Giganten der Musikindustrie

Streaming-Dienste fordern Major-Labels heraus

27.12.2016

Die Musikindustrie – insbesondere die Major-Labels Universal, Sony und Warner – musste sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Kritik gefallen lassen. Sie soll den digitalen Wandel verschlafen haben und keinen Raum zur freien Entfaltung bieten. Hinzu kommt ein seit Jahren ansteigender Konzentrationsprozess. Wie behaupten sich die Riesen der Musikindustrie trotz allem gegen Streaming-Dienste und Raubkopien?

Streaming-Dienste wie Spotify boomen. Die Major-Labels Universal, Warner und Sony sind mit der Entwicklung der Zusammenarbeit bislang jedoch nicht zufrieden. |Quelle: Julian Greenwood

Seitdem Universal im Jahr 2012 das bis dato vierte Major-Label EMI aufkaufte, beherrschen die „Big Three" (Universal, Sony und Warner) den Markt zu mehr als 70 Prozent. Das bedeutet viel Umsatz, allerdings hat es auch seine Schattenseiten: Künstler wie Adele veröffentlichten ihre Alben ganz bewusst unter Independent-Labels, mit der Begründung, bei den Majors weder Raum noch Zeit zur freien Entfaltung zu haben.

Hoher Schaden durch Raubkopien

Doch nicht nur die Kritik der Künstler macht den Major-Labels zu schaffen. Nach Angaben des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) sorgen Raubkopien und illegale Musikdownloads allein in Deutschland jährlich für einen Schaden von rund einer Milliarde Euro. Etwa jede dritte verkaufte Platte ist Schätzungen zufolge eine Raubkopie. „Die erfreulich große Vielfalt im legalen Musikangebot entspricht leider auch dem Spektrum der Rechtsverletzungen zulasten der Künstler und ihrer Partner", sagt BVMI-Geschäftsführer Dr. Florian Drücke.

Der BVMI
Der Bundesverband Musikindustrie vertritt die Interessen von rund 250 Tonträgerherstellern und Musikunternehmen, die gemeinsam etwa 80 Prozent des deutschen Musikmarkts repräsentieren.

Eine weitere Herausforderung für die Major-Labels stellt der Umgang mit kostenlosen Streaming Diensten wie dem Marktführer Spotify dar. Immer wieder bemängeln Label und Künstler die zu gering ausfallende Vergütung. „Werbe-basiertes On-Demand-Streaming wird nicht das gesamte Ökosystem aus Kreativen und Investoren erhalten können", sagte Universal-Music-CEO Lucian Grainge im Rahmen der Code/Media Conference San Francisco im Frühjahr 2015.

Major-Labels drängen auf Ausgleich

Universals Forderung: Spotify soll eine zeitlich begrenzte Probephase festlegen und keine dauerhaft kostenlose Version anbieten. Zusätzlich soll den Künstlern die Wahl überlassen werden, ob sie ihre Musik für die werbefinanzierte Version zur Verfügung stellen wollen.

Nach Schätzungen von Music Business Worldwide (MBW) gibt Spotify derzeit rund 55 Prozent seiner Einnahmen an die Labels ab. Diese fordern jedoch einen Wert von 58 Prozent, wie bei Apple Music. Spotify hingegen will den Wert drücken. Trotz einer Umsatzsteigerung von 80 Prozent im vergangenen Jahr schreibt der Konzern aufgrund immenser Investitionen weiterhin rote Zahlen (-173 Millionen US-Dollar in 2015).

Währenddessen wird der Druck, den die Labels ausüben, immer größer. Im Global Music Report (GMR) der „International Federation of the Phonographic Industry" (IFPI) von 2016 wird offengelegt, wie derzeit eine vergleichsweise kleine Anzahl von zahlenden Kunden für den Großteil der Umsätze sorgt. Der werbefinanzierte Service mit wesentlich mehr Nutzern spielt hingegen viel weniger Geld ein.

"Wir müssen uns bemühen, diese Lücke schnellstmöglich zu schließen, um die Künstler und Investoren angemessen zu bezahlen", sagt Stu Bergen, CEO für kommerzielle Zwecke bei Warner Music im GMR. Mit der Verzerrung des Marktes beschäftigt sich seit Sommer 2016 auch die EU-Kommission.

Internationale Unterschiede

Dass der Fokus in der Musikbranche immer stärker auf Streaming-Dienste gelegt wird, hängt nicht zuletzt von den rasant steigenden Nutzer- und Umsatzzahlen ab.

Streaming Umsätze und Marktentwicklung
2015 stieg der Streamingumsatz in Deutschland um 105,8 Prozentpunkte. In den USA lag der Wert bei 43 Prozent. Insgesamt verzeichnete die Streaming-Branche im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,89 Milliarden Euro. Allerdings grenzt sich der amerikanische Markt derzeit noch stark vom deutschen ab. So machen physische Verkäufe von CD und Vinyl nicht einmal ein Drittel des US-Marktes aus; der digitale Umsatz hingegen liegt fast bei 70 Prozent. Das Gegenstück dazu bietet der deutsche Markt, auf dem die physischen Verkäufe für knapp zwei Drittel des Umsatzes sorgen.

„Streaming hat das Potenzial, eine goldene Ära für die Musik zu werden", sagt John Rees, Vize-Präsident der Warner Music Group im GMR. „Und das mit verschiedensten Anbietern, die einen starken Konkurrenzkampf austragen, bei dem sowohl Künstler als auch Nutzer und die Industrie profitieren."

Zusätzlich sorgt der digitale Wandel für neue Aufgaben in den Arbeitsbereichen der Labels. „Heutzutage haben wir eine neue Generation von Digital Natives. Es ist wie in einer Einsatzzentrale, wo sich jeder darauf konzentriert, was passiert und wie man darauf reagieren kann", sagt Andrew Kronfeld, Vizepräsident im Marketingbereich von Universal im GMR.

Um einem unbekannten Künstler zum Durchbruch zu verhelfen, investieren die Labels bis zu zwei Millionen Euro. Dabei wird immer mehr ein Auge auf die Bereiche Onlinemarketing und Promotion geworfen. Denn auch in Zeiten von Selbstvermarktung in sozialen Medien, etwa via Facebook oder MySpace, setzen die Labels nach wie vor auf eine geordnete Marketingstrategie.

Total votes: 129
 

Über den Autor

Julian Greenwood

Crossmediaredaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016