Roboterjournalismus

Texte auf Knopfdruck – der Roboterredakteur auf dem Vormarsch

18.01.2016

Zur Reihe der „gefährdeten Berufsarten“ können bald die Journalisten gehören. In nur wenigen Sekunden verfassen Roboter schon heute selbstständig Artikel und lernen rasant dazu. Übernimmt der Computer nun auch das Denken?

Bild: Dominik Harsch

Achtung, diesen Artikel hat ein menschliches Wesen verfasst. So selbstverständlich ist es allerdings nicht mehr, dass der Inhalt der Morgenzeitung noch auf der Fleißarbeit eines Journalisten beruht. Hinter dem neuen Schreiberling steckt eine körperlose Software.

In Deutschland bieten bereits drei Unternehmen den Service von computergenerierten Texten an. Eins davon ist die Stuttgarter „Aexea GmbH". Der Leiter ihrer Software-Entwicklung, Frank Feulner, beschreibt den maschinellen Konkurrenten so: „Es ist eine Form der künstlichen Intelligenz, die aus einer Vielzahl von Daten relevante Informationen ermittelt und diese in eine leserfreundliche Geschichte umwandelt."

Nachrichten und Servicetipps in Sekundenschnelle

Selbst um einen passenden Kommentar wie „Packen Sie heute Ihre Shorts aus!" ist der digitale Alleskönner nicht verlegen. Ein automatisierter Wetterbericht teilt seinen Lesern nicht nur die aktuelle Temperatur mit, zusätzlich ermittelt er daraus einen Nachrichtenwert. Dazu vergleicht ein komplexer Algorithmus das Wetter mit den Werten aus der Vergangenheit und interpretiert daraus beispielsweise, dass es mit zehn Grad Celsius im Dezember außergewöhnlich warm ist.

Das gleiche Prinzip funktioniert auch bei anderen Nachrichten. Besonders beliebt ist die Software in zahlenlastigen Ressorts wie Sport und Wirtschaft. Aber auch in Mode- und Reiseartikeln sowie im letzten Promiklatsch kann allein der Computer seine Finger, beziehungsweise Algorithmen im Spiel haben.

Bild: Dominik Harsch, Olga Henich

Robotertexte wirken glaubwürdiger

In der Studie der Ludwig-Maximilians-Universität in München konnten knapp tausend Probanden keine Grenze zwischen maschinell und menschlich verfassten Sportberichten erkennen. Verblüffend erscheint vor allem, dass Robotertexte als glaubwürdiger eingestuft wurden und selbst in puncto Spannung und Unterhaltsamkeit den menschlichen Formulierungen in nichts nachstanden.

Laut Frank Feulner von „Aexea" begegnen wir automatisierten Artikeln mittlerweile öfter als gedacht. Als im März 2014 in der „LA Times" eine Meldung zum Erdbeben in Los Angeles erschien, sorgte der Hinweis, dass sie von einem Algorithmus verfasst wurde, für mehr Aufregung als die Nachricht selbst. Während US-amerikanische Nachrichtenagenturen und Zeitschriften wie „Forbes" – ohne einen Hehl daraus zu machen – die Automatisierungssoftware anwenden und ebenso offen Stellen kürzen, bedienen sich die deutschen Medien solcher Programme oft lieber im Stillen. Obwohl die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die „Berliner Morgenpost" bereits mit Roboterartikeln experimentieren, möchten sich die meisten Zeitungen dennoch nicht „outen". Warum eigentlich?

Maschinen brauchen weder Schlaf noch Urlaub

Was zu Beginn praktisch und zeitsparend erscheinen mag, bringt auf Dauer Veränderungen mit sich. „Der teuerste Faktor bei der Produktion von Nachrichten ist natürlich immer der Mensch. Da ist der Algorithmus für den Verlag verlockend günstig", betont Professor Oliver Zöllner vom Institut für Digitale Ethik. Ein menschlicher Arbeitnehmer verlangt Gehalt, braucht einen Sitzplatz und schließlich auch noch Urlaub. Die Software hingegen ist bereits ab 1.000 Euro monatlich zu haben. Der Roboterjournalist kann über 90 Millionen Texte am Tag produzieren, beherrscht elf Sprachen und wird zudem nie krank.

„Die Technik ist nicht die Bedrohung, sondern der Umgang der Journalisten damit", sagt Peter Welchering vom Deutschen Journalistenverband. Als mögliche Option sieht er das Prinzip der Arbeitsteilung. Das Verfassen von Nachrichten in hohem Tempo setzt Journalisten unter Druck und raubt ihnen die Zeit für gründliche Recherche. Eine Software, die komplexe Datenmengen in lesbare Artikel umformuliert und unliebsame Routineaufgaben übernimmt, kann diese Freiräume schaffen. Welchering fordert trotz allem: „Die Maschine darf niemals den wertenden Journalismus ersetzen."

Roboter haben keinen Humor

Wenn das passiert, sieht Professor Dieter Dörr vom Mainzer Medieninstitut die Pressefreiheit in Gefahr: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Algorithmen anfangen im demokratischen Gefüge unsere öffentliche Meinung zu bestimmen oder sogar zu dominieren." Wichtig sei es, transparent zu machen, wer und nach welchen Kriterien einen Artikel geschrieben hat.

Auch wenn Roboter blitzschnell fehlerfreie Artikel schreiben können, fehlt den Maschinen die Persönlichkeit, die einen guten Artikel ausmacht: Den Humor und die Ironie eines Menschen können Programme nicht ersetzen. Noch nicht.

Wie es um die Zukunft des Roboterjournalismus steht, berichtet im folgenden Podcast-Interview der Entwickler der Software, Frank Feulner, und der Vorstand des Deutschen Journalistenverbands, Peter Welchering

Podcast

Autoren: Dominik Harsch, Olga Henich

Mehr Infos

Anbieter der Software: Aexea

Deutscher Journalisten Verband

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Über die Autoren

Olga Henich

Unternehmenskommunikation, Master
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Dominik Harsch

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16