SOUP DU JOUR e.V.

Tellerweise Solidarität

07.06.2017

Vorurteile in der Gesellschaft ausräumen und Menschen wieder zusammenbringen: das sind die Ziele des SOUP DU JOUR e.V. Nach dem Bezahl-was-du-willst-Prinzip verteilt der Verein regelmäßig Suppe am Werderplatz in Karlsruhe – an jeden der möchte.

SOUP DU JOUR bei der letzten Suppenküche. |Foto: SOUP DU JOUR

15 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters haben sich in einer kleinen, holzvertäfelten Kneipe im Karlsruher Westen zum Vereinsstammtisch eingefunden, um die Aktivitäten des nächsten Monats zu planen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie möchten sich für die Gesellschaft einsetzen und etwas verändern. Katharina ist 26 Jahre alt und arbeitet eigentlich als Akademische Mitarbeiterin. Sie engagiert sich, um beim gemeinsamen Essen mit Menschen ins Gespräch zu kommen, denen sie sonst im Alltag nicht begegnen würde.

„Wir haben das Gefühl, dass sich die Gesellschaft immer mehr entzweit."

Der Wirt scheint gerade nur für diese Gruppe seine kleine Kneipe geöffnet zu haben – einzelne Mitglieder begrüßt er mit: „Wie immer?" Es ist eng geworden um die lange Tafel, einige sitzen bereits in einer zweiten Stuhlreihe. Pascal hat für die kommende halbe Stunde das Wort. Eigentlich will er nicht derjenige sein, der spricht und den Verein, gemeinsam mit zwei weiteren Vorstandsmitgliedern, leitet – gerne würde er Verantwortung abgeben, denn einzelne Personen stehen hier genauso wenig im Vordergrund wie die Finanzierung. Geld spielt hier eigentlich am liebsten gar keine Rolle und das in vielerlei Hinsicht: Suppe gibt es für alle, jeder zahlt, was er hat und geben möchte. Menschen finden dabei zusammen, egal ob arm oder reich, krank oder gesund, jung oder alt, hetero- oder homosexuell, dick oder dünn. „Wir wollen Grenzen abbauen, denn wir haben das Gefühl, dass sich die Gesellschaft immer mehr entzweit – die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter vergrößert. Auch die Missgunst untereinander nimmt zu", erklärt Magnus, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Die Suppenküche bietet das Medium dafür. „Unser Fokus liegt nicht auf dem bloßen Verteilen von Essen, sondern viel mehr darauf, den Dialog unter unseren Gästen zu fördern", ergänzt Annabelle, Gründungsmitglied von SOUP DU JOUR.

Wie es zur Vereinsgründung kam und welche ganz persönliche Geschichte dahinter steht, erzählt Pascal im Videointerview.

Vereinsvorstand Pascal Bremmer im Interview. |Video: Magdalena Uelner und Ann-Christin Kulick

Dass es notwendig ist, Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen zusammenzuführen, ist nicht nur Pascals persönliche Meinung. Das zeigt auch eine Erhebung von Statista aus dem Jahr 2015, laut der 21,3 Prozent der Deutschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind.

Armut und soziale Ausgrenzung in Deutschland | Grafik: Ann-Christin Kulick via Piktochart

Die Gründe dafür, dass Menschen auf der Straße oder im Drogenmilieu landen, sind vielfältig – eine Gemeinsamkeit hat Streetworker Oliver Högner in seiner jahrelangen Arbeit für die Diakonie in Karlsruhe aber festgestellt: „Irgendwann in ihrem Leben sind all diese Menschen einmal sehr verletzt worden. Das hat sie zu den Drogen gebracht. Schicksalsschläge verschonen keinen. Wir sprechen in der Szene auch mit Akademikern. Bildung und Lebenswandel schützen nicht." Die Arbeit von SOUP DU JOUR findet Högner lobenswert: „Die Aktionen kommen bei den Menschen am Platz (Anmerkung der Redaktion: Bezeichnung für den Werderplatz in Karlsruhe) gut an."

„Das gibt mir ein Stück Normalität."

„Ich freue mich über den Austausch", sagt Olaf (42)*. „Ich habe mich bei deren Newsletter angemeldet und weiß immer, wann was ist, ab und an kann ich bei einem Freund ins Internet. Die Leute von SOUP DU JOUR helfen mir einfach dadurch, dass sie keinen Unterschied machen, nicht von oben herab schauen, sondern offen sind und einfach mal zuhören. Das gibt mir ein Stück Normalität. Ich will nicht jammern, aber es gibt nicht viele Menschen, die das so machen." Und Michael (51)* erzählt: „Von Menschen, die an uns vorbeilaufen, werden wir immer krumm angeschaut. Das tut einfach weh. Dabei sind viele von uns unverschuldet da rein geraten. Ich brauche was zu essen und ich freue mich über Gespräche mit normalen Menschen, die mich auch als normalen Menschen würdigen."

Die Suppenküche im Einsatz

Die Vereinsmitglieder von SOUP DU JOUR beim Stammtisch und einer Verteil-Aktion auf dem Werderplatz in Karlsruhe. |Fotos: Miriam Steinbach, SOUP DU JOUR

Auch Pascal ist außerhalb der Suppenküche auf der Straße unterwegs und lernt Menschen schon mal persönlicher kennen. Er erzählt von Peter*, mit dem er ins Gespräch kam, weil er den gleichen Dialekt sprach. „Wir kannten die gleichen Orte, die gleichen Leute, waren beide um die 30 Jahre alt – er war quasi ich, nur dass er irgendwie auf die schiefe Bahn geraten war. Ich kam nach Karlsruhe, weil es sich im Job so ergab, er um der Szene zu entfliehen, was ihm aber nicht gelang", erzählt Pascal.

Mitmachen
Ihr wollt euch engagieren? Dann meldet euch unter info@soup-du-jour.de

Gegründet: 3. Februar 2016
Vorstand: Pascal Bremmer,
Magnus Sauer, Katharina Mayer
Mitglieder: ca. 43

Ob Peter probiert hat, von den Drogen loszukommen? Eine fast schon banale Frage. Ja, natürlich, aber am Ende habe er dann doch keinen Sinn darin gesehen. Es gehe ihm gut mit seinem Leben. Jetzt verliere er aber nach und nach seine Zähne. Der Drogenkonsum hat zur Folge, dass sie langsam zerbröseln. „Klar könnte man sagen, er nimmt Drogen, er ist selbst schuld, aber so stimmt das nicht. Wenn man da einmal hineingeraten ist, kommt man so leicht nicht mehr raus. Wir können das mit SOUP DU JOUR nicht ändern, aber wir stehen in Kontakt und Peter und ich sind inzwischen irgendwie sowas wie Freunde. Und das ist ja schon einmal was."

*Namen von der Redaktion geändert

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Über die Autoren

Ann-Christin Kulick

Crossmedia Publishing & Management
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017

Magdalena Uelner

Crossmedia Publishing & Management
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016