Umweltverschmutzung

Stuttgarts kleiner Held

29.06.2017

Überfüllte Mülleimer, Verpackungen im Gebüsch und Zigarettenstummel auf Gehwegen – das muss nicht sein, findet Ko Yamada. Deshalb sammelt der elfjährige Schüler den Müll von den Straßen auf. Vor kurzem hat ihn die städtische Abfallwirtschaft mit Weste und Greifzange ausgestattet.

Der elfjährige Ko zieht mit Mülltüten und Greifzange los und versucht, die Stadt ein bisschen sauberer zu machen. | Foto: Jacqueline Fritsch

Ganz schön schwer sind die aufgerollten blauen Mülltüten. Der elfjährige Ko stemmt sie nach oben und linst stolz hinter der Rolle hervor. „Wie viele Tüten sollen wir mitnehmen?", fragt er und fängt an, eine nach der anderen abzureißen. Für den Transport steckt der Stuttgarter die Tüten in einen schwarzen Mülleimer, der fast so groß ist wie der Junge selbst. Und schon geht es los nach draußen: Müll sammeln.

Es ist heiß an diesem Freitagnachmittag. Andere Grundschüler sind im Schwimmbad oder genießen ein Eis. Aber nicht Ko – er geht auch bei diesen Temperaturen in den Wald, um Müll zu sammeln. Dort ist es schattiger. „Das Problem ist: Ich will nicht so weit laufen", sagt er, „aber beim Müllsammeln mache ich es halt." Denn er weiß genau, was er mit seinem Hobby erreichen möchte: „Die Verschmutzung tut den Tieren nicht gut", sagt der Elfjährige. Er macht sich Sorgen, dass Tiere den Müll von der Straße essen und davon krank werden. Das will er nicht zulassen, denn Tiere sind ihm wichtig: „Ich mag eigentlich alle – außer Zecken", sagt er.

Ein Herz für Tiere

Mit dem Müllsammeln hat Ko ein großes Hobby entdeckt. | Foto: Jacqueline Fritsch

Für sein Engagement bekommt der junge Umweltschützer Anerkennung von der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS). Der städtische Eigenbetrieb ist regelmäßig mit 75 Abfall- und Wertstoffsammelfahrzeugen unterwegs und leert die Mülltonnen der Stadt. Und da gibt es einiges zu tun: Allein im Jahr 2016 wurden in Stuttgart mehr als 143.000 Tonnen Abfall produziert. Dazu kommen noch knapp 85.000 Tonnen Wertstoffe.

„Wenn es in ganz Stuttgart so aussehen würde wie hier, wäre es schön." – Ko Yamada

Kos Liebe zu Tieren spürt man sofort. Er quietscht und drückt die Augen fest zusammen, wenn es zwischen einer Katze und einem Auto einmal eng wird. Er bleibt stehen, wenn Hunde bellend auf ihn zulaufen, sagt „oh süß" oder bellt zurück. Sogar, wenn ein Schmetterling vorbeifliegt, bleibt der Elfjährige stehen und schaut ihm nach. Einem Erwachsenen wäre der Falter womöglich gar nicht erst aufgefallen. „Wenn ich viel Geld hätte, würde ich ganz viele Hunde, Katzen und Vögel kaufen und sie freilassen", sagt Ko. Als Haustier würde er eine Katze aber behalten. Mit nachdenklichem Blick ergänzt der Elfjährige: „Aber die würde ich auch irgendwann freilassen."

Die treue Begleiterin

Auf die Idee kam Ko durch seine Ersatzoma Ursula Hanakata. Sie freundete sich mit der Familie an, als diese vor drei Jahren von Japan nach Deutschland zog. Ko erinnert sich genau an das erste Sammeln mit Hanakata: „Ich hab aufgesammelt und sie hat zugeguckt".

Ursula Hanakata berichtet vom ersten Müllsammeln. | Quelle: Jacqueline Fritsch

Seitdem zieht der Viertklässler regelmäßig mit Ursula Hanakata los und macht unter anderem in den Stadtteilen Riedenberg und Heumaden die Straßen sauber. „Ich habe aber gerade gar nicht so viel Zeit zum Sammeln", sagt Ko. In der Schule steht nämlich bald die Fahrradprüfung an. Damit er dafür üben kann, hat er zum Geburtstag ein Fahrrad bekommen. Das ist ganz im Sinne des kleinen Umweltschützers. Denn er stört sich nicht nur an dem Plastikmüll in der Natur, sondern auch an den Abgasen der Autos.

Die AWS achtet auf Abgaswerte der städtischen Fahrzeuge

Auch um das Abgas-Problem kümmert sich die Abfallwirtschaft. Sie ist für den Fuhrpark der Stadt zuständig, der 909 Fahrzeuge umfasst. Die Aufgabe der AWS ist es, darauf zu achten, dass die Geräusch- und Schadstoffemissionen der Fahrzeuge auf dem aktuellen Stand sind. Bei jeder neuen Anschaffung wird außerdem geprüft, ob ein alternatives Antriebssystem eingesetzt werden kann.

Ko erzählt, wie er sich umweltfreundliches Autofahren vorstellt. | Quelle: Jacqueline Fritsch

Auch wenn es um das umweltfreundliche Fahrradfahren geht, ist Ko an Prüfungstagen nicht gerne in der Schule. Der Elfjährige ist lieber draußen unterwegs. Dann ist es ihm auch ganz egal wo – Hauptsache draußen. „Dieser Ausblick ist so schön", sagt Ko und setzt sich auf den schwarzen Mülleimer, den er die ganze Zeit mit sich trägt. Den hat er von der AWS geschenkt bekommen. Aber nicht nur den Eimer, sondern auch eine Greifzange und eine orangefarbene Weste, damit man ihn besser sieht. „Für ein sauberes Stuttgart" steht hinten auf der Weste. Das bringt Kos Absicht auf den Punkt.

Ko ist gerne im Grünen unterwegs – hier im Silberwald. | Foto: Jacqueline Fritsch

„Wenn es in ganz Stuttgart so aussehen würde wie hier, wäre es schön", träumt er, während er auf dem Eimer sitzt und auf den Silberwald hinüberschaut. „Im Schwarzwald ist es noch schöner, da liegt keine einzige Zigarette rum und es gibt keine Autogeräusche", sagt er.

Der kleine Held der Stadt

Um mehr junge Menschen auf das Problem der Umweltverschmutzung aufmerksam zu machen, hat die AWS Abfallberater eingestellt. Diese besuchen Schulen im Stadtgebiet, sprechen mit den Kindern über Mülltrennung oder organisieren Putzaktionen. Einer von ihnen ist Andreas Matingen. Er überreichte Ko die Westen und Greifzangen und ist begeistert von dem jungen Umweltschützer. „Kinder haben meistens Spaß an den Putzaktionen, die wir mit ihnen machen", sagt er, „aber wenn einer wirklich in seiner Freizeit rausgeht und mit anpackt, ist das natürlich hervorragend." Die orangefarbenen Westen lasse die AWS bewusst vor allem in Kindergrößen herstellen. „Wir sehen bei den jüngeren Kindern eine größere Chance, sie für das Thema zu sensibilisieren", sagt Matingen.

Andreas Matingen berichtet über seine Arbeit an Schulen. | Quelle: Jacqueline Fritsch

Auf Kos Schreibtisch steht eine Miniatur-Mülltonne als Stifthalter; auch die hat er von der AWS bekommen. „In meinem Zimmer räume ich nicht so gerne auf wie draußen", meint er. Nur wenn er Besuch erwartet, sei der Raum ordentlich.

Einen seiner Klassenkameraden konnte Ko bereits von seiner Idee des Umweltschutzes überzeugen. Oft geht er mit einem Freund noch vor dem Unterricht los, um den Pausenhof sauber zu machen. „Da ist es meistens so 7:20 Uhr", sagt er. Deshalb sei seine Zange auch in der Schule und er muss den Müll heute mit den Händen auflesen. „Das ist schon ein bisschen eklig", sagt er. Trotzdem macht er es gerne – der Umwelt und der Tiere wegen.

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Über den Autor

Jacqueline Fritsch

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17