Online-Uni für Flüchtlinge

Studieren auf der Flucht

20.07.2015

„Integration durch Bildung“ heißt es immer. Vielen Studenten, die aus ihren Ländern nach Deutschland flüchten, bleibt dies oftmals verwehrt. Ohne Papiere, mit mangelnden Sprachkenntnissen und wenig Geld ist es für sie nur schwer möglich, ihr Studium fortzusetzen. Zwei Studenten aus Berlin haben sich diesem Problem angenommen und eine Uni speziell für Flüchtlinge gegründet.

Sie mussten ihre Heimat verlassen, kommen aus fernen Ländern und hoffen in Deutschland auf eine bessere Zukunft. „Hier angekommen, ist es für viele junge Flüchtlinge der sehnlichste Wunsch, ihr Studium, das sie in ihrer Heimat begonnen haben, fortzusetzen und ihre Ausbildung im asylbietenden Land abzuschließen", erklärt Vincent Zimmer. Gemeinsam mit seinem Freund Markus Kreßler und anderen ehrenamtlichen Mitstreitern haben sie die „Wings University" ins Leben gerufen. Die weltweit erste Hochschule für Flüchtlinge soll im Herbst starten.

Das Konzept für die Hochschule, das der 26-jährige Wirtschaftspsychologie-Student Zimmer entwickelte, war ursprünglich nicht an Flüchtlinge adressiert, vielmehr wollte er die Vorteile von anderen ausländischen Hochschulsystemen miteinander verbinden. Bei einem Besuch in Istanbul kam er in Kontakt mit syrischen Flüchtlingen, die ihm von der Problem berichteten, dass von rund 300.000 geflüchteten syrischen Studenten, nur ein ganz kleiner Teil in der Türkei weiterstudieren konnten. Von diesem Moment an war ihm klar, „dass die Idee, ein Problem trifft und der Bedarf für ein solches Angebot riesig ist.

Zahlen und Fakten zum Thema Asyl im Jahr 2014 (Quelle: UNHCR u. Bundesamt für Migration/Grafik: Schiller&Laux)

Das Schlimmste sei das Nichtstun

Dass das Konzept der Gründer einen Bedarf deckt, zeigt die Anzahl der Interessenten. Bislang haben sich rund 7.000 Interessenten auf der Website registriert und jeden Tag kommen etwa 20 neue Bewerbungen hinzu. Sie alle eint ein Gefühl der Ohnmacht und Ziellosigkeit erklärt Zimmer: „Viele unserer Anrufer haben schreckliche Dinge gesehen und erlebt, doch das Nichtstun und die Tastsache, dass Zeit sinnlos verrinnt ist das Schlimmste an ihrer Situation." Er schildert den Fall von Emanuel, der aus Eritrea geflohen ist, um dem Militärdienst zu entkommen. Von Ägypten aus ist er über Italien nach Deutschland geflüchtet, wo ihm Kirchenasyl gewährt wurde. Dort hat er 18 Monate in einer Kirche verbracht und das Gebäude nicht verlassen dürfen. Der ungeklärte Aufenthaltsstatus, die fehlenden Dokumente und das wenige Geld führten zu einem Leben auf Halt, das für die Betroffenen sehr zermürbend sei, meint Zimmer.

Flexibel studieren ohne Pass und Zeugnisse

Diese Hürden sollen mit der Wings University aufgehoben werden, indem Flüchtlingen ein kostenloses und ortsunabhängiges Studium ohne Zulassungsbeschränkung ermöglicht wird. Gleich, ob sich Flüchtlinge noch auf dem Weg in ein neues Land befinden oder bereits eine Unterkunft gefunden haben: Alle Studenten sollen online Zugang zu den Vorlesungen erhalten. Dem Gründerteam kommt zugute, dass US-Elite Unis, beispielsweise Harvard, ihre Vorlesungen zum freien Gebrauch ins Netz stellen. Auf diese Skripte können Zimmer und sein Team zugreifen, bevor sie später Vorlesungen selbst konzipieren. Angeboten werden zunächst die Fächer Ingenieur-, Wirtschaftswissenschaften und Informatik. Unterrichtet wird auf englisch, für andere Sprachen sind Untertitel geplant. Nach und nach sollen die angebotenen Studiengänge akkreditiert werden um den Status einer vollwertigen Hochschule zur erreichen, damit die Abschlüsse anerkannt werden. Erst am Ende des Studiums müssen die Absolventen ihre Identität nachweisen.

Übersicht der Herkunftsländer der Interessenten für die Wings University (Quelle: Wings University/Grafik: Schiller&Laux)

UNICEF hat schon angeklopft

Das Konzept hat sich herumgesprochen und namhafte NGOs, wie UNICEF, haben gefragt, wann es denn endlich losgehen würde, erzählt Zimmer stolz. Zeit zum Zweifeln kommt bei den Gründern daher nicht auf, die ehrenamtlich und teilweise neben dem Studium für das Projekt arbeiten. „Es gibt keine Momente zum Hadern, jeden Tag passiert etwas Neues und die Entwicklung wird immer rasanter, sodass wir Ziele eher nach oben korrigieren." Ursprünglich wollten die Initiatoren mit 100 Studenten starten. Es werden wohl zehnmal soviel sein.

Wie finanziert sich das Projekt?

Als NGO ist die Wings University auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Neben Spenden, bewerben sich die Gründer für Fördergelder der EU. Im Juli soll zusätzlich eine Crowfunding-Kampagne gestartet werden, wodurch die Infrastruktur-Kosten für Lizenzen und Servern gedeckt werden. Zusätzlich wird in Deutschland und in anderen europäischen Ländern eine Kompensation für jeden neu geschaffenen Studienplatz gezahlt.

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Über die Autoren

Gerwin Laux

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2012

Michael Schiller

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2012