Verbraucherschutz

Täuschung im Supermarkt – wer ist schuld?

29.01.2015

„Foodwatch“, auch bekannt als „die Essensretter“. Sie decken Lügen auf, weisen Unternehmen in die Schranken, schützen die Verbraucher. Doch darf man ihnen blind vertrauen?

Man nehme billiges Wasser, mische es mit Farbstoffen und füge eine Prise Geschmacksverstärker hinzu. Jetzt fehlt nur noch ein vielversprechendes Etikett und das Zuckerwasser wird plötzlich zum gesunden „Vitaminwater". Oder wie wäre es hiermit: Eine Hühnersuppe, die überhaupt kein Fleisch enthält, sondern nur einen Prozent Hühnerfett, um den Geschmack ein wenig aufzupeppen? Einer geht noch: eine Trinkmahlzeit für Babys, die aufgrund von Calcium und Vitamin D gut für das Wachstum sein soll, doch in Wirklichkeit nur zu Überfütterung und Kariesbildung führt.

Lügen wie diese begegnen uns heute überall. Durch vielversprechende Etiketten mit vermeintlichem Gesundheitsnutzen werden Kunden angelockt und fallen auf die Schummeleien herein. „Etikettenschwindel und Täuschung sind im Supermarkt leider eher die Regel, als die Ausnahme", erklärt Andreas Winkler von foodwatch. Mal sind sie mehr, mal weniger frech.

Schmähpreis für dreiste Lügen

Diese unehrlichen Unternehmen hat sich Foodwatch zur Aufgabe gemacht: Seit 2009 verleihen sie jährlich einen Negativpreis – den goldenen Windbeutel – an das Unternehmen, das den Verbrauchern die dreisteste Werbelüge aufgetischt hat. In den ersten beiden Jahren wurde der „Gewinner" durch eine Jury bestimmt, seit vier Jahren dürfen nun die Konsumenten selbst ihre Nummer eins wählen. „Wir bekommen viele Vorschläge von Verbrauchern, die sich über die Produkte aufregen. Die endgültige Auswahl der Kandidaten diskutiert dann das Foodwatch-Team", so Winkler.

Mehr als 158.000 Teilnehmer nahmen an der letzten Online-Abstimmung im September 2014 teil und übergaben mit deutlichen 45,8 Prozent „Nestlé Alete" den goldenen Windbeutel. Die Verbraucher fühlten sich hier am meisten hintergangen, denn Kinderärzte warnen dringlich vor diesen überzuckerten Trinkmahlzeiten, die als gute Babynahrung verkauft werden. Die Plätze zwei bis fünf belegten eine hühnerfleischfreie Hühnersuppe von Knorr, Coca-Colas „Vitaminwater" (aufgepepptes Zuckerwasser), ein zu süßer Belvita-Frühstückskeks von Mondelez und ein Apfelsaft der Marke „Unser Norden", bei dem die „Äpfel aus der Region" überhaupt nicht regional sind.

So haben die Verbraucher abgestimmt. (Quelle: foodwatch.de)

Der Sündenbock

Doch fällt bei den Namen Nestlé, Coca Cola und Mondelez nicht etwas auf? Richtig: Das sind die ganz Großen in der Lebensmittelindustrie! Nutzt Foodwatch also die Bekanntheit der Großkonzerne aus, um auf Täuschungen aufmerksam zu machen?

Georg Lenz absolviert zurzeit seinen Master in „Lebensmittelwissenschaften und –technologie" an der Universität Hohenheim und ist der Meinung, dass Foodwatch die Sache falsch angeht. „Sie sagen schon das richtige, aber ich finde es dreist, explizit einen Hersteller herauszupicken, obwohl alle Unternehmen dasselbe machen." Im Supermarkt solle man mal auf die Suche nach einer Hühnersuppe gehen, die nicht die gleiche Lüge wie Knorr auftischt. Das gleiche gilt für Produkte, die mit Vitaminen werben. Es sei unfair den Unternehmen gegenüber, die alleinige Schuld zu tragen und einen Imageschaden zu riskieren, obwohl die Konkurrenten das gleiche Spiel spielen.

Jeder Hersteller wendet also die gleichen Tricks an und dies scheint erlaubt zu sein. Sind wir Verbraucher etwa selbst schuld oder muss man das Problem bei einer höheren Instanz suchen?

Let’s play the blame game!

„Es ist ein Zusammenspiel aus Industrie, Verbraucher und Gesetzgeber. Die Kombination macht es aus.", so Georg Lenz. Die Richtlinien der Europäischen Union sind noch so lückenhaft, dass Firmen ganz legal täuschen können. Durch nicht angegebene Inhaltsstoffe und leere Versprechen werden Käufer dann unwissend angelockt und ermöglichen der Lebensmittelindustrie enormen Profit.

Selbstverständlich weisen die kritisierten Firmen die Mängel weit von sich – schließlich wird gegen kein Gesetz verstoßen. Legale Täuschung also.

Zu einem gewissen Grad sind Käufer auch selbst schuld. Würde man sich jeden kleingedruckten Inhaltsstoff genauer ansehen und mit den Versprechen auf der Vorderseite vergleichen, so wäre schnell klar, dass hier getrickst wird. Doch klar ist auch: Ohne gesetzlich verankerten Richtlinien wird das Durchschauen der Lügen für den Verbraucher sehr erschwert. Was sind „Maltodextrin" und „Panthontensäure" doch gleich wieder?

„Essen ist Politik"

Foodwatch nutzt das Mittel zum Zweck. Große Unternehmen werden stark kritisiert und manchmal ungerecht behandelt. Doch Andreas Winkler erklärt, dass Foodwatch ein ganz anderes Ziel verfolgt. „Es geht weniger um Verbesserungen bei Mogelprodukten. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass wir endlich klare Regeln für eine bessere Produktkennzeichnung brauchen." Foodwatch verlangt eine verständliche Nährwertkennzeichnung und verbindliche Angaben zur Herkunft der Zutaten und zum Einsatz von Agrar-Gentechnik bei tierischen Lebensmitteln. All das würde bisher fehlen. „Die Erkenntnis wächst, dass nicht wir - als einzelne Verbraucher - das Problem lösen können, sondern, dass wir bessere Gesetze zur Kennzeichnung von Lebensmitteln brauchen. Essen ist Politik!", so Winkler

Der richtige Ansatz

Durch den goldenen Windbeutel ist das Thema Verbrauchertäuschung viel stärker in die Öffentlichkeit und somit auch auf die politische Agenda gerückt. Doch klarer Verlierer in diesem Spiel ist die „böse Industrie", die im Namen aller die Kritik ausbaden muss. „Ich würde mir wünschen, dass die Produkte als Beispiel für eine generelle Kategorie genannt werden", äußert Georg Lenz. „Verbraucher haben stets das Gefühl, boshaft hinter’s Licht geführt zu werden. Doch in der Lebensmittelindustrie arbeiten normale Menschen, die wieder eine ganz andere Sichtweise auf das Thema haben."

Man muss also immer alle Perspektiven betrachten. Sündenbock hin oder her – die Verbrauchertäuschung muss in Zukunft minimiert werden. Dies passiert jedoch nur, wenn alle Teilnehmer bereit dazu sind.

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Über den Autor

Anna-Lena Hildebrand

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SoSe 2014