Sexismus in der DJ-Szene

Tarzan und DJane – Rave zwischen Rollenbildern

25.01.2017

Nur, weil man ihn zwischen wirren Lichtertänzen, dreckig dröhnenden Bässen und politischer Korrektheit kaum mehr wahrnimmt, ist Sexismus hinter den Reglern längst nicht verschwunden. Ein Plädoyer für mehr Frauen in der Techno DJ-Szene.

Club Romantica, Stuttgart: Wenn Tarzan ins Mischpult greift.|Quelle: Florine Pfleger

Schillernde Farben, satte Bässe und ein Schuss trunkene Leichtigkeit. Im Club-Mikrokosmos wirkt das dunkle Nachtleben noch bunt und grenzenlos, weit abseits von allem was irgendwie Bauchschmerzen bereiten könnte. Bis dann am nächsten Tag alle mit schlimmen Sexismuskopfschmerzen aufwachen. Leicht benebelt noch von einer Überdosis unreiner Political Correctness, die seitens Veranstaltern ins Getränk gemischt wurde. „Es gibt einfach nicht so viele weiblichen DJs… und, und, und. Mittlerweile sind die Frauen ja gleichberechtigt." Sagen Sie diese Sätze, ohne dabei rot zu werden – Lektion 1 aus dem Handbuch: „Wie werde ich Techno Veranstalter?" Die Seiten femalepressure.net und fremdex.net bieten schon lange Datenbanken von weiblichen DJs, auf denen es für Booker eine Leichtigkeit ist, Künstlerinnen jedes elektronischen Genres zu finden. Wenn man nur will.

Denn klickt man sich dann mal durch die Datenbanken, findet man auf der Seite des female pressure Netzwerks verheerende Zahlen über das prozentuale Tarzan-DJane Verhältnis. Der Chauvi-Turnbeutel-Raver kann sich in 90 Prozent der Fälle auf einen durch und durch männlichen DJ freuen. Aber auch auf Festivals und bei Labels sind DJane Mangelware.

Tarzan vs. DJane |Grafik: Florine Pfleger


Swinka Rummel ist Mitglied des Netzwerks und findet im Interview deutliche Worte zur männliche Dominanz in der Szene: „Ich muss das gar nicht im Konjunktiv formulieren – es ist total klar, dass die DJ- und Clubszene eine männlich dominierte ist und ein männlicher Veranstalter bucht natürlich eher seine Kumpels als die schlechter vernetzten Frauen." Die träge, behaarte Einseitigkeit hinter den Reglern verdanken wir also dem großen Techno-Männerstammtisch, bei dem zwischen Bier und Kippe wöchentlich Gigs hin und hergeschoben werden. Aber spinnen wir dieses Bild doch einmal anhand von Swinkas Aussagen weiter: Ab und an dürften dann auch ein, zwei weibliche DJs vorbeischauen, für den großzügigen zehn Prozent Anteil und nicht zu vergessen: das Auge, klar, man ist ja nicht sexistisch – was man sich durch ständiges Zunicken in der trunknaiven Stammtischatmosphäre irgendwann tatsächlich selbst glauben könnte. Der Zigarettenrauch würde die Köpfe noch weiter vernebeln und die original dreisten Chauvi-Sprüche der Clubgänger, wie: „Du machst ja ganz geilen Sound, aber du könntest dich auch ruhig mal ein bisschen dazu bewegen", müssten sich zusammen mit dem Gefühl für Ungerechtigkeit leider voll und ganz im Rauch auflösen.

Wenn die Frauen mit der zehn Prozent Quote nicht auskämen, dann sollen sie eben zum merkwürdigen Tisch des Berliner Nachtclubs „About Blank" gehen, könnte einer der Männer trotzig lallen, die hätten ja wohl diese 50:50 Quote. Wahrscheinlich würde er sich dann verstohlen zur Kellnerin herüberlehnen: „Zu denen, diesen Berliner Hipstern, hat sich von uns Veranstaltern und DJs aber noch niemand getraut." Klar, sonst könnte man ja dazu stoßen und im schlimmsten Falle erkennen, dass Bier trinken und Kippen rauchen mit gleichanteilig Frauen überaus gut funktionieren kann. Obwohl das auf die Dauer ziemlich ungesund sein muss, für so ein kleines, zerbrechliches, weibliches Wesen…

…ach, jetzt reicht es aber auch mal wieder mit spinnen. Nein, Halt! Nicht ich! Das Bild, das Bild spinnen, natürlich. Der Erfolg der Berliner Hipster spricht jedenfalls für sich, in keinen der Top 10 Berliner Clubrankings muss man lange nach „About Blank" suchen. Im Interview äußerten sie sich deutlich, dass „es ein Ziel sein muss, in einer emanzipierten Gesellschaft allen Geschlechtern die gleiche Bühne zu geben". Und noch deutlicher, dass sie bis jetzt keinerlei Nachteile aus ihrer klar feministischen Linie gezogen hätten – ganz im Gegenteil: es werde „als eine Besonderheit" geschätzt.

Solange die wehrten Herren am Stammtisch das jedoch nicht verstehen wollen, sollten sich DJanes ganz einfach weiter an die Nummer eins unter den Ernährungstipps halten:

Am gesündesten ist traditionell das stark männliche Vitamin B.

Aber jetzt muss ich doch noch ein letztes Mal spinnen. Pointen von Spinnern sind auch meist die Besten – Indianerehrenwort: „Ja, so ist es im Leben", würde die Kellnerin kurz vor Ende noch leise vor sich hin säuseln, während sie klischeehaft die Bierflecken vom Tisch wischen dürfte, „DJane kommt ohne ihren Tarzan eben nicht weit".

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Über den Autor

Florine Pfleger

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016