Kampfmittelbeseitigung

Tickende Monster unter der Erde

23.05.2016

Sie lernen von Einsatz zu Einsatz, denn ein falscher Griff kann das Leben kosten: Die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Baden-Württemberg setzen sich täglich einem hohen Risiko aus um „vergessene“ Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen. Warum immer wieder Munition gesichtet wird und was einen dazu bewegt, Kampfmittelbeseitiger zu werden, erzählt mir Mathias Peterle.

Eingang zum Munitionsgelände Rohrer Pfad: Nur Befugten ist der Eintritt gestattet. |Bild: Lea Allgayer

Dienstag, 19. Januar 2016: 18 Uhr. Die Türen der Hochschule der Medien öffnen sich und ich trete in die Dunkelheit hinaus. Meine Gedanken drehen sich um den bevorstehenden WG-Abend. Erschöpft und ausgelaugt stapfe ich durch den strömenden Regen in Richtung S-Bahn. Ich bemerke zwar die große Menschenansammlung an der Bushaltestelle, laufe jedoch guten Mutes als einzige die Treppe zum Gleis nach unten. Dort die Gewissheit: Streckensperrung wegen einer Bombenentschärfung auf der Stuttgart21-Baustelle. Mir wird schlagartig bewusst, dass dies ein langer Abend werden wird. Im Bett dann der Gedanke: Wie kommt es dazu, dass immer noch massenweise Bomben aus Kriegszeiten unter der Erde „vergessen" liegen?

Erbe der Alliierten

Drei Monate später bekomme ich die Möglichkeit beim Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) des Regierungspräsidiums Stuttgart vorbeizuschauen. Mathias Peterle, gelernter Feuerwerker und stellvertretender Dienststellenleiter des Munitionslagers Rohrer Pfad, wird mir Frage und Antwort stehen.

Dass auch noch 71 Jahre nach Kriegsende fast täglich Munition gefunden wird, erklärt der 36-Jährige folgendermaßen: „Wer wollte damals nicht den zweiten Weltkrieg und das Elend schnell vergessen? Die Menschen hatten andere Sorgen als Kampfmittel zu suchen. Die wollten wieder Wohnbebauung hochziehen, damit die Bevölkerung im Trockenen und Warmen saß."

Die Gründe für blindgegangene Bomben könnten unterschiedlicher nicht sein: Materialfehler, nicht gelöste Sicherheitsdrähte oder zu geringe Abwurfhöhen - Jeder Einsatz ist anders. Vor allem Langzeitzünder, welche bis zu 144 Stunden nach ihrem Aufprall auf der Erdoberfläche detonieren können, bilden die Hauptaufgabe des staatlichen Räumdienstes. Die chemisch-mechanischen Bomben dringen bei Nichtfunktion der Zündsysteme bedingt durch Form und Eigengewicht in den Boden ein. Dort vollziehen sie eine Kurve und bewegen sich wieder Richtung Erdoberfläche. Hier bleiben sie bis zum Tag ihres Freilegens umgekehrt liegen, sodass das chemische Aceton, welches zur Detonation der Bombe führen sollte, nicht auslaufen kann.

Munitionslager Rohrer Pfad

Wie sieht geborgene Munition aus? Und wo ist der staatliche Räumdienst überhaupt stationiert? - Einblicke in den eigens vom KMBD errichteten Ausstellungsraum und das Munitionslager Rohrer Pfad.

Bombenfunde proportional zu Baubranche

Dass diese vergessenen Kampfmittel im Erdbereich ungefährlich sind, sieht Peterle als einen weit verbreiteten Irrglauben in der Bevölkerung. Mit der Zeit werden die Funde durch Materialermüdung immer brisanter. Auf die Frage, weshalb in letzter Zeit vermehrt Bomben gefunden werden, hat der Feuerwerker eine einfache Antwort: „Je nachdem wie stark die Baubranche boomt und umso mehr gebuddelt wird, desto häufiger kommt es vor, dass man solche Bomben ausgräbt."

2016 spricht er von einem bombenstarken Jahr: Bereits zwölf Funde gab es bis Mitte April. Da nach Kriegsende Kampfmittelortung zweitrangig war, wurden oftmals nur die Kraterlöcher zugeschüttet und Häuser darauf gebaut. Die Gebäude aus den 50er Jahren sind mittlerweile in die Jahre gekommen; es wird vermehrt abgerissen und neubebaut. Durch momentane Bauplanerweiterungen in Gewerbegebieten gelangt man in Bereiche ehemaliger Flakstellungen. Diese Flugabwehrkanonen, welche die gegnerischen Luftangriffe abhalten sollten, befanden sich vor den nun zu bebauenden Orten und wurden verstärkt bombardiert.

Sichtung der Munition

Vor allem Großstädte wie Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim sorgen immer wieder mit Schlagzeilen um Entschärfungen für Aufsehen. Der stellvertretende Dienststellenleiter erklärt dieses Phänomen durch die Primärziele der Alliierten - Städte, Industrie, Bahn und Militäranlagen wurden demnach hauptsächlich bombardiert, sodass es an solchen Stellen verstärkt zu Munitionsfunden kommt.

Informationen über mögliche Fundorte bekommt der KMBD von Zeitzeugen und durch Luftbildauswertung. Seit Mitte der 80er Jahre von den Alliierten die Archive geöffnet wurden, stehen dem Räumdienst eine Vielzahl an Luftbildern zur Analyse und Auswertung zur Verfügung. Allein für die „Bombensuche am Schreibtisch" hat der KMBD sechs festangestellte Spezialisten.

Eine Prognose bis wann Deutschland bombenfrei sein könnte, möchte Peterle nicht geben. Dass er bis zur Rente einen festen Job haben wird, da ist er sich aber sicher: „Als ich vor 14 Jahren angefangen habe, wurde gesagt, dass man die nächsten fünf Jahrzehnte noch Arbeit haben wird. Davon spricht man immer noch."

Wie läuft eine Bombenentschärfung ab? Lernt selbst und verfolgt die einzelnen Schritte.
|Grafik: Lea Allgayer via Piktochart, Quellen: Mathias Peterle

„Ich bin da über die Verwaltung reingerutscht"

Er selbst sieht sich als Quereinsteiger in seinem Beruf. 2002 erfolgte die Bewerbung als Verwaltungsfachangestellter am baden-württembergischen Stützpunkt Rohrer Pfad. Nach und nach eignete er sich Wissen außerhalb seines Aufgabengebietes an. Neugier und Motivation wurden schließlich belohnt: Mathias Peterle durfte auf die Sprengschule nach Dresden, um seine Ausbildung als Feuerwerker und Truppführer zu absolvieren. Im Normalfall sind dafür Vorkenntnisse im metallverarbeitenden Gewerbe und bei der Bundeswehr nützlich. Dass er nun einen der gefährlichsten Berufe in ganz Deutschland ausübt, mussten auch Freunde und Familie verkraften: „Die Eltern sind natürlich nicht begeistert. Die hätten sich gewünscht, dass ich weiter in der Verwaltung gearbeitet hätte. Ist halt sicherer."

Für den 36- Jährigen ist es jedoch ein Job wie jeder andere. Ein bestimmtes Ritual vor einer Entschärfung hat er nicht. Er verlässt sich auf sein Know-how und seine Ausbildung; Beten kommt ihm nicht in den Sinn. Und trotzdem ist jede Entschärfung wie die Erste, denn Routine tötet: „Da gibt es immer den Standardspruch: Angst nein, Respekt ja. Wenn man Angst hat und an die Munition rangeht, ist man verkehrt in dem Beruf."

Nach drei Stunden und mit über 40 Minuten Audiomaterial in der Tasche mache ich mich auf den Heimweg. Das Tor des Munitionsgeländes Rohrer Pfad schließt sich hinter mir. Mathias Peterle geht wieder seiner eigentlichen Arbeit nach: „Vergessene" Bomben aus Kriegszeiten zu bergen und damit Baden-Württemberg jeden Tag ein Stückchen sicherer zu machen.

Wie viele Einsätze hat der KMBD jährlich? Und wie lange gibt es den Räumdienst denn schon? Fakten rund um die Kampfmittelbranche liefert die interaktive Infografik.
| Grafik: Lea Allgayer via Piktochart, Quellen: Mathias Peterle

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Über den Autor

Lea Allgayer

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16