll, wenn diese nicht funktionieren. Hinzu kam Geldmangel. Nachdem die Konzeption knapp fünf Jahre in der Schublade lag, konnte das Projekt schließlich durch zahlreiche Spenden umgesetzt werden. „Warum die Spielgeräte außer Kraft gesetzt sind – da gab es nie eine Erklärungsnot", so Kieferle-Stotz. Kinder sollen jedoch nicht ohne Erklärung auf den Spielplatz gelassen werden. „Manchmal rate ich ab, die „Kinderwelten" zu besuchen, weil es einfach auch sehr schwer ist, das alles zu lesen. Da der Spielplatz frei zugänglich ist, steht dort auch ein Schild, dass man die Kinder dort nicht alleine ohne Erklärung lässt."

Wie Kinder den Tod eines geliebten Menschen erleben. | Julie Gorjup via thinglink

„Die anderen geben immer an, was sie mit ihrem Papa machen. Meiner ist tot!"

Die Geschichten der Kinder bewegen. „Dieses Klischee, Kinder kriegen nichts mit oder dass es für sie nicht so schlimm ist, ein Elternteil zu verlieren, trifft nicht zu", so die Sozialpädagogin. Während in der heilen Welt Begriffe wie Glück, Liebe, Spaß und Leben an einer großen Tafel stehen, kann man auf der Rückseite die Ängste der Kinder lesen. „Papa soll nicht so viel Alkohol trinken" ist nur eine der Sorgen, die sich Kinder nicht trauen, ihrem verbliebenden Elternteil zu sagen. Viele Kinder profitieren von der Trauergruppe und versuchen zu verstehen, was der Tod bedeutet. Das Projekt „Kinderwelten" soll zeigen, was in den Kindern vorgeht. Hierfür werden auch Gruppenführungen angeboten, die vor allem von Schulklassen und Kernzeitgruppen genutzt werden. „Die Hauptintention sind die Schulklassen, in denen oft die trauernden Kinder und Jugendliche unter Mobbing leiden. Der Spielplatz mit den Trauertafeln soll zeigen, wie sich die Mitschüler fühlen" , erklärt Kieferle-Stotz.

Ist es sinnvoll, Kinder früh mit dem Tod zu konfrontieren? Trauerbegleiterin Barbara Kieferle-Stotz klärt auf.

„Kinderwelten" ist das zweite Projekt auf dem Karlsruher Hauptfriedhof, das von Barbara Kieferle-Stotz ins Leben gerufen wurde. Der Vorreiter „Lebensgarten" ist ein Ort für Erwachsene, an dem es ebenfalls um Sterben, Tod und Trauer geht. Der „Kinderwelten" Spielplatz ist bisher deutschlandweit einzigartig. Jedoch zeigen immer mehr Friedhöfe Interesse an Projekten dieser Art. Kieferle-Stotz weiß, warum: „Trauer ist nicht rosarot. Und es rosarot darzustellen, wäre nicht meins gewesen." Und so sieht man auch weiterhin Kinder auf dem Karlsruher Hauptfriedhof zwischen Gräbern und Schaukeltieren leise vor sich hin spielen, während sich die Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Baumkronen bahnen und einen Ort der Trauer für einige Zeit erhellen.

Der Spielplatz „Kinderwelten"

Auf den Spielgeräten erzählen trauernde Kinder ihre Geschichten.

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Über die Autoren

Sheva Hosseini-Khorassani

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 15/16

Julie Gorjup

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/ 2016