Totgeburt

Sternenkind - still geboren, nie vergessen

24.05.2016

Täglich sterben auf der ganzen Welt tausende Kinder bei einer Totgeburt. Für Betroffene meist ein schweres Schicksal. Ihr Kind wird ihnen oft in einer sterilen Petrischale überreicht. Trotz Änderungen im Bestattungsrecht werden betroffene Familien nur wenig unterstützt. Eine betroffene Mutter erzählt, was es heißt, mit diesem Schicksal umzugehen und wie man Betroffenen helfen kann.

                               Ein Tattoo, 3,7 Zentimeter lang und zwei Zentimeter breit. Ein zierliches Erinnerungsstück, immer da, aber nicht für jeden sichtbar. Steffi entscheidet mit ihren Frisuren, wen sie an ihrem Schicksal teilhaben lässt. |Bild: Vera Kirschbaum

Vorsichtig streicht sich Steffi ihre roten Haare in den Nacken, und da wird es sichtbar: Ein kleines Tattoo, auf den ersten Blick kaum erkennbar, blitzt es unter Steffis Haaren hervor. Ein winziger Fußabdruck, eine Abbildung, die Steffi viel bedeutet. Es ist der originale Fußabdruck ihres Sohnes Marlon, der für immer so klein bleiben wird. Denn Marlon hat nie lebend das Licht der Welt erblickt, im fünften Schwangerschaftsmonat ist er verstorben. Für die 42-Jährige war die Totgeburt ein schwerer Schicksalsschlag.

Steffis Sohn wurde in der 21. Schwangerschaftswoche tot geboren.

Ein Schicksal, das nicht wenige Familien trifft. Nur 67 Prozent der Schwangerschaften weltweit gehen „gut" aus. Laut der Initiative „Nähen für Regenbogenkinder" sterben jeden Tag insgesamt Millionen Kinder vor, während oder kurz nach der Geburt. In Deutschland sind es jährlich etwa 30.000 der sogenannten Regenbogen- beziehungsweise Sternenkinder. Trotz zahlreichen Betroffenen sprach lange Zeit kaum jemand über diese Kinder. Auch rechtlich gesehen blieben sie lange unbeachtet.

500-Gramm-Regelung

Bis 2013 galt in Deutschland die 500-Gramm-Regel. Kinder, die unter 500 Gramm geboren wurden, galten nicht als Totgeburt, sondern als Spätabort und hatten damit kein Bestattungsrecht. 2012 rief ein Ehepaar mit drei Sternenkindern zu einer Petition gegen die Regelung auf. Am 31. Januar 2013 wurde sie einstimmig vom Deutschen Bundestag abgeschafft. Kinder, die unter 500 Gramm geboren werden, haben nun ein Bestattungsrecht und werden auf dem Standesamt beurkundet, sofern die Eltern das wünschen.

Für Steffi kam die Aufhebung der Regelung zu spät. Sie durfte ihren Sohn 2011 nicht ins Familienstammbuch eintragen lassen. Einen Platz auf dem Friedhof hat Marlon trotzdem bekommen. Große Kliniken boten schon vor 2013 halbjährliche Sammelbestattungen für Sternenkinder an. Bei einer solchen wurde Marlon in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Ein wichtiger Ort für Steffi. Hier kann sie trauern und sich ihrem Sohn ganz nah fühlen. Vor allem in der ersten Zeit war es ihr wichtig, einen Platz zu haben, an dem sie ihren „Tränen freien Lauf lassen konnte". Auch das Stechen ihres Tattoos durch einen befreundeten Tätowierer habe ihr in ihrer Trauer geholfen. Trotzdem hatte Steffi lange Zeit mit ihrem Schicksal zu kämpfen. Durch eigene Zweifel und unverständliche Reaktionen aus ihrem sozialen Umfeld fühlte sie sich lange Zeit schuldig.

Steffi fehlt ein gegenständliches Erinnerungsstück an ihren Sohn.

2015 fand Steffi, wonach sie gesucht hatte: In einem Handarbeitsladen entdeckte sie eine Anzeige zu der ehrenamtlichen Aktion „Nähen für Regenbogenkinder". Eine Aktion, die deutschlandweit Nähtreffen veranstaltet, bei denen man Kleidung und Grabbeigaben für Totgeborene sowie Erinnerungsstücke für deren Eltern herstellt. Die Stücke werden an Kliniken vermittelt, die diese an betroffene Familien weitergeben.

Nähen für Regenbogenkinder

Die Privatinitiative wurde 2014 von Diana Reuter, selbst Sternenmutter, ins Leben gerufen und organisiert sich zum Großteil über das soziale Netzwerk Facebook. Die rund 900 ehrenamtlichen Helfer leitet die Idee, den Sternenkindern einen möglichst würdevollen und schönen Abschied zu gestalten, sowie die betroffenen Familien zu unterstützen und ihnen in ihrer schweren Zeit beizustehen.

Für Steffi war es sofort klar, dass sie die Aktion so viel wie möglich unterstützen möchte. Seit 2015 leitet sie zusammen mit der Hauptverantwortlichen Carolin Schurr die Nähkreise in dem Gebiet Bietigheim und Ludwigsburg. Steffis Aufgabe ist vor allem die Kontaktaufnahme und -pflege mit den verschiedenen Kliniken. In Bietigheim treffen sich die Teilnehmer alle acht Wochen zum gemütlichen Arbeiten und Näherfahrungen austauschen. Auch Stoffspenden werden an diesen Treffen verteilt. Menschen aus ganz Deutschland schenken der Initiative unterschiedliche Materialien, beliebt sind zum Beispiel alte Brautkleider. Daraus Deckchen oder Aufleger zu nähen fordere Überwindung, so Steffi. Wer zerschneide schon einfach so ein Hochzeitskleid? Der Nähkreis habe Steffi geholfen, mit ihrem Schicksal umzugehen und sie wünscht sich, ihre Erfahrungen an andere Betroffene weiter geben zu können. Außerdem ist es ihr sowie anderen Betroffenen, wichtig, darüber zu sprechen und zu zeigen, dass da etwas ist, auch wenn kaum einer darüber spricht.

Schühchen, so groß wie ein Daumen. Kleidung, die in eine Handfläche passt.

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Über den Autor

Vera Kirschbaum

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016