Doping im Freizeitsport

Stärker, schneller, schlanker

22.06.2016

Während Dopingskandale im Spitzensport regelmäßig für Schlagzeilen sorgen, wird die Problematik des Medikamentenmissbrauchs im Breitensport verschwiegen. Und das, obwohl Sportlern, Ärzten und Experten schon lange bekannt ist, welche Ausmaße Doping im Amateursport annimmt.

Freizeitsportler greifen zu leistungssteigernden Mitteln, häufig aus der Hausapotheke. |Foto: Sophia Köstler

Du stehst am Start des Bonn-Marathons. 2009. Um dich herum Marathonläufer, Frauen und Männer, über 10.000. Es starten neben Hochleistungsläufern vor allem viele Laien-Sportler jeder Altersklasse. Schau einmal neben dich. Glaubst du, dass deine Mitstarter Medikamente geschluckt haben vor dem Lauf? Vielleicht? Laut einer Studie vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der FAU Erlangen-Nürnberg hat über die Hälfte der Sportler in deinem Starterfeld Schmerzmittel zu sich genommen. Entweder um schon bestehende Beschwerden vor dem Lauf zu bekämpfen oder um die Schmerzen während des Marathons besser ertragen zu können.

Das Phänomen der gezielten Einnahme von Substanzen ist schon lange keine Seltenheit mehr im Breitensport. Es kommt in fast allen Sportbereichen vor.

Online und offline unzählige Beschaffungswege

Die Möglichkeiten, die Leistung durch „Mittelchen" zu steigern sind unzählbar. So auch der Zugang. Ein Großteil der Medikamente kann problemlos und nicht verschreibungspflichtig in der Apotheke gekauft werden, so wie Schmerzmittel, Aspirin oder Koffein-Tabletten. Den anderen Teil verschreibt der Arzt, oft unwissend, für was das Medikament eigentlich genutzt wird. Online sowie offline lässt sich fast überall alles finden. Sei es im Fitness-Studio in der Stadt oder in Online-Shops wie „anabolikakaufen24". Ja, den gibt es wirklich. Und auch der Schwarzmarkt boomt. Vor allem aus dem Ausland bestellen zum Beispiel Fitness-Sportler, Steroide oder andere Substanzen. Die sind günstiger, nur der Zoll könnte Probleme machen. Für den „perfekten" Bizeps wird das aber gerne in Kauf genommen.

Unsichtbare Nebenwirkungen

Meist sind die Langzeitfolgen und Nebenwirkungen zwar bekannt, werden aber zugunsten einer kurzfristigen Leistungssteigerung verdrängt. Man sei sich selbst Arzt, ganz nach dem Prinzip „Trial and Error", stellt Michael Sauer vom Manfred Donike Institut für Dopinganalytik in Köln fest. In vielen Fällen wird erst dann zu einem Arztbesuch geraten, wenn die gesundheitlichen Beschwerden Überhand nehmen. Doch mit „stoffen" wird deswegen nicht aufgehört.

Forengespräche über die Dosierung, Anwendung und den Kauf von Substanzen

In Foren für Kraftsportler beraten sich Menschen unter Pseudonymen zur Anwendung und Dosierung von Substanzen. Nebenwirkungen und deren Folgen sind häufig ein Thema.

Die sichtbaren Nebenwirkungen werden schnell bemerkt: Beispielsweise fallen die Haare aus, die Libido wird schwächer, man bekommt Ausschlag oder leidet unter Übelkeit. Gefährlicher sei Medikamentenmissbrauch aber für die inneren Organe, deren Schädigung für viele nicht einzuschätzen sei, weil der Vergleich mit anderen Betroffenen fehle. „Es wird nun mal nicht gerne über den Verlust der Libido gesprochen oder die Kumpels von damals verlieren sich einfach aus den Augen", sagt Sauer. Festgestellt werden die Schäden meist erst, wenn diese weit fortgeschritten sind. Leber, Niere, das ganze Herz-Kreislauf-System, Magen. Die Liste ist lang.

Definition „Doping" World Anti-Doping Agency
Doping ist das Vorhandensein einer Verbotenen Substanz, ihrer Metaboliten oder Marker in der Probe eines Athleten, der Gebrauch oder der Versuch des Gebrauchs einer Verbotenen Substanz oder einer Verbotenen Methode durch einen Athleten, die Umgehung der Probenahme oder die Weigerung oder das Unterlassen, sich einer Probenahme zu unterziehen etc..

Der perfekte Körper als Ideal

Doch warum nehmen so viele Sportler diese Risiken in Kauf? Sauer sieht die Beweggründe vor allem in unserer Leistungsgesellschaft. Schon in der Schule werde einem von klein auf vermittelt, dass jeder Leistung bringen müsse. Das führe sich auch im Sport weiter. Plus: Das, in der Werbung vermittelte Bild eines „perfekten" Körpers als Wunschbild eines gesunden Menschen, treibe viele Sportler zu leistungssteigernden Mitteln, die helfen sollen, dieses Ideal schneller zu erreichen. Die verstärkte Marktentwicklung hin zu Nahrungsergänzungsmitteln und die Extrema der gesunden Ernährung treiben den Trend zum „makellosen Körper" zusätzlich voran. Ebenso sei die Vorbildwirkung fatal: Dopende Sportler seien ja oft auch Vereinsmitglieder oder Eltern, die einen gewissen Einfluss auf junge Sportler hätten, so Eva Bunthoff von der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA).

Durch eine klare Definition von Doping im NADA-Code wird eine deutliche Grenze zum Medikamentenmissbrauch im Breitensport gezogen. Jedoch geht die Nada davon aus, dass Doping sowie Medikamentenmissbrauch ein großes Thema im Breitensport darstellt und die Grenze oft verschwimmt. Sauer bezeichnet Doping als „speziellere" Art Medikamente gezielt ihrer ursprünglich heilenden Wirkung zu entfremden – und damit zu missbrauchen. Ob die Marathonläufer aus Bonn ihre Einnahme von Schmerzmitteln als Medikamentenmissbrauch betiteln würden, bleibt ungeklärt.

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Über den Autor

Sophia Köstler

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016